Ohne Doktrin gibt es keine Christen – „Erfahrung“ und Faszination genügen nicht, um Jesus nachzufolgen

Papst Franziskus, vermeintliche Verteidiger konstruieren einen Gegensatz zwischen Lehre und "Erfahrung"(Rom) Das Autorenduo Mario Palmaro und Alessandro Gnocchi antwortet in seinem jüngsten Beitrag auf den Aufsatz „Franziskus will uns nicht einbalsamiert. Lieber G&P, wehe man verstaubt Jesus mit einer ungastlichen Doktrin“, eines Regisseurs aus Bologna, der unter dem Künstlernamen Emmanuel Exitu bekannt ist. Den Angriff nehmen die beiden Autoren zum Anlaß, um auf eine Vielzahl gleichlautender Zuschriften zu antworten, die sie in den vergangenen Monaten, seit ihrer Kritik am Pontifikat von Papst Franziskus von katholischen „Normalisten“ und „Progressiven“ erreichte, einer seltsamen Allianz, die bis vor kurzem – oder sagen wir es präziser – unter dem Pontifikat von Benedikt XVI. noch undenkbar schien.

Palmaros und Gnocchis Kritik konzentriert sich vor allem auf einen Punkt: den Versuch die ewiggültig und präzise Glaubenslehre hinter einer verschwommenen, zweideutigen Pastoral der „Erfahrung“ verschwinden zu lassen. Sie wenden sich gegen einen konstruierten Gegensatz zwischen Theorie und Praxis und fordern deren zwingende Einheit, wie es die Kirche immer gelehrt hat. Die Kirche müsse stets und ohne Abstriche die klare Lehre Jesu Christi verkünden, die als einzige wirklich menschenfreundlich ist, und gleichzeitig den einzelnen Sünder barmherzig in die Arme nehmen, ihn unterweisen und ihm den Weg zur Einhaltung der Gebote weisen kann.

Wo die „Erfahrung“ und die „Praxis“ die Lehre verdrängen, befinde sich das Schiff des Petrus in einer bedrohlichen Schieflage. Bedroht sind dabei vor allem und in erster Linie immer die Seelen, deren Rettung aufs Spiel gesetzt wird. Emmanuel Exitu, der für sich in Anspruch nimmt, Papst Franziskus zu verteidigen und dessen Gedanken und Absichten zu kennen, konstruiert in Anspielung auf päpstliche Worte einen Gegensatz zwischen einer „fröhlichen“ Kirche und einer „einbalsamierten“ Kirche, die in die „stickige“ und „erstickende“ Enge der Kirchen „eingesperrt“ sei. Der Kritik von Exitu, die stark an einen anderen künstlichen Gegensatz von einer angeblichen „Machtkirche“ gegen eine angebliche „Liebeskirche“ erinnert, antworten Gnocchi und Palmaro mit literarischen Hinweisen auf Giovannino Guareschi und Gilbert Chesterton. Diesen könnte sich auch Ernest Hello (1828-1885) hinzugesellen, der sagte: „Der mediokre Mensch beklagt, daß die christliche Religion Dogmen hat. Er würde sich wünschen, daß sie die Moral lehrt und fertig. Und wenn du ihm sagst, daß die Moral der christlichen Kirche als logische Konsequenz ihren Dogmen entspringt, wird er dir antworten, daß du übertreibst“.

Da der mit Pseudonym auftretende Kritiker den Rechtsphilosophen Mario Palmaro und den Journalisten Alessandro Gnocchi als G&P in der dritten Person Einzahl anspricht und nicht als zwei Personen, haben sich die beiden Autoren entschlossen, auch als G&P in der ersten Person Einzahl zu antworten.

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Ohne Glaubenslehre gibt es keine Christen – Erfahrung, Faszination und Attraktion genügen nicht

von Alessandro Gnocchi und Mario Palmaro (in diesem Fall alias G&P)

Wäre da nicht das Funken des Schreibstils, würde sein leidenschaftlicher Blick auf Christus genügen, daß man dem Schurkenritt von Emmanuel Exitu zwischen den geistlichen Armseligkeiten von Gnocchi und Palmaro (G&P) Aufmerksamkeit schenkt. Auch wenn Emmanuel eben diesen leidenschaftlichen Blick einem Nächsten, dem er nie begegnet ist, präventiv und mit großzügigem, ein bißchen inquisitorischem und ein bißchen jakobinischem Eifer abstreitet.

Es stimmt, daß seine zehntausend Schlagwörter Themen, Argumente, Stehsätze, Totem und einstudierte Formeln wiederholen, wie sie vielen anderen Briefen aufgepropft wurden, die in dieser Zeit auf dem Schreibtisch von G&P gelandet sind: alle gleich, alle verzweifelt schon ab den ersten Zeilen auf die Disqualifizierung des Gegenübers fixiert, um dann, Wendung um Wendung, zur Begegnung mit Don Giussani zu gelangen, ohne daß der Adressat je das Prickeln verspürt hätte, ums Eck irgendetwas oder irgendwen Unerwarteten vorzufinden, ohne jeden Schauer, was épater le bigot könnte. Was für eine Langeweile.

Langweilige Kritik und ein Zeichen, das zumindest ein kleinwenig Menschlichkeit zugesteht

Hier aber spürt man die Leidenschaft und man spürt auch einen gewissen intellektuellen Atem, den der Absender verbirgt und nicht verbirgt. Nicht zufällig legt er sich schon mit dem Künstlernamen eine Identität zu, die einem literarischen Werk entliehen ist, mit dem er sich zu einem bloßen Zitat macht, aber es gelingt ihm an mehr als einer Stelle, der erdrückenden Umarmung des Denkens und des Lebens anderer zu entfliehen. Und sobald er sich ihrer befreit, spricht, sagt, schimpft, kratzt und – ohne die Sorge widerlegt zu werden – liebt er. Jenes G&P, abgehandelt in der dritten Person Singular, ist Zeichen eines Interesses, das dem Gegenüber zumindest noch ein kleinwenig Menschlichkeit zugesteht. Ein cadeau verpackt als kleine literarische Erfindung, die G&P nicht gleichgültig lassen, sondern veranlassen, in der ersten Personal Singular zu antworten: damit wir uns besser verstehen zu den Dingen, die wirklich zählen.

Die strahlende Helligkeit der Liturgie „erstickt“ nicht

Angefangen bei Jesus, den ich nicht zitiert hätte, der aber in Wirklichkeit Blut und Seele von jedem Buchstaben und jedem Leerzeichen ist, mit denen meine Seiten geschrieben wurden und die imstande waren, sogar eine auf den ersten Blick so nüchterne und unkonventionelle Kreatur wie Emmanuel Exitu zu schockieren. Es genügt, jene Zeilen noch einmal zu lesen, oder vielleicht sie einfach wirklich zu lesen, um sich bewußt zu werden, daß man nicht bei jedem Schritt von der „Begegnung mit Jesus“ schreiben muß, um den Sohn Gottes in den eigenen Adern und in der eigenen Seele zu spüren, und ihn sich im eigenen Leben zu eigen zu machen. Wenn ich die Worte von Giovannino Guareschi übernehme, um die Träne zu beschreiben, mit der der gekreuzigte Christus das Kind des Peppone heilt, dann „spiele“ ich nicht den Intellektuellen. Ich gebe nur der Scham eine Form, die mich unfähig fühlen läßt, nur mit meinen Worten meinen täglichen Blick auf Jesus am Kreuz zum Ausdruck zu bringen. Und vielleicht habe ich über diese, mit so perfekten Pinselstrichen gemalte Träne geweint, über sie meditiert, über sie nachgedacht: über sie gebetet. Deshalb fühle ich mich nicht „erstickt“, in der strahlenden Helligkeit jenes prächtigen Hauses, das die Heilige Liturgie ist, das schönste Gebäude, an dessen Errichtung der Mensch je mitgewirkt hat, weil es göttlichen Ursprungs ist.

Für ein Geschöpf gibt es keinen bezaubernderen Augenblick als den, in dem er das Haus bereitet, weil der Herr kommt, um noch einmal seinen Tod darzubringen und als Geschenk noch einmal sein Leben gibt. Alles zittert vor Erwartung, weil es nichts Größeres im Universum gibt und noch einmal riecht man das Nardenöl, das auf Jesu Füßen im Haus von Simon dem Aussätzigen am Abend vor dem Letzten Abendmahl ausgegossen wurde. Es gibt keinen anderen Moment, in dem ich mehr zum Kind werde, als wenn ich mit arglosester Naivität einen Tropfen des Weihwassers erheische, den der Priester, der alter Christus über das Kirchenschiff aussprengt, bevor er zum Altar Gottes hinaufsteigt, zum Gott der mich erfreut von Jugend auf. Es ist als wäre man an der Seite jener Frau, der es gelingt, den Zipfel von Jesu Mantel zu berühren, und es ihr gleichtut. „Tochter, dein Glauben hat dich gerettet. Geh in Frieden und sei geheilt und befreit von der Geißel deines Leidens“ (Mk 5,34). Und ich, der auf den Knien lag, erhebe mich und spüre den Frieden, weil Christus mich angeschaut hat.

Die unerfreuliche Szene, wo der Papst einen Ministranten maßregelt

In all dem ist nichts Sentimentales. Um an Körper und Seele gesund zu werden, braucht der Mensch, der ein rationales und daher liturgisches Geschöpf ist, weit mehr als das Gefühl. Der kleine aber unerfreuliche Vorfall des Kindes mit den zum Gebet gefalteten Händen, das vom Papst gemaßregelt wurde, hat Emmanuel hingegen beeindruckt. Er ging bei Youtube auf die Jagd nach der Videoaufzeichnung und vollzog dann die intellektuell sinnloseste Aktion, die man sich nur vorstellen kann: er versuchte sich die Gedanken des Papstes vorzustellen, während er den Ministrant mit den gefalteten Händen maßregelte. Er legte dem Papst den Gedanken in den Mund: „Wenn du die Hände so verleimt hältst, erleichtert es dir nicht, die Liebe zu erkennen“. Exitu hat nicht verstanden, daß es hier nicht um Worte, sondern um Gesten geht, um Gesten des heiligen Ritus. Wenn der Mensch die Notwendigkeit der Anbetung erkennt, die sich in seinem Herzen den Weg bahnt, dann demütigt sich die Vernunft, sie reinigt sich, sie zieht sich zurück und macht der Andacht Platz: sie spricht nicht.

Die Liturgie führt in eine himmlische Welt ein, in der Gesetze, Gesten und Worte ein für alle Mal von Gott festgelegt wurden. Diese sich zu eigen machen, bedeutet nicht, sich in „stickige Häuser einzuschließen“ und Opfer irgendwelcher „Einbalsamierer“ zu werden, sondern in ein schöneres und größeres Leben einzutreten, das durch eine rein menschliche Lebhaftigkeit getötet wird. Jenes Kind, das die Hände wieder zum Gebet faltete, nachdem der Papst sie ihm auseinandergedrückt hatte, hat das alles schon in seinem christlichen Blut, ohne „Gemeinschaftsschule“ und „exegetische Nächte“ zu den Texten von Don Giussani. Es genügte ihm, bei einem guten und frommen Lehrmeister das Ministrieren bei einer Heiligen Messe zu lernen.

Alle Heiligen sind heute und jetzt lebendige Zeugen

Natürlich braucht es auch die lebendigen Zeugen und Emmanuel nennt Missionspriester an den Enden der Welt, Laien, die eine Krankheit angenommen haben und bezeugt haben, daß es möglich ist, heilig zu sterben. Aber die Lehre von der Gemeinschaft der Heiligen versichert uns, daß alle Glieder der Kirche aller Zeiten wahrhaft leben, nicht nur diese Zeitgenossen: angefangen bei den Heiligen Augustinus und Benedikt, Ambrosius und Karl Borromäus, Franziskus und Dominikus, Philipp Neri und Ignatius von Loyola, Don Bosco und Pater Pio. Sie sind alle lebendiger als wir, sie bitten für uns und hören unser Gebet. Die gotischen Kathedralen sind gefüllt mit Statuen, die Tausende verstorbener Christen sichtbar machen, die lebendig sind im Geheimnis des Paradieses.

Urkirche hat kein Christentum Light erfunden, um unter den verlotterten Heiden Anklang zu finden

Diese Christen erzählen uns die Geschichte eines Glaubens, der verlangt, das eigene Leben zu ändern und den alten Menschen aufzugeben. Er verlangt nicht eine intellektuelle oder philosophische Nachfolge, er fordert aber eine Änderung des Lebens. Das Neue Testament zeigt eine Predigt, die auf moralischer Ebene buchstäblich ohne Rabatt ist. Paulus schreibt den verlotterten Heiden des korrupten Römischen Reichs, und dennoch unterschlägt er keine einzige Unterweisung, die notwendig ist für ein heiliges Leben. Es ist anzunehmen, daß es zu jener Zeit die Thessalonicher, Römer, Philipper und Epheser mit Blick auf das sechste und das neunte Gebot nicht so genau nahmen. Aber die Urkirche, die so gerne zitiert wird, um sie in einen fiktiven Gegensatz zur konstantinischen und der mittelalterlichen Kirche zu setzen, hat sich kein überarbeitetes und korrigiertes Christentum erfunden, um den hartnäckigen Sündern entgegenzukommen. Die Wahrheit Christi, seines Leidens und seiner Nachfolge muß unverkürzt und vollständig verkündet werden.

Die Gradualität kommt in der Vergebung und der Geduld des Beichtstuhls zum Ausdruck und nicht durch ein Umbiegen der Glaubenslehre, um sie von den Kanten zu befreien, die den Guarani-Indianern nicht gefallen und vielleicht auch nicht der Hausfrau in Gütersloh, dem Angestellten aus Winterthur1, dem Journalisten aus Mailand oder dem Regisseur aus Bologna. Wenn die Kirche im Beichtstuhl die Sünde abwäscht und den Feind besiegt, dann warnt dieselbe Kirche auch von Kanzel und Ambo vor dem Schrecken der Sünde und zeigt die ganze Gefährlichkeit des ständigen Verführers auf.

Ohne Glaubenslehre wird man kein guter Christ

Ohne Doktrin, ohne die feinen Unterscheidungen, wird man kein guter Christ. Chesterton sagte es 1934: „Die theologischen Diskussionen sind subtil, aber nicht mager. In der ganzen Verwirrung der modernen Gedankenlosigkeit, die sich modernes Denken nennt, gibt es vielleicht nichts großartig Dümmeres als die Volksweisheit: ‚Die Religion darf nie von kleinlichen Lehrstreitigkeiten abhängen‘. Das ist als würde man sagen, daß ein menschliches Leben nie von kleinlichen Disputen über Medizin abhängen dürfe. Der Mensch, der sich darin gefällt, zu sagen: ‚Wir wollen keine Theologen, die Haarspalterei betreiben‘, könnte ja hinzufügen, ‚und wir wollen keine Chirurgen, die die Fasern noch genauer zu trennen verstehen‘. Es ist eine Tatsache, daß viele Menschen heute tot wären, wenn ihre Ärzte sich nicht auch der kleinsten Schattierungen ihrer Wissenschaft annehmen würden. Und es ist ebenso eine Tatsache, daß die europäische Kultur heute tot wäre, wenn ihre Doktoren der Theologie nicht auch die subtilsten Unterscheidungen der Glaubenslehre begründet hätten.“

Aber es hieße, den Menschen nicht zu kennen, angefangen bei sich selbst, wenn man denkt, es würde genügen, das Gute zu lernen, um sich immer dafür zu entscheiden. Das glaubte Sokrates und irrte sich, indem er einen Intellektualismus bekannte, der das Wissen von der moralischen Wahrheit mit einem kohärenten Leben gleichsetzte. Bereits Ovid sagte in den Metamorphosen: „Video meliora proboque, deteriora sequor”, ich sehe die besten Dinge und heiße sie gut, folge aber den schlechtesten. Petrarca bekannte: „Veggio ‚l meglio ed al peggior m‘appiglio”, ich will das Beste und klammere mich an das Schlechteste. Und Paulus von Tarsus sagt im Brief an die Römer: „Ich weiß, daß in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; das Wollen ist bei mir vorhanden, aber ich vermag das Gute nicht zu verwirklichen. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will“ (Röm 7,18f).

Die Lehre allein genügt nicht, sie ist aber unveräußerliche Voraussetzung

Dieses Wissen um die menschliche Natur darf aber nicht zum logischen Umkehrschluß führen, daß die Kenntnis der moralischen Wahrheit nichts nützt: die Doktrin zu besitzen genügt allein noch nicht, sie ist aber unveräußerliche Voraussetzung. Wie Pascal sagen würde, es ist das gute Denken, das zum guten Handeln führt; und Chesterton ist sein Echo, wenn er sagt, daß die Straße zur Hölle mit allem möglichen gepflastert ist, vor allem aber mit guten Vorsätzen. Die Vernunft ergründet und sucht die Wahrheit und der Wille sucht die Gründe, die sie zum Guten drängt: die Liebe für Christus, die Leidenschaft für die anderen, in denen ich Jesus sehe, die Begegnung mit wahren Zeugen des Evangeliums. Gemeint ist die Erfahrung, da das Christentum nicht nur verlangt, gekannt, geglaubt und gedacht, sondern auch gelebt zu werden.

„Erfahrung“ ist eine zweideutige Vorstellung mit Gefahren

Die „Erfahrung“ aber ist eine zweideutige Vorstellung, die unvermeidbar eine gehörige Portion Subjektivismus mit sich bringt und Gefahr läuft, den Glauben zu relativieren. Wenn es stimmt, daß das Christentum Begegnung mit Christus ist, dann muß man die Menschen lehren, wo diese Begegnung gewöhnlich stattfindet: in der Kirche und in ihren Sakramenten. Natürlich kann der Herr andere Wege finden, um eine Seele zu erreichen, von der Schönheit eines Sonnenuntergangs bis zur Zuneigung einer „Gefährtin“. Aber Christus begegnet man in den Sakramenten, von der Taufe über die Beichte bis zur Eucharistie, und im Gebet. Deshalb gehe ich zur Heiligen Messe, knie nieder, bete und empfange die Heilige Kommunion. Denn im Laufe des Tages möchte ich Augen haben, um Jesus zu sehen, Ohren, um Jesus zu hören, den Mund, um Jesus zu loben und seine Wunden zu küssen, und Hände, um Jesus zu berühren, aber ich weiß, daß ich ohne Ihn, nicht die Kraft habe, es zu tun.

Gefahr eines fatalen Trugschlusses

Der Rest ist ein glattes Parkett mit der Gefahr, daß die Gefühle die Vernunft blenden und die Erfahrung die Wahrheit frißt. Ein Gelände, auf dem vibrierende und zweideutige Konzepte wie „Faszination“, „Attraktion“, „Antwort auf die Fragen des Menschen“ vorgaukeln können, daß Christus nachfolgen bedeutet, einen angenehmen, abschüssigen Weg zu unterstützen, während das genaue Gegenteil gefordert ist. Der Mensch muß gegen alle Triebe ankämpfen, die ihn von Jesus wegziehen. Er muß wachsam sein, damit die Sünde und das Böse nicht durch die Hintertür sogar zu einem privilegierten Vehikel werden, um bequem die Begegnung mit Christus und ein Leben fern der Zehn Gebote miteinander unter einen Hut zu bringen, indem man jene als Moralisten beschimpft, die auf diese Gefahr aufmerksam machen, und sich damit über Jesus lustig macht, der mahnt: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren“ (Joh 14,21).

Das ist eines jener Paradoxa, die das Christentum als die einzig wahre Religion ausweisen: das Christentum ist aufregend und erhebt, weil es allen den einfachen Horizont jener zugänglich macht, die der alte Chesterton die einfachen Christen nannte. Jener, die es richtig finden, ein Glas zu trinken, aber die Trunkenheit für tadelnswert, die die Ehe für normal halten und die Polygamie für abnormal, die den verurteilen, der als erster zuschlägt, und jenen freisprechen, der sich verteidigt. Jene kurzum, die denken und danach handeln, was die Lehre schon immer gelehrt hat, und die daher wirklich auf dem Weg ins Paradies sind.

Und so kommen wir zu den Grüßen, um ehrlich zu sein, verstehe ich, lieber Emmanuel, daß es für Sie geradezu peinlich sein muß, Grüße von einem „prämierten Einbalsamierungsunternehmen“ zu erhalten, das „unter dem Vorwand, mit den Quellen umgehen zu können, voller Ressentiments ist“, das als „unbarmherziges Maschinengewehr aus jeder Zeile schießt“ und Ausdruck eines „trübsinnigen Geistes“ mit „selektiver Wahrnehmung der Quellen“, „Verzerrung der Details außerhalb des Kontextes“ und einem „bewußt einseitigen Blick auf das Lehramt“ ist. Dennoch, und ehrlich gemeint, grüßt

Ihr G&P

Einleitung und Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Messa in latino

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16 Comments

  1. Ich muß jetzt offen zugeben, daß ich mir erst gar nicht die Mühe gegeben habe, mich durch diesen Artikel zu quälen. Wozu auch? Nachdem ich mir das folgende youtube Video angeschaut habe, brauch ich gar nichts mehr zu wissen, zu lesen und zu hören. Es ist eine Aufnahme einer ziemlich dünn besuchten „Hl. Messe“ mit Kardinal Bergoglio in Argentinien. Zum Abschluß dieser „Hl. Messe“ tanzt ein Paar Tango. In der Kirche. Direkt vor dem Altar. Ja, Sie haben richtig gelesen. Spulen Sie bis ca. 26:15 vor für die Performance, davor gibts Bergoglio Gebabbel, gnädigerweise ohne Untertitel auf Spanisch.

    http://www.youtube.com/watch?v=ZiHQ2hnwwuM#t=1641

    • Habe ich richtig gelesen – durch diesen Artikel quälen, und wozu?
      Artikel von M. Palmaro und A. Gnocchi zu lesen ist für mich ein Genuss!! Ich bin vom einem auf das andere Mal begeistert. Da paart sich tiefer Glaube, Liebe zu Gott, Wahrhaftigkeit, Feinsinnigkeit, Bescheidenheit mit Begabung und höchster Intelligenz. Das ist sehr selten anzutreffen. Das sind Männer – stets bereit für unseren geliebten Herrn und Heiland und seine Kirche zu streiten und zu kämpfen. Man spürt die glühende Flamme, die in ihren Herzen für Jesus Christus brennt. Sie wissen, dass Opfer und Gebet unendlich nottut, denn die Katastrophe steht uns vor Augen.

      • Ich denke, daß Sumsum durch das Video so geschockt war, daß er im Anschluß daran nichts mehr lesen oder hören wollte. Dieses Video ist wirklich der Schocker. Es zeigt die Haltung Bergoglios. Der Gegensatz zwischen Hl. Messe und dem danach könnte nicht größer sein. Gott und Welt.
        Die von Erz.Bergoglio zelebrierte Messe wirkt dünn und leer. Ganz das, was er mit verknöchert, langweilig meint? Aber dann kommt der Tango. Und das Leben beginnt. Diese beiden Szenen gegeneinander zu stellen ist so völlig daneben, daß man keine Worte findet. Der Tango, so wie er vor dem Altar (!) aufgeführt wird, gehört ins Private, Schlafzimmer o dgl. Das ist pure Weltlichkeit, die an anderer Stelle ihre Berechtigung haben mag. Diesem Bild wird die Messe als etwas Trockenes gegenübergestellt. Es ist wie die Schlange im Paradies, die sich dreht und windet – zum lachen, wenn die Sache nicht so ernst wäre.
        Das video sollte man als Dokument speichern, bevor es gelöscht wird.

      • Zum Thema Tango:
        Aus Wikipedia: „Der Internationale Tango wird als „feurig“ und „leidenschaftlich“ charakterisiert; häufig geht dies mit Attributen wie „aggressiv“ und „gewaltsam“ einher, was als leidenschaftliche sexuelle Gewalt – ähnlich der Verbindung von Lust und Schmerz beim Geschlechtsakt – ausgelegt wird. Der Tango Argentino wird dem gegenüber mit Zärtlichkeit in Verbindung gebracht.“

        George Bernhard Shaw: „Der Tango ist der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens.“

    • Danke für dieses Bewerbungsvideo von Bergoglio. Es erklärt warum er, von den 20 Köpfen im Vatikan, zum Bischof von Rom gemacht wurde und was wir demnächst aus dem Leib Christi, seiner Kirche werden soll: Freudenfeste mit Bergoglio als Entertainer und Conférencier.
      Aber Christus wird dann nicht mehr in dieser Kirche sein, sondern weiter in uns und mit uns und seinen treuen Diernern.

    • Habe zwar nicht das gesamte Video gesehen, aber wir sollten doch „die Kirche im Dorf lassen“. Es handelt sich augenscheinlich um ein Tanzpaar älteren Jahrgangs, dass den Tango keineswegs lasziv aufführt. Da habe ich schon ganz andere Tangodarbietungen gesehen. Vielleicht handelte es sich ja auch um ein Jubiläumsbrautpaar? Es wäre auch interessant zu wissen, ob der Tanz vor oder nach dem Schlusssegen aufgeführt wurde. Ich vermute letzteres, da man im Hintergrund doch eine gewisse Unruhe in der Kirche vernehmen kann.

      • Dann lassen Sie Ihre Kirche im Dorf. Ich halte solche Darbietungen im Zusammenhang mit der Messe für einen Irrweg, weil er zwei verschiedene Ebenen vermischt. Wenn Sie einen spirituellen Weg gehen, und das ist die Meßfeier, dann können Sie das nicht kombinieren mit sexuellen Anbiederungen. Das geht in 99 von 100 Fällen schief. Oft sogar sehr schief. Das hat nichts mit Prüderie zu tun, das sind einfach Gesetzmäßigkeiten.
        In den 60er und 70er Jahren kamen solche Dinge auf. Ein Trip nach Poona und die Suche nach Erleuchtung. Die breite Straße. Easy way of life.
        Warum tun sich die katholischen Geistlichen, angefangen von den Wüstenvätern, den Mönchen und Priestern den Zölibat an? Die waren / sind wohl alle dumm?

      • Ich gehe mit Ihnen durchaus konform, dass solche Darbietungen in sakralen Räumen besser gar nicht stattfinden sollten. Nur was ich auf dem Video zu sehen bekam, war dann doch bei weitem nicht so schlimm, wie ich es nach den Worten von Sumsum und Ihnen zunächst angenehmen musste.

      • Sehen Sie, darauf habe ich gewartet. Es findet sich bei moralischen Fragen immer jemand, der dann sagt, so schlimm ist das doch gar nicht. Und deswegen sagen die Leute von vorneherein schon gleich gar nichts mehr.

        Das ist die heutige Toleranz, Offenheit, Großzügigkeit, politische Korrektheit. Ihre Meinung sei Ihnen unbenommen. Ich stehe zu der meinigen. Ich finde es unmöglich, daß ein Erzbischof Bergoglio im Anschluß an eine Eucharistiefeier einen Tango aufführen läßt. Das hat in einer Kirche nichts zu suchen.

    • Das Verhalten Bergoglios gegenüber dem Ministranten ist einfach skandalös. Einem Kind die ganz normale, ehrfürchtige Gebetshaltung abzutrainieren, abscheulich! Kindliche Frömmigkeit ist diesem Herrn offenbar ein Graus, deshalb bringt er es auch nicht fertig, die Knie vor dem eucharistischen Herrn zu beugen. Wie verkrampft muss man selbst in seinen kruden Vorstellungen sein, wenn man es nicht erträgt, ein frommes Kind zu sehen und es daher geradezu zwanghaft vor den Kameras dieser Welt maßregeln muss.

  2. Das ist ein sehr schöner Text, sehr dicht, und es lohnt sich ihn zu lesen.
    Danke Herrn Nardi fürs Übersetzen.

  3. Ohne Lehre geht es nicht, in der Tat. Seit dem 2. Vaticanum will man vor allem pastoral sein, aber Pastoral setzt Glaubenslehre voraus. Pastoral ohne Glaubenslehre verkümmert zur reinen Wellnessreligion oder auch zur Sozialphilosophie. Dann ist die Kirche nur noch eine riesige NGO, was Papst Franziskus nach eigenen Worten ausdrücklich nicht will. Aber ich frage: wo bekommt man überhaupt noch katholische Glaubenslehre zu hören? Im Religionsunterricht in der Schule? Wohl kaum. In der Sonntagspredigt in der Messe? Fehlanzeige. Im „Wort zum Sonntag“ im Fernsehen? Der Gedanke ist fernliegend. Also nirgendwo. Just gestern habe ich noch eine Sonntagsmesse im ordentlichen Ritus besucht. Eine nichtssagende Predigt zum Einschlafen und im Übrigen fehlte an jeglicher liturgischer Festatmosphäre. Hinterher habe ich mich gefragt, wozu ich überhaupt dorthin gegangen bin. Selbstredend bin ich ob meiner Enttäuschung schon während der Messe dann nicht zur Kommunion gegangen. Nach meinem Empfinden will man es den Leuten immer mehr recht machen, niemanden vor den Kopf stoßen, wird dadurch aber erst recht uninteressant und treibt die Menschen förmlich aus der Kirche.

    • @Aventin
      Ich war gestern in einer Messe im außerordentlichen Ritus. Das war so ein tiefgreifendes Erlebnis, so viel innere Freude und Dankbarkeit kommt da auf, daß ich mir am Ende versuchte vorzustellen, was wohl passieren würde, wenn jetzt am Schluß ein Pärchen vor dem Altar einen Tango tanzen würde. Da hätte es nicht wie im Video auch noch Applaus gegeben, nein, da hätten die Leute gepfiffen und gerufen: raus hier. Weil das ganze so absurd gewesen wäre, so ein Riesen Gegensatz, daß man es nicht ertragen hätte. Alles zu seiner Zeit und an seinem Ort. Die Vermischung ist schlecht. Die Hl. Messe ist eben etwas Heiliges, und das sollte man auch verteidigen gegenüber dem Eindringen von weltlichen Aktivitäten. Man kann es nicht allen recht machen, sonst ist es so wie Sie es oben beschreiben: die Kirche wird uninteressant.
      Was Sie schreiben kann ich gut nachempfinden und habe ich oft und oft im neuen Ritus erlebt.

      • @M.S.
        Würde schon mal zu einer Messe im außerordentlichen Ritus gehen wollen. Leider wird in meiner Stadt und Umland nur einmal im Monat eine solche gefeiert, von der Piusbruderschaft. Dazu reist der betreffende Priester eigens aus etwa 170 Km Entfernung an.

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