Kann die Kirche einen „Dialog ohne Vorurteile“ führen? – Einige kritische Einwände an Papst Franziskus

Jesus beruft Simon Petrus und AndreasIn ihrem neuen Gastkommentar befaßt sich die freischaffende Schriftstellerin und Künstlerin Hanna Jüngling ausgehend vom Brief von Papst Franziskus an den Atheisten Eugenio Scalfari mit dem Spannungsfeld Kirche und Dialog mit der modernen Welt. Hanna Jüngling geht der Frage nach, ob die Kirche überhaupt einen „Dialog ohne Vorurteile“ führen kann, und macht einige „kritische Einwände“ an Papst Franziskus.
Zuletzt veröffentlichten wir von Hanna Jüngling den Beitrag: „Geister im Weizenfeld – Gegenwärtiger Zustand der Kirche: Versuch einer heilsgeschichtlichen Einordnung“.

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Gastkommentar von Hanna Jüngling*

Die Kommunikation kam zwischen der Kirche und der christlich inspirierten Kultur einerseits und der modernen, durch die Aufklärung geprägten, Kultur andererseits zum Stillstand. Das Zweite Vatikanische Konzil ebnete den Weg für einen offenen Dialog ohne Vorurteile, auf dessen Grundlage eine ernsthafte und fruchtbare Begegnung erneut ermöglicht wird. Nun ist die Zeit gekommen. (Papst Franziskus an Eugenio Scalfari, La Repubblica 11. September 2013)1

1. “Omnia tempus habent … tempus tacendi et tempus loquendi…”2

Die Kommunikation kam zum Stillstand“ – ja, das gehört zum schmalen Weg der Nachfolge Christi. Hat ER nicht auch ab einem bestimmten Zeitpunkt mit dem Hohen Rat, den Schriftgelehrten und Pharisäern und mit Pilatus nicht mehr diskutiert? Die gelegentliche Notwendigkeit des Kommunikationsabbruches in finsteren Zeiten hat unser Herr uns gelehrt.

Wir kennen alle diese oder ähnlich lautende Sätze, wie sie Franziskus’ Brief an den Atheisten Eugenio Scalfari formuliert, stets wohltönend, auf beiden Seiten hinkend, voller Spitzen gegen Ungenannte und mit einem Sendungsbewusstsein vorgetragen, das in eigenartigem Gegensatz zu seiner argumenatorischen Dürftigkeit steht.

Natürlich zeugen solche Sätze von naiver Friedenssehnsucht und dem Wunsch, etwas Wichtiges und Besonderes zu tun, einen der vordersten Plätze im Reich Gottes einzunehmen.

Je mehr wir jedoch eine Kultur der defensiven Friedenskonzepte propagiert haben, desto brutaler entfaltete sich die Gewalt auf der gesamten Erde. Die Anzahl der Kriege und die Methoden, andere systematisch zu terrorisieren, sind eskaliert. Seit 1945 wälzen sich immer gigantischere Flüchtlingsströme über den Globus wie eine glühende Lavamasse, und lösen vielerorts Überforderung und Destabilisierung aus – das ferne Grollen zukünftiger Vulkanausbrüche und neuer Flüchtlingsströme… Die Tatsache, dass der weltweite, tiefe Unfrieden sich zum Alltagszustand etabliert hat, zeugt für die Unzulänglichkeit aller gängigen „Friedens“-Konzepte und für die Friedensunfähigkeit des Menschen, der dem dreifaltigen Gott abgesagt hat, dessen Wesen unbegreiflich, gemäß der Offenbarung Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, und in dieser Unbegreiflichkeit als Richter und Erbarmer für uns ehrfurchtgebietende Heiligkeit ist.

Ja: Heiligkeit und Gerechtigkeit müssten immer zusammen mit der Liebe genannt werden! Gott gilt uns inzwischen als ein Über-alles-Hinwegseher. Dass zwischen der uns zugewandten Liebe und Barmherzigkeit vonseiten Gottes und uns, die wir Sünder sind, der grausame Opfertod Jesu steht, wird nicht mehr präzise zelebriert und in der Verkündigung durch oberflächliche Moralappelle untergepflügt. Franziskus hat gelegentlich darauf hingewiesen, dass ein Glaube ohne „das Kreuz“ nicht Nachfolge Christi ist – es ist verschwommen formuliert, immerhin verschweigt er es nicht vollständig wie so viele andere Bischöfe!3

Nach der Lehre der Kirche liebt Gott uns als heiliger und ehrfurchtgebietender Gott! Wer IHN liebt, muss gottesfürchtig und gerecht, wie Simeon ein „homo iustus et timoratus4 sein.

Franziskus hat allein deswegen unrecht, weil ihm die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes keine Erwähnung wert ist. Er folgt damit der „pastoralen“ Sprache des Konzils, die jeden Anklang an die berühmte „Drohbotschaft“ vermeiden will. Demgegenüber muss klargestellt werden: die Frohbotschaft ist definitiv eine Drohbotschaft für alle, die sie nicht annehmen: „Qui credit in Filium, habet vitam aeternam; qui autem incredulus est Filio, non videbit vitam, sed ira Dei manet super eum“ – (Wer dem Sohn glaubt, hat das ewige Leben; wer aber dem Sohn nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.)5

Der Begriff der „Demut“, den er so häufig als Kardinaltugend bemüht, ergibt Sinn nur in der Heiligkeit Gottes.

Bei Franziskus fungiert die „Demut“ als kanzelrednerischer Rohrstock gegen kritische Geister, die sich nicht abspeisen lassen wollen mit oberflächlichen und häretischen Appellen. Fast hat man den Eindruck: wer aufgrund eines geistlichen Charismas etwas zu sagen hat, wird mit der Demutskeule ausgebremst, der Hartherzigkeit, Unbarmherzigkeit und der Arroganz geziehen.

Das unreife Motiv des „Hoppla, jetzt komme ich!“ schwingt durchaus mit, wenn Franziskus schreibt: „Nun ist die Zeit gekommen“ für die „tiefgreifende Neuausrichtung der Frage“ – wobei mir nicht ganz klar werden konnte, um welche Frage es sich genau handelt, aber es scheint, dass Franziskus den polarisierenden Kurs, den die Kirche aufgrund ihres dogmatischen Charakters immer riskiert hat, aufgeben will. Wie anders sollte man seine Worte vom „Austreten aus den engen Pfaden einer … absoluten Gegenüberstellung“ verstehen: „Ich denke, dass dies heute von grundlegender Notwendigkeit ist, wenn dieser von mir erhoffte frohe und konstruktive Dialog vorgebracht werden soll.

Mit dem Konzil haben Johannes XXIII. und Paul VI. die „Öffnung zur Welt“ praktiziert, die nicht mehr das Opfer Jesu und eine Scheidung der Geister zur Rettung der einzelnen Seelen, sondern Allversöhnung, das Shake-hands von Licht und Finsternis und die merkwürdige theoretische Zwangskollektivierung der Menschen zur „Menschheitsfamilie“ ins Zentrum der Verkündigung stellte. Was will Franziskus noch mehr? Was drückt seine Behauptung vom „Stillstand der Kommunikation“ hier und heute aus, 50 Jahre nach dem glorreichen Konzil, als dass es ein Fehler gewesen sei, immer einer Scheidung der Geister treu zu bleiben, wie es vor dem Konzil durchweg geschehen war? Was aber ist seit 1965 geschehen? Man kann ihn so verstehen, als glaubte er, mit ihm fange nun erst die Zeit der wahren Früchte des Konzils an…

Worauf will er hinaus angesichts gravierender antichristlicher Eskalationen innerhalb der aufklärerischen Kultur, die sich seit 200 Jahren immer tiefer ins gesellschaftliche Leben der europäischen und amerikanischen Völker eingraben, genauso wie auch in den Machtbereichen anderer Religionen, vor allem im Islam, eine massive Christenverfolgung zu beobachten ist?

2. Der „Dialog“ und das Grundprinzip „tertium non datur“

Bei dem vom Papst beschriebenen „Dialog“ geht es um das Gespräch, das keinesfalls ein „Streit6 sein darf, zwischen grundsätzlich verschiedene Anschauungen, Religionen und Kulturen, die in ihrer Ganzheit jeweils einen konstituierenden Wahrheitsanspruch aufweisen. Eine Religion oder Kultur ohne dieses Merkmal existiert nicht.

Die Worte des Papstes an eine japanische Studentengruppe legen nahe, dass man zu Beginn des Dialogs nicht ausschließen dürfe, die eigene Überzeugung zurückzunehmen und zu verändern. Er behauptet, dass eine Kultur bzw. eine einzelne Person (das bleibt unklar) nicht ohne solche Bereitschaft zur Selbst-Infragestellung durch das Fremde oder Entgegenstehende „reifen“ bzw. „wachsen7 könne. Diese Aussage ist bedenklich aus päpstlichem Mund – denn die Kirche hat solcherlei nie gelehrt. Vielmehr lehrt sie, dass der Mensch nur in Jesus Christus recht wachsen und reifen könne – er ist der Weinstock, wir sind die Reben. Nur in ihn eingepfropft gedeihen wir. In der Loslösung von Jesus Christus reift der Mensch grundsätzlich nicht zu seinem Heil. Warum projiziert Franziskus diese totale Abhängigkeit von Jesus Christus nun auf andere Kulturen?

Kann man in ein Religions-Gespräch gehen, ohne zuvor stabile Begriffe und Urteile gebildet zu haben? Wüsste man andernfalls überhaupt, worüber man redet? Zweifellos gibt es Übereinstimmungen aufgrund der (begrenzten) natürlichen Wahrheitsfähigkeit der Vernunft. Lehrt aber nicht die vertiefte Reflexion von Begriffen im Rahmen eines komplexen kulturellen Systems, dass gleichlautende Begriffe, die auch die fremde Kultur benutzt, dort anders besetzt sind, manchmal sogar einen (bewussten) Widerspruch aufbauen zum eigenen Begriffsverständnis? Es handelt sich um Äquivokationen, die Anlass zu Missverständnissen, Enttäuschungen, Verwirrung und Rivalitäten geben.

Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen. Die Tatsache, dass alle monotheistischen Religionen einen einzigen Gott bekennen, ruft eine Äquivokation des Begriffs vom „einen Gott“ hervor. In der Tat meinen aber alle drei einen jeweils anderen Gott. Etwas anderes kann nicht begründet angenommen werden – andernfalls müsste erklärt werden, wie man beim Meinen desselben einander widersprechende Bilder zeichnen kann? Das Argument, dass Gott ja immer derselbe bleibe, auch wenn eine Religion ein falsches Gottesbild habe, und man insofern an denselben Gott glaube, ist unlogisch!8 Eine Religion, die nicht den trinitarischen Gott bekennt und IHN, im Gegenteil, sogar ablehnt – was zum Beispiel zur spezifischen Sendung des Islam gehört – glaubt nicht an denselben Gott wie ein Christ. Ein Muslim meint auch nicht „eigentlich“ denselben Gott. Wie sollte ein Mensch innerhalb eines Gottesbildes, das sogar ausdrücklich dem Gottesbild der anderen Religion widerspricht, an den denselben Gott glauben können? Es ist evident, dass eine solche Annahme absurd ist und eher unserem Harmoniebedürfnis als nüchterner Vernunft entspringt. In der Sprache der Bibel muss man soweit gehen zu sagen, diese Religion bekenne einen Götzen. Bloß weil es ein einziger Götze anstelle von vielen ist, ist das Gottesbild ja nicht zwangsläufig realistischer. Es mag dem eigenen Gottesbild formal scheinbar näherstehen. Das ergibt aber noch keine ausreichende Begründung dafür, einem anderen monotheistischen Gottesbild mehr Realität zuzugestehen als einem wie auch immer gearteten nicht-monotheistischen Glauben. In jedem Fall muss genau geprüft werden, was objektiv ausgesagt wird und in welcher Relation es zur Wahrheit in Jesus Christus steht. Nur der Geist, der Jesus Christus, wie ihn die Kirche bezeugt, bekennt und lehrt, ist in der ganzen, natürlichen und übernatürlichen Wahrheit. So steht es im 1. Johannesbrief: In hoc cognoscitis Spiritum Dei: omnis spiritus, qui confitetur Iesum Christum in carne venisse, ex Deo est.

Et omnis spiritus, qui non confitetur Iesum, ex Deo non est; et hoc est antichristi, quod audistis quoniam venit, et nunc iam in mundo est. – (Daran erkennt ihr den Geist Gottes: jeder Geist, der bekennt, dass Jesus ins Fleisch gekommen ist, ist aus Gott. Und jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, ist nicht aus Gott; und das ist der des Antichristen, von dem ihr gehört habt, dass er kommt und schon jetzt in der Welt ist.)9

Das ist eine klare Aussage der Hl. Schrift: Weil alle nicht-christlichen Religionen diesen Geist nicht anerkennen, sind sie aus christlicher Sicht als Religionen im ganzen falsch – die Wahrheit ist nicht teilbar! Dem widerspricht nicht, dass der eine oder andere Gedanke oder Brauch, der dort aufgrund natürlicher Wahrheitserkenntnis angetroffen wird, isoliert betrachtet, gut sein kann.

Treffen wir nicht allzu oft Widersprüche zum Eigenen an, wenn wir dem Fremden begegnen? Aus meiner Sicht ist es wichtig, den anderen, den Fremden, vielleicht sogar den erbitterten Feind nicht zu unterschätzen: er kann denken, er hat sich seine Position erwählt, er hat einen normalen IQ! Das ist mein Ausdruck von Respekt. Er irrt, weil er ein irrender Mensch ist, wie ich einer war, bevor mich Jesus berührte und wieder bin, sobald ich mich von Jesus abwende. Warum sollten wir annehmen, dass sein Widerspruch ein Missverständnis sei, das sich mit ein paar Dialogsitzungen auflösen lässt?
Wie viel Sinn ergibt der Versuch, eine Aussage, die eine Religion für wahr hält, in „Dialog“ mit ihrem Widerspruch zu bringen? Der Widerspruch geschieht ja nicht aus spielerischen oder belanglosen Gründen. Er ist ernst gemeint. Der erwähnte Antichrist ist keine harmlose Spielfigur, sondern eine mörderische Gestalt, die im Namen bereits die Kontradiktion trägt!

Auch hier möchte ich ein Beispiel geben: Wenn das Christentum bekennt „Jesus ist von Gott in Maria gezeugt und nicht geschaffen“, der Islam dagegen ausdrücklich bekennt „Allah zeugt nicht und wurde nicht gezeugt“, dann handelt es sich um einen klassischen Widerspruch. Eine fruchtbare Kommunikation kann aus logischen Gründen nicht stattfinden.

Selbst wenn wir nicht entscheiden wollten, ob wir die Aussagen einer Religion für wahr halten, gilt der „Satz vom ausgeschlossenen Dritten“, der uns lehrt, dass zwischen einer Aussage und ihrem Gegenteil keine Mitte, kein Kompromiss möglich ist. Dass also selbst im Falle einer ausbleibenden Wahrheitsentscheidung weder beides gleichberechtigt gelten noch eine Mitte zwischen beidem generiert werden kann.
Man wird mir entgegenhalten, dass nicht alles in einer fremden Religion oder Kultur ein Widerspruch zur christlichen Kultur ist. Dazu möchte ich mit Nachdruck sagen: Es läge mir fern, alles Nicht-Christliche pauschal zu verteufeln. Ich möchte aber auch anmerken, dass nicht alles, was Nichtchristen tun, Ausdruck ihres Nichtchrist-Seins ist. Vieles in anderen Religionen und Kulturen ist aus der menschlichen Verfasstheit erwachsen und an sich selbst neutral. All das Schöne, Spielerische, Musikalische, das, was die natürlichen Gaben des Menschen hervorbringen und was die natürliche Vernunft als Wahrheit zu erkennen vermag, ist gut!

Mir geht es um etwas anderes: Eine Kultur ist immer eine geistige Synthese und kontaminiert mit ihrem Geist alles, was sie integriert. An dieser Stelle sehe ich das Problem.
Nach einer Bekehrung zu Jesus Christus erfährt der Gläubige stets eine Neuorientierung, eine Reform seiner bisherigen kulturellen Verfassung. Vieles wird transformiert, vieles verworfen, alles IHM zu Füßen gelegt. Einem solchen Umgestaltungsprozess ist ja die abendländische Kultur erwachsen… Wer umkehrt zu Jesus Christus, kann unmöglich so bleiben, wie er war. Er lässt sich willentlich von der Wahrheit, die Jesus Christus heißt, umgestalten. Allein das ist schon ein praktischer Beweis gegen den Sinn eines „Dialogs ohne Vorurteile“: in meiner „Umkehr“ vollzieht sich kein lebenslanger „Dialog“ zwischen dem Vorher und Nachher, sondern sogar eine regelrechte Läuterung aus dem Vorher heraus. Die von Gott gut geschaffene Substanz bleibt, alles Akzidentielle verwandelt sich.

Aber zurück zur Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen des „Dialogs“: Welches Ziel hat ein „Dialog“, in den man „offen“, eintritt?
Ist er ein unverbindlicher „kontroverser“ Salontalk unter Vermeidung ernsthafter Konfrontationen und klarer Aussagen, ein bürgerliches Spielchen, wie wir ihn tagtäglich über alle Fernsehkanäle unter der Rubrik „Talkshow“ flimmern sehen?
Fragen über Fragen!

Eines scheint klar geworden zu sein – eine solche Vision vom „Dialog“ ist unmenschlich und beraubt den Menschen seiner Würde. Die Würde des Menschen als imago Dei beinhaltet zentral die Sehnsucht danach und in Jesus Christus auch das unverdiente Recht darauf, in der Wahrheit zu sein – nicht stets auf der Suche außerhalb der Wahrheit nach der immer wieder fliehenden Wahrheit, in Abwandlung des Spruches „Das Kapital ist ein scheues Reh!“.
Man kann nur in der Wahrheit oder außerhalb der Wahrheit sein. Im Licht oder in der Finsternis. Franziskus aber will offenbar ein Schattenreich zwischen Licht und Finsternis kreieren.

Wie anders sollte man Franziskus’ Formulierung im Brief an Scalfari verstehen: Mit anderen Worten verlangt die Wahrheit, die letztlich mit der Liebe vollkommen eins ist, Demut und ein Offensein für die Suche, die Aufnahme und ihren Ausdruck. Dies erfordert Klarheit über die Begrifflichkeit und vielleicht ein Austreten aus den engen Pfaden einer … absoluten Gegenüberstellung, eine tiefgreifende Neuausrichtung der Frage.
Die engen Pfade der absoluten Gegenüberstellung“ – Franziskus kann damit nur auf die Relativierung der je eigenen Wahrheitsannahmen anspielen. Dieser Satz ergäbe sonst keinerlei Sinn. Da er nachschiebt: „…eine tiefgreifende Neuausrichtung der Frage…“, ist unverkennbar, dass er für ein endgültiges Abrücken vom traditionellen kirchlichen Kurs vor dem Vaticanum II plädiert.

Dieser Kurs aller Päpste vor dem Vaticanum II, des Tridentinums und des Vaticanum I, der die Unvereinbarkeit der philosophischen Grundlagen der Moderne und der Lehre der Kirche vielfältig in Konzilstexten, Dekreten, Enzykliken und Disziplinarmaßnahmen konstatierte, hatte den Gläubigen diese klare Scheidung der Geister dargelegt und als zu Glaubendes abverlangt. Am markantesten stachen hier der Index librorum prohibitorum und der Antimodernisteneid heraus. Beides wurde unter dem Pontifikat Pauls VI. aufgegeben.

Ein weiterer Begriff, der für unsere Betrachtung hier zentral ist, ist die Religions- und Gewissensfreiheit. Franziskus geht darauf ausdrücklich ein:

„Um eine Sünde handelt es sich auch beim Nichtglaubenden dann, wenn er gegen sein Gewissen handelt. Auf es zu hören und ihm zu gehorchen bedeutet, sich angesichts des für gut oder für böse Erkannten zu entscheiden. Und an dieser Entscheidung hängt Güte oder Schlechtigkeit unseres Handelns.“

Franziskus wiegt Scalfari mit diesen Worten in eine falsche Sicherheit hinein. Natürlich muss auch ein Ungläubiger – zwangsläufig möchte man sagen – seinem Gewissen folgen! Was jedoch das Gewissen, das sich nicht an der Wahrheit in Jesus Christus orientiert, für gut oder böse hält, kann vollkommen falsch sein. Die Güte und Schlechtigkeit unseres Handelns hängt gerade nicht daran, dass wir etwas gut oder böse gemeint haben, sondern ob es objektiv gut oder böse war. Selbst der Volksmund fasst dies in einen Sinnspruch: „Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht!“ Diese Tatsache kommt in den biblischen Szenen vom Jüngsten Gericht zum Ausdruck.10

Es ist Dogma der Heiligen römisch-katholischen Kirche, dass die Zugehörigkeit zur Kirche für alle Menschen heilsnotwendig ist.

Franziskus’ Satz „Sie (die Wahrheit, Anm. HJ) gibt sich uns immer nur als Weg und als Leben“ muss folglich in dieser Formulierung als falsch bezeichnet werden: Die Wahrheit in der Person Jesu Christi gibt sich uns zwar als Weg und Leben. Daraus folgt aber nicht, dass sie sich uns „immer nur“ als Weg und Leben gibt, wie Franziskus meint. Sie gibt sich uns sehr wohl – und das ist wohl die Differenz zwischen der Lehre der Kirche und der „tiefgreifenden Neuausrichtung“ – in Form objektiver Dogmen, die dem Gläubigen als de fide gelten, auch dann, wenn er sie noch nicht lebendig verstehen kann! Kurz: sie gibt sich uns ausschließlich durch die Vermittlung der Kirche! Es gehört zu den Absurditäten der modernen Theologie zu suggerieren, nur das sei de fide für den einzelnen, was sich ihm bisher erschlossen hat! Cum autem venerit ille, Spiritus veritatis, deducet vos in omnem veritatem.11 – (Wenn aber jener kommen wird, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit heimführen.) In die ganze, natürliche und übernatürliche Wahrheit! Wir werden in die Wahrheit heimgeführt wie eine Braut, dieses Zuhause existiert schon lange vor uns und erwartet den, der glaubt, ohne zu schauen, als eine fest gebaute Stadt, in der nichts wankt. „Et cognoscetis veritatem, et veritas liberabit vos“ – (Wenn ihr die Wahrheit erkennt, wird euch die Wahrheit befreien.)12

Davon hören wir bei Franziskus kein Wort. Er spricht aus sich selbst heraus. Das wird nicht abgemildert durch seine Ich-Botschaft „Ohne die Kirche – das können Sie mir glauben – hätte ich Jesus, selbst im Bewusstsein, die unermesslichen (sic!) Gabe des Glaubens in zerbrechlichen Tontöpfen der Menschheit aufbewahrt zu wissen, nicht begegnen können.“ Er hätte Manns genug sein müssen, Scalfari zu sagen: Ohne die Kirche können Sie Jesus, der alleine die ganze Wahrheit ist, nicht begegnen! Der Rückzug auf die Ich-Botschaft bleibt dem Fragenden die Wegweisung schuldig.

Entsprechend hat Papst Franziskus die Notwendigkeit und den Sinn des „Dialogs“ gegenüber jungen Japanern bereits im Sommer 2013 definiert. Lassen wir ihn ausführlich zu Wort kommen:

Denn wenn wir in uns selbst isoliert sind, haben wir nur das, was wir haben und können kulturell nicht wachsen. Wenn wir aber zu anderen Personen gehen, zu anderen Kulturen, andere Denkweisen und Religionen kennenlernen, gehen wir aus uns selbst heraus und beginnen dieses schöne Abenteuer, dass sich ,Dialog’ nennt. Der Dialog ist sehr wichtig für die eigene Reife, denn im Kontakt mit anderen Personen und anderen Kulturen, auch in der gesunden Auseinandersetzung mit anderen Religionen wächst man: man wächst und reift.

Denn wir führen einen Dialog, um uns zu finden, nicht um zu streiten. Und was ist die tiefste Haltung, die wir für einen Dialog brauchen und nicht für den Streit? Die Sanftmut. Die Fähigkeit, Personen und Kulturen mit Frieden aufzusuchen. Die Fähigkeit, intelligente Fragen zu stellen wie: ,Warum denkst du so? Warum macht diese Kultur das so?’ Die anderen zu hören und dann zu sprechen. Zuerst zuhören, dann sprechen. Das ist Sanftmut.

Es gibt keinen Frieden ohne Dialog. Alle Kriege, Kämpfe, alle Probleme, die sich nicht lösen und denen wir begegnen gibt es aufgrund eines Mangels an Dialog. Wenn es ein Problem gibt – Dialog: dieser bringt den Frieden, dass ihr einen Dialog zu führen versteht: ,aha, so denkt also diese Kultur, wie schön, dies aber gefällt mir nicht so’… immer aber im Dialog.13

Dass ein Mensch, der allein Jesus folgen und sich nicht auf andere Kulturen einlassen will, nicht „in sich isoliert“ ist, ergibt sich allein daraus, dass einer, der in Christus und in Maria ist, keinesfalls mehr „in sich“ selbst „isoliert“ sein kann. Er wächst und reift in Maria zu Jesus Christus hin und andererseits wächst und reift in ihm selbst – wie in Maria – Jesus Christus. Beides gilt. Niemand ist weniger isoliert als ein wahrer Christ! Es ist völlig gleich, ob er dabei das Privileg hat, in der Welt herumreisen zu können. Franziskus richtet ein beklagenswertes, begriffliches Chaos an! Und dies bei der vollmundig geforderten „Klarheit über die Begrifflichkeit“!

Franziskus redet gerne von der „Zärtlichkeit Gottes“ und der „Sanftmut des Christen“. Was meint er damit? Gegenüber den Japanern sagte er wörtlich:  „Und was ist die tiefste Haltung, die wir für einen Dialog brauchen und nicht für den Streit? Die Sanftmut.“ Nüchtern bemerkt ist es hinsichtlich der Wahrheit nicht von Belang, ob sie sanft oder unsanft vorgetragen wird – was wahr ist, ist wahr. In Franziskus’ Sätzen klingt der Spruch „Der Ton macht die Musik!“, aber dieser Satz ist hinsichtlich der Wahrheit – falsch. Die Aufwertung der „Verpackung“ zum unverzichtbaren Bestandteil der Wahrheit, eine irrige Frucht des „Pastoralkonzils“, hat nicht nur die traditionelle Lehrverkündigung in Misskredit gebracht, sondern die Wahrheit ihrer Objektivität beraubt

Es ist evident, dass dies logischer Unsinn ist. Entweder bin ich „in“ der Wahrheit geborgen (also in Christus) oder eben nicht. Tertium non datur. „Utinam frigidus esses aut calidus!“ – (O, wenn du kalt oder heißt wärest!)14 ruft der himmlische Jesus in der Johannes-Offenbarung. Die Erscheinung des Herrn wird übrigens dort so beschrieben: „et de ore eius gladius anceps acutus exibat15 – (und aus seinem Mund wuchs ein scharfes, zweischneidiges Schwert heraus). Das scharfe, zweischneidige Schwert ist das Kontrastprogramm zu Franziskus’ Dialog!

Franziskus Formulierung ist nicht missverständlich, sondern falsch: „Mit anderen Worten verlangt die Wahrheit, die letztlich mit der Liebe vollkommen eins ist, Demut und ein Offensein für die Suche, die Aufnahme und ihren Ausdruck.“ Nein! Die Liebe ist immer ohne Falsch. Was wahr ist, ist wahr. Was falsch ist, ist falsch. Echte Demut beugt sich der objektiven, schwertscharfen Wahrheit, die Jesus Christus heißt, und nicht dem, was wir, ich selbst oder ein anderer Mensch, momentan gerade für wahr halten, wenn wir überhaupt noch nach objektiver Wahrheit fragen. Denn Scalfari tut dies offensichtlich nicht. Franziskus geht darauf direkt ein: „Sie (fragen) mich, ob es ein Irrtum oder eine Sünde sei zu glauben, dass es keine absolute Wahrheit gebe. Zunächst würde ich auch für einen Glaubenden nicht von einer „absoluten“ Wahrheit im Sinne eines Losgelöstseins und daher einer Beziehungslosigkeit des Absoluten sprechen. Nun ist die Wahrheit dem christlichen Glauben zufolge die Liebe Gottes zu uns in Jesus Christus und daher eine Beziehung! Jeder von uns geht von sich selbst aus, wenn er die Wahrheit aufnimmt und ausdrückt: von seiner Geschichte, seiner Kultur, seiner Lage usw.

Der Exkurs darauf, dass auch ein Gläubiger nicht von einer „absoluten“, im Sinne einer „losgelösten“ Wahrheit ausgehe, stellt eine krude Verkürzung des kirchlichen Wahrheitsbegriffs dar und ist nichts weiter als ein feiges Um-den-Brei-herum-Reden. Die Wahrheit ist sehr wohl „absolut“, denn sie existiert tatsächlich losgelöst von jeder Bindung an Wahrheitsminderndes, Korrumpierendes, Relativierendes. Und noch etwas: nicht wir gehen von uns aus, wenn wir die Wahrheit(!) aufnehmen! Im Moment der Umkehr zu IHM nehmen wir tatsächlich ausschließlich IHN in uns auf und lassen unsere „Geschichte, unsere Lage, unsere Kultur etc.“  zurück! „At illi continuo, relictis retibus, secuti sunt eum16 – (Sie folgten IHM sogleich, nachdem sie ihre Netze liegengelassen hatten.)  Was sie versponnen, gebunden und gefangen gehalten hatte, warfen sie ab und folgten IHM…

3. An IHM scheiden sich die Geister!

Die Tatsache, dass viele Differenzen zwischen Einzelpersonen und kulturellen Ausprägungen ganz offenkundig im Zusammenhang mit Wahrheit und Irrtum, mit Bosheit und Güte, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit stehen, scheint Franziskus nicht im Blick zu haben, gar nicht ernst zu nehmen – als seien die Mächte und Gewalten in der Luft, vor denen uns der Hl. Paulus warnt, ein Kinderspiel. „Quia non est nobis colluctatio adversus sanguinem et carnem sed adversus principatus, adversus potestates, adversus mundi rectores tenebrarum harum, adversus spiritalia nequitiae in caelestibus.” – (Denn wir kämpfen nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen Fürsten, gegen Mächte, gegen die Herrscher dieser finsteren Welt, gegen böse Geister in den Himmelsregionen.) In der Waffenrüstung gegen diese Mächte nennt der Hl. Paulus zuerst das Umgürten der Lenden mit der Wahrheit!17

Nicht von Ungefähr wird am Ende der Zeiten der Weltenrichter Jesus Christus eine Scheidung von „Schafen“ und „Böcken“ vornehmen: nicht alles war gleich „gut“ oder hatte die gleiche Berechtigung. Und vieles, was „gut gemeint“ war, wird ER abweisen und böse nennen! Vor IHM werden Menschen stehen, die einklagen wollen, dass sie doch – sogar „in seinem Namen“ – „dasselbe“ getan hätten wie die vor IHM Gerechten. Mehrfach mahnt uns das NT: Er wird sagen, er kenne sie nicht und wird sie hinauswerfen in die äußerste Finsternis, die ihre Heimat war.18 Jeder, der diese Worte der Hl. Schrift liest, muss erschauern vor dem Ernst der Lage!

Die Lehre der Kirche kannte aus diesem Grund keinen „Dialog als Mittel des Friedens“. Unser Friede ist allein Christus. Unser Herz ist im Unfrieden, und was im Herzen ist, dringt – ohne Versöhnung mit Gott – unweigerlich nach außen. Frieden heißt in der christlichen Vorstellung, dass der Wille Gottes ohne Abstriche erfüllt wird. Es ist verschiedentlich darauf hingewiesen worden, dass ein solcher Frieden nicht von einem Kollektiv initiiert werden kann, sondern nur in den Herzen der einzelnen Gläubigen entfacht zur Gemeinschaft drängt. „Secundum voluntatem tuam pacificare et coadunare digneris“ – (Deinem Willen gemäß mögest DU befrieden und vereinigen) beten wir im Alten Messkanon. Erst geschieht die persönliche Befriedung des einzelnen, danach ist die Vereinigung möglich…

In die Realität menschlichen Unfriedens ragt die merkwürdige Aussage Jesu, der Friede, den er gebe, sei nicht der Friede, den die Welt gibt.19 Sein Friede ist also jenseits alles dessen, was der Mensch an Friedensbemühung vornehmen könnte.

Im Agnus Dei kommt der Einbruch dieser fremden Friedensvorstellung, die nicht von dieser Welt ist, zum Ausdruck: „qui tollis peccata mundi dona nobis pacem“ – (der Du trägst die Sünden der Welt, gib uns Frieden…). Die Beziehung zwischen unserer Sünde und der privatio des Friedens ist hier deutlich ausgesprochen. Ein rein irdischer „Weltfrieden“ ist – aufgrund des apokalyptischen Kampfes zwischen Licht und Finsternis – vor der Wiederkunft Jesu Christi sogar ausdrücklich ausgeschlossen:

ER, so ist es von Anfang an gesagt, bringt das „Schwert“. An IHM scheiden sich die Geister. An IHM wird offenbar, was in den Herzen schlummert. ER trennt unter uns Licht und Finsternis. So wie Gott am Anfang der Schöpfung das Licht und die Finsternis schied… Angesichts SEINER Gegenwart kann sich keiner verstellen.

Simeon prophezeit der Gottesmutter im Tempel: „Ecce positus est hic in ruinam et resurrectionem multorum in Israel et in signum, cui contradicetur — et tuam ipsius animam pertransiet gladius — ut revelentur ex multis cordibus cogitationes.“ – (Siehe, dieser ist gesetzt zum Ruin und zur Auferstehung vieler in Israel und zum Zeichen, dem widersprochen wird – und dir wird selbst ein Schwert durch deine Seele gestoßen werden – damit die Gedanken aus den Herzen vieler ans Tageslicht kommen.)20

Zum Ruin! Er wird Widerspruch hervorrufen! Das Schwert in Marias Seele ist keine romantisch-pathetische Beschreibung mütterlicher Affenliebe, sondern die Ankündigung der Teilhabe Mariens am Erlösungswerk ihres Sohnes. Das Schwert in der Seele Mariens ist Teil des Leidensweges Jesu, der den Frieden in Gott möglich machen wird für viele.

Mit Jesus steht jedenfalls der einzelne Mensch vor der Möglichkeit des endgültigen Ruins oder der Auferstehung. Ab jetzt ist die Rede von den Werken der Finsternis und denen des Lichts:

Nemo vos decipiat inanibus verbis; propter haec enim venit ira Dei in filios diffidentiae.
Nolite ergo effici comparticipes eorum;
eratis enim aliquando tenebrae, nunc autem lux in Domino. Ut filii lucis ambulate
— fructus enim lucis est in omni bonitate et iustitia et veritate —
probantes quid sit beneplacitum Domino;
et nolite communicare operibus infructuosis tenebrarum, magis autem et redarguite;
quae enim in occulto fiunt ab ipsis, turpe est et dicere;
omnia autem, quae arguuntur, a lumine manifestantur,
omne enim, quod manifestatur, lumen est. Propter quod dicit: “ Surge, qui dormis, et exsurge a mortuis, et illuminabit te Christus
”.21

(Niemand täusche euch mit leeren Worten; wegen ihnen kommt der Zorn Gottes auf die Kinder des Misstrauens.
Darum ergebt euch nicht als deren Teilhaber;
Einstmals wart ihr Finsternis, jetzt aber Licht im Herrn. Auf dass ihr wie Kinder des Lichtes wandelt – die Frucht des Lichtes nämlich besteht in Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit – prüft, was dem Herrn ein Wohlgefallen sei;
Und macht euch nicht gemein mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis, vielmehr aber deckt sie auf;
was nämlich im Geheimen von jenen getan wird, ist zu schändlich, um gesagt zu werden;
alles aber, was offengelegt wird, wird vom Licht sichtbar gemacht,
alles nämlich, was sichtbar gemacht wird, ist Licht.

Deswegen sagt man:
„Steh auf, der du schläfst, ersteh von den Toten auf, damit dich Christus erleuchtet.“
Wer nicht von Christus erleuchtet ist mit seiner willentlichen Zustimmung, liegt „im Grab“, ist „tot“!
Es ist dem Christen nicht erlaubt, mit den „Toten“ an einem Strang zu ziehen: „Nolite iugum ducere cum infidelibus! Quae enim participatio iustitiae cum iniquitate? Aut quae societas luci ad tenebras?22 – (Zieht nicht ein Joch mit den Ungläubigen! Hat denn die Gerechtigkeit teil an der Bosheit? Oder was hat das Licht mit der Finsternis zu tun?)

Distanz ist immer dann geboten, wenn Dinge aus einem bestimmten Geist heraus vorgenommen werden, der der Lehre der Kirche ausdrücklich widerspricht oder bei nüchterner Analyse implizit entgegensteht. Dazu zählen politische, soziale und kulturelle Projekte, die eine starke ideologische Fundierung haben und immer andere Religionen und ihre Kulte.
Es ist nicht „überheblich“, wie Franziskus behauptet, diese geistigen Fundierungen, die den Hl. Geist abweisen, als „Werk der Finsternis“ zu bezeichnen. Wer sich wirklich bekehrt hat, weiß, dass der Mensch außerhalb der Kirche unweigerlich in die Hände der Finsternis gerät. Wer wagt, die Geister voneinander zu scheiden – es ist ja bei vielem nicht einfach, zu erkennen, wes Geistes Kind es ist!?

Und es gibt schon in alttestamentlicher Zeit das Charisma der Unterscheidung der Geister, das derjenige, der es hat, seinen Glaubensgeschwistern schenken muss. Die Gabe der Unterscheidung ist verbunden mit einem prophetischen Charisma. Dass Simeon und Hanna (letztere wird ausdrücklich eine prophetissa genannt)23 in dieser unscheinbaren Familie, die in den Tempel kam, um ihren Erstgeborenen Gott zu weihen, die Heilige Familie erkannten, dass Simeon in Maria die Gottesmutter und Teilhaberin des Erlösungswerkes sah und ihr das unter Segenssprüchen sogar zusprechen konnte, basiert auf der Fähigkeit, das, was wahr ist und von Gott kommt, sofort zu unterscheiden von allem anderen, das nicht diesen Status hat. Simeon wird ein „homo iustus et timoratus“ genannt, dem der Hl. Geist eingegeben habe, „non visurum se mortem nisi prius videret Christum Domini.“ Unter Einwirkung des Geistes geht er zur besagten Stunde in den Tempel.24 Auch er ist ein Prophet wie Hanna – ganz eindeutig. Die Kirche braucht auch dieses Charisma. Das Lehramt hätte die Aufgabe, dieses Charisma und seine Frucht im Einzelfall zu prüfen und zu bestätigen.

Aus der zitierten Stelle aus dem Epheserbrief geht hervor, dass die Werke der Finsternis, sobald sie beleuchtet werden, sich zwangsläufig als nicht-lichtvoll erweisen werden: „Omne enim, quod manifestatur, lumen est.“ Hinter diesem Satz steht die Vorstellung der Finsternis als Abwesenheit des Lichtes. Wenn etwas wesenhaft finster ist, bleibt es auch im Licht finster, „wie ein schwarzes Loch“. Das Licht scheint und beleuchtet – nichts! Was sich dagegen beleuchten lässt und erkennbare Gestalt gewinnt, das ist Licht! Ein Läuterungsprozess klingt auch hier an dieser Stelle an: das Licht „heilt“ die gekränkte, verminderte, ursprünglich gut geschaffene, verfinsterte Substanz des Menschen. Jesus trat deshalb so überaus wirkmächtig als Arzt in Erscheinung. Das Heilen der menschlichen Gebrechen blieb immer eine zentrale Berufung der Kirche und fand einen sichtbaren Niederschlag in der Pflege und Behandlung Kranker, aber auch in Wunderheilungen durch die Fürbitte der Heiligen. Im Licht der Lehre der Kirche muss alles geprüft werden und wird seinen Charakter erweisen. Es ist nicht „überheblich“, so vorzugehen, wie Franziskus behauptet, sondern so ist es uns geboten zu unserem Heil und dem der ganzen Welt.

4. Das „Vorurteil“ als Kampfbegriff gegen die Objektivität

Ein letztes Wort sei gegen den gedankenlosen Einsatz des Begriffes „Vorurteil“ durch Papst Franziskus eingewandt: Wir meinen zu wissen, was ein „Vorurteil“ ist. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hätte niemand von „Vorurteilen“ gesprochen. Er hätte von einem „Urteil“, „Fehlurteil“ oder „Irrtum“ gesprochen. Man hätte einem bestimmten Urteil aufgrund rationaler Einwände vielleicht nicht zugestimmt. Man hätte aber nicht bestritten, dass das Urteilen, die Gewinnung einer ausschließlichen Überzeugung an sich selbst, legitim sei.

Was aber meint der Begriff „Vor-Urteil“, der 1954 von Gordon Allport theoretisch begründet worden sein soll und als negativer Kampfbegriff alltäglich verwendet wird?25 Es lässt sich schnell definieren, was die Rede von den „Vorurteilen“ meint: Wer „Vorurteile“ hat, denkt angeblich abwertend oder diskriminierend über andere, liegt damit selbstverständlich falsch und muss zurechtgewiesen werden. Der Begriff ist ein ideologischer Totschläger, denn jedes Urteil kann als Vorurteil zurückgewiesen werden. Fast jedem Alltags-Urteil haftet etwas Vorläufiges an. Daraus ist vernünftig nicht zu schließen, dass ein solches „vorschnelles“ Urteils falsch oder abwertend sein muss. Das Urteil ist sachlich möglicherweise korrekt, aber spontan gefällt. Die Möglichkeit positiver Vor-Urteile wird bezeichnenderweise vonseiten der Begriffsanwender nicht in Erwägung gezogen – auch dies ein Hinweis auf die hohe ideologische Kontamination dieses Wortes.

Und wie kann das „Vorurteil“ scharf abgegrenzt werden von ausreichend begründeten und bewussten Urteilen? Es ist unschwer zu erkennen, dass dies nicht möglich ist. Niemand ist in der Lage, rationale, allgemeingültige Kriterien zu formulieren, nach denen ein illegitimes „Vorurteil“ von einem legitimen Urteil unterschieden werden kann. Rational lässt sich nur über die Begründetheit eines Urteils entscheiden.

Längst hat sich die Rede von der Illegitimität der Vorurteile zum Gemeinplatz aufgeweicht, man dürfe überhaupt nicht urteilen. „Urteilen“ wird als gleichbedeutend mit „ver-urteilen“ aufgefasst. Die Kritikfähigkeit ist verloren gegangen: jedes Urteil wird als ein Urteil ad personam – als narzisstische Kränkung – aufgefasst, nicht mehr in der Sache, also ad rem!

Ironisch sprechen wir bereits von „political correctness“, einem vor-totalitären gesellschaftlichen Klima, das nicht mehr ertragen will, dass jemand aufgrund rationaler Erwägungen zu unerwünschten Urteilen kommt. In mancher Einzelfrage – zum Beispiel der nach der Homosexualität – geschieht inzwischen in vielen Staaten eine Kriminalisierung all jener, die aus wohlerwogenen Urteilen heraus nicht bereit sind ein ideologisch fundiertes Urteil über das Phänomen zu teilen, im Rahmen von „Antidiskriminierungsgesetzen“. Es genügt der verbale Widerspruch, um vor ein Gericht gestellt zu werden.

Franziskus ist zu feige, sich zu Themen wie dem genannten öffentlich zu äußern und windet sich wie eine Schlange zwischen Licht und Finsternis. Er will im Licht sein und doch die Finsternis nicht brüskieren: „Wer den christlichen Glauben lebt, flüchtet nicht aus der Welt oder sucht irgendeine Hegemonie, sondern stellt sich in den Dienst des Menschen; er dient dem ganzen Menschen und allen Menschen, beginnend bei den Peripherien der Geschichte, stets erfüllt von der lebendigen Hoffnung, die trotz allem zu Werken des Guten drängt, und den Augen dem Jenseits zugewandt.

Der Christ „ist nicht von dieser Welt“. Sein Streben ist, dass er nicht dem Menschen, sondern dem Herrn dienen will. Dass der Herr, der sich zum Diener aller gemacht hat, auch die Seinen zum Dienst an allen aussendet, ist wahr. Ob der Herr im Einzelfall dabei „bei den Peripherien der Geschichte“ beginnen will, sollten wir IHM nicht vorschreiben. Warum sollte er nicht im Zentrum wirken wollen?

Warum aber erwähnt Franziskus nicht, dass der Christ primär seinem Herrn und erst sekundär dem Menschen dient? Weiß er nicht, dass diese primäre Motivation erst das spezifisch Christliche ausmacht und den „Dienst am Menschen“ unterscheidet von der Vergötzung des Menschen, der alle Welt frönt?

Ein tiefer Seufzer entfährt mir – O, Franziskus, warum wirfst Du Dich nicht vor IHM nieder und flehst unsere Mutter um Fürbitte an, warum lässt Du Dir nicht raten von klugen Männern und Frauen, bevor Du redest oder schreibst? Was willst Du hinterlassen mit solch chaotischen und falschen Verlautbarungen? Soll die Kirche unter Dir zusammensinken wie eine vermoderte Leiche? Wenn ich nicht wüsste, dass nicht Du es bist, der die Kirche bewahrt vor den Pforten der Hölle – ich müsste es jetzt befürchten!

O Maria!

* Hanna Jüngling, freischaffende Musikerin, Schriftstellerin und Künstlerin

Text: Hanna Jüngling
Bild: Zeitschnur

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Zuwendungsübersicht
  1. Der Text des Briefes an Eugenio Scalfari, der am 11. September 2013 in der italienischen Zeitschrift „La Repubblica“ erschienen ist, wurde am 12.+13. September 2013 im katholischen Nachrichtenmagazin „Zenit“ (www.zenit.org/de) in einer eigenen deutschen Übersetzung und auch im Original veröffentlicht: http://www.zenit.org/de/articles/wahrheit-ist-eine-beziehung-erster-teil und http://www.zenit.org/de/articles/wahrheit-ist-eine-beziehung-zweiter-teil
    Alle Zitate aus diesem Brief, die ich anführe, stammen aus dieser Zenit-Übersetzung. []
  2. Ecclesiastes 3, 1+7 []
  3. So beispielsweise in seiner ersten Ansprache nach der Papstwahl []
  4. Vgl. Anm. 23 []
  5. Joh. 3, 36 []
  6. Beim Treffen mit japanischen Studenten – vgl. Anm. 12 []
  7. Beim Treffen mit japanischen Studenten – vgl. Anm. 12 []
  8. Vgl. P. Engelbert Recktenwald: Glauben Christen und Muslime an denselben Gott? Und vgl. P. Franz Prosinger: Derselbe Gott? Auf www.kath-info.de/monotheismus.html am 21.9.2013 []
  9. 1. Johannes 4,2 ff []
  10. Vgl. Mt. 25, 31 ff + Mt. 7, 22 []
  11. Joh. 16, 13 []
  12. Joh. 8, 32 []
  13. Dieser Text stammt von der Webseite http://de.radiovaticana.va/news/2013/08/21/papst_franziskus_trifft_japanische_studenten:_%E2%80%9Enur_begegnung_bringt/ted-721447 des Internetauftritts von Radio Vatikan []
  14. Offenbarung 3, 15 []
  15. Offenbarung 1, 16 []
  16. Mt. 4, 18 []
  17. Eph. 6, 12 ff []
  18. Vgl. Mt. 25 31 ff oder Mt 7, 22 []
  19. Joh. 14, 27 []
  20. Lk. 2, 25 ff []
  21. Eph 5, 6-14 []
  22. 2. Kor. 6, 14 []
  23. Lk. 2, 36 []
  24. Lk. 2, 26+27 []
  25. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Vorurteil#Definitionen, abgerufen am 17.9.2013 []

28 Comments

  1. Der hw Dominikanerpater Giovanni Cavalcoli , 
    Dozent für Moraltheologie und Christliche Anthropologie an der Theologischen Fakultät der Emilia-Romagna, 
    hat vor gut drei Monaten einen sehr trefflichen Vortrag zum Thema
    „Der Dialogkult und die Feinde Jesu“
    gehalten.
    Ein Auszug:

    -
    [….]
    „Christus sagt uns klar und deutlich, 
    wenn wir seine Jünger sein und mit ihm an der Rettung der Welt mitwirken wollen, 
    dann müssen auch wir den Mut haben, unsere Identität als Kinder Gottes zu zeigen, 
    indem wir uns den Irrtümern und Sünden der Welt für deren Reinigung und Rettung widersetzen 
    auch um den Preis, wie Selbstgerechte zu erscheinen.
    Daraus folgt eine letzte Konsequenz: 
    Wir müssen 
    den schalen, ergebnislosen und zweideutigen Dialogkult unserer Tage 
    korrigieren, 
    eine Praxis, die, wenn wir das Vorbild von Christus ernst nehmen, 
    ganz und gar nicht christlich ist und 
    unter dessen Deckmantel von Freundlichkeit und Toleranz sich ein beschämender Opportunismus 
    und ein Doppelspiel versteckt, das eines wahren Jüngers Christi absolut unwürdig ist.

    Wenn wir von uns wirklich sagen wollen, seine Jünger zu sein, 
    dann müssen wir in einer Art mit den Menschen unserer Zeit sprechen, 
    die wenn nötig – und wir hoffen natürlich, daß dies selten der Fall ist – 
    auch harte und mutige Töne gebraucht, auch auf die Gefahr hin, 
    Verfolgung zu erleiden oder sogar zum Preis unseres Lebens.

    Wenn Christus sich damit begnügt hätte, 
    es wie Buddha oder Mohammed zu machen, 
    gäbe es kein
    „Mysterium crucis“, 
    das der Weg und das Unterpfand für unser ewiges Heil ist“.
    -

    Zum gesamter Text:

    http://katholisches.info/2013/05/16/der-dialogkult-und-die-feinde-jesu/

  2. ein ganz trefflicher Text von Hanna Jüngling-von messerscharfem Verstand eine glanzvolle Analyse
    was aber noch wichtiger ist :gläubig und voller Liebe zu Christus, seiner Braut.nur so kann man kompetenst von solchen Dingen reden.
    Ein Appell der mir in den Ohren nachhallt.Es ist der Aufschrei des von den Funktionären im Stich gelassenen engagierten guten gläubigen Menschen
    Möge doch dieses Schreien über die Alpen hinunter ins Herz der sichtbaren Kirche dringen-wenn ungehört, es wird sicher ins Herz des vom Vater erhöhten Herrn dringen-der erscheinen wird auf den Wolken des Himmels mit grosser Macht und Herrlichkeit und mit dem Zeichen des Kreuzes Rechenschaft einfordern von einem jeden nach seinem Tun.Dann gibt es keine Verdrehungen und Ausflüchte mehr, denn Seine Urteile sind wahr und gerecht.

  3. Ähnliches hatten wir schon zu Zeiten des sogenannten Konzils, und danach, da wurden viele Priester weil sie mit der Freigabe des Zölibates rechneten, und da ließen sich viele scheiden und gingen zur Übernächsten , weil sie mit der Freigabe der Eheunauflöslichkeit rechneten. Wer das Reich Gottes zu verkünden hat verletzt seine Aufgabe wenn er dialogisiert.

    • nein, nach meiner Erfahrung waren es nicht sosehr die angehenden Priester, die mit der Freigabe des Zölibates rechneten-es wurde ihnen damals suggeriert, in Aussicht gestellt von massgeblichen Professoren, Regentes in Seminarien,welche sich zT abfällig etwa über Papst Paul als Pillenpauli vor den Alumnen äusserten, von einem verherenden Statement wie folgt sich nicht enthalten konnten „punkto Zölibat wird es gewisse Erleichterungen(?) geben“ so ein Rat eines Dekans(der später Bischof wurde-aber endlich von Rom abgesetzt wurde).
      Es ist unverantwortlich solche Thesen zu verbreiten besonders in kritischen Zeiten-die sind wieder präsent-.Mich beelenden diese Getäuschten und Enttäuschten und höre nicht auf sie in meine armselige Fürbitte mitzu nehmen.

  4. Fortsetzung des Dialogs im Thread des Artikels „Sedisvakanz“
    http://katholisches.info/2013/09/26/stichwort-sedisvakanz-aus-aktuellem-anlass/

    Sehr geehrte Frau Jüngling,
    zu Ihrer wortreichen Kritik an dem Schreiben von Papst Franziskus an den Atheisten Scalfari möchte ich auf manche Unsachlichkeit und manchen Irrtum (neben manch Unerklärlichem und Unzutreffendem) hinweisen.

    Sie schreiben:
    „Franziskus hat allein deswegen unrecht, weil ihm die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes keine Erwähnung wert ist.“ Das ist Unsinn. Der Papst antwortet in seinem Brief auf ganz konkrete wenige Fragen. Dass er nicht jedes Dogma und jede Glaubenswahrheit erwähnen kann ist offesichtlich – oder um es mit Ihren eigenen Worten zu sagen: „Wenn ein Aufsatz ein bestimmtes Thema hat, kann darin unmöglich auf alles eingegangen werden, was in einem Zusammenhang damit steht. Es ist nur ein Aufsatz, bei dem man sein Ziel nicht aus den Augen verlieren will“. Andernfalls müsste man wohl auch Ihnen bescheinigen, dass Sie -allein schon aus diesem Grunde (!) – unrecht haben, trotz Ihrer wortreichen Abhandlungen, die in der Tat viele schöne Worte enthalten.

    Sie schreiben:
    „Mit dem Konzil haben Johannes XXIII. und Paul VI. die „Öffnung zur Welt“ praktiziert, die nicht mehr das Opfer Jesu und eine Scheidung der Geister zur Rettung der einzelnen Seelen, sondern Allversöhnung, das Shake-hands von Licht und Finsternis und die merkwürdige theoretische Zwangskollektivierung der Menschen zur „Menschheitsfamilie“ ins Zentrum der Verkündigung stellte.“
    Die Erlösung (des Menschen!) war schon immer die Verkündigung der Kirche. Es ist die Frohe Botschaft schlechthin. Adressat dieser Frohen Botschaft ist in der Tat die ganze Menschheitsfamilie – und das nicht erst seit Johannes XXIII.! Juden und Heiden – alle Menschen.
    Auch im Gebet, dass Jesus uns selbst gelehrt hat, heißt es „kollektivierend“ „Vater UNSER…“.
    Vgl. (übrigens auch zum „weltlichen“ Frieden, den anzusterben für Sie ein Problem darstellt:
    http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/messages/peace/documents/hf_ben-xvi_mes_20071208_xli-world-day-peace_ge.html

    Fortesetzung folgt

  5. Fortsetzung1

    Sie schreiben in Bezug auf die monotheistischen Religionen:
    „In der Tat meinen aber alle drei einen jeweils anderen Gott.“

    Einen JEWEILS ANDEREN…
    Ich nehme mal an, dass Sie neben den genannten, nämlich Christentum und den Islam, als dritte Religion das Judentum meinen. Und Sie behaupten, dass auch der Gott der Juden ein anderer sei als der der Christen und ereifern sich in scheinbar (!) logischen aber äußerst kurzsichtigen Schlussfolgerungen.

    Interessanterweise führen Sie zu diesem Thema die Erläuterungen an von P. E. Recktenwald FSSP und P. F. Prosinger, so als würden diese Ihre Position unterstützen. Wer aber die Artikel der beiden Theologen aufmerksam gelesen hat, wird feststellen, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Beide bestätigen die auch von den Päpsten vertretene Haltung, dass Muslime bzw. Juden (denselben) Gott meinen und anbeten wie wir Christen – auch wenn das Gottesbild ein anderes ist. So sieht es die Kirche, wie Sie auch aus den Worten der Päpste ersehen können. Es ist unnötig, alles dort Gesagte zu wiederholen, es kann ja jeder nachlesen, nur dies:
    P. Recktenwald: „Noch viel weniger hebt die Leugnung der Dreifaltigkeit die Referenz auf den einen Gott auf. Auch die Juden wußten noch nichts von der Dreifaltigkeit, dennoch war Jahwe, an den sie glaubten, der eine dreifaltige Gott. Die Muslime glauben wie die Juden und die Christen an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Daß Christus die Dreifaltigkeit Gottes offenbarte, macht Jahwe im Nachhinein nicht zu einem anderen Gott. Es ist derselbe Gott, über den eine weitere Wahrheit geoffenbart wurde.“
    P. Prosinger: „Anstatt die selbstgerechte Behauptung aufzustellen, die Muslime und die Juden würden nicht an den wahren Gott glauben (im Gegensatz zu uns!), sollten wir die Herausforderung derer, die die Einzigartigkeit Gottes bezeugen wollen, annehmen.“

    Sie bemängeln „Äquivokationen, die Anlass zu Missverständnissen, Enttäuschungen, Verwirrung und Rivalitäten“ geben, und stellen aber gleichzeitig fest, dass ein (sog. offener) Dialog, der den anderen anhört und ihn zu verstehen sucht und so zur Klärung der Begriffe beitragen kann, nicht nur sinnlos ist sondern dass „eine solche Vision vom „Dialog“ (…) unmenschlich [ist]und (…) den Menschen seiner Würde [beraubt]“. Offensichtlich ist auch das Unsinn.

    Genau deswegen, liebe Frau Jüngling ist rechtverstandener Dialog (der etwas ganz anderes ist als das, was ein Erzbischof Zollitsch und die DBK darunter verstehen), wichtig. Kein vernünftiger Mensch wird das bestreiten, und kein Katholik würde behaupten, dass (rechtverstandener) Dialog, so wie ihn Benedikt XVI. und auch Papst F. empfehlen, eine Form des Auftrags des Christen ist.
    http://frischer-wind.blogspot.de/2012/02/dialog-ist.html
    http://frischer-wind.blogspot.de/2011/08/dialog-mission_27.html

    • Einen JEWEILS ANDEREN…
      Ich nehme mal an, dass Sie neben den genannten, nämlich Christentum und den Islam, als dritte Religion das Judentum meinen. Und Sie behaupten, dass auch der Gott der Juden ein anderer sei als der der Christen und ereifern sich in scheinbar (!) logischen aber äußerst kurzsichtigen Schlussfolgerungen.

      Man lernt immer neu dazu. Das habe ich auch nicht gewußt das der „Dreifaltige Gott“ eine kurzsichtige Schlussfolgerung ist.
      Per Mariam ad Christum.

  6. Fortsetzung 2

    Sie kritisieren, dass F. von der „Zärtlichkeit Gottes“ und der „Sanftmut der Christen“ spricht und die Sanftmut als die tiefste Haltung bezeichnet, die es für einen (kulturellen wie auch den religiösen) Dialog braucht.
    Sie meinen:
    „Nüchtern bemerkt ist es hinsichtlich der Wahrheit nicht von Belang, ob sie sanft oder unsanft vorgetragen wird – was wahr ist, ist wahr.“ Natürlich! Selbstverständlich können Sie Andersgläubigen die Wahrheit ins Gesicht klatschen, so wie Sie das in diesem Forum, auf Ihrem Blog oder sicher auch bei sich zu Hause tun. Das hat aber mit der Tugend der Klugheit und wirklicher christlicher Liebe nicht viel zu tun. Für den persönlichen Dialog von Mensch zu Mensch ist aber die persönliche Einstellung durchaus für den Erfolg des Dialoges (den wir ja wünschen um das Gottesreich zu bauen) wichtig. Da ist es ein Unterschied, ob Sie sich feinfühlig dem anderen nähern wollen, oder ob Sie wie ein Elephant im Porzellanladen alles zerstampfen was schon dagewesen wäre. Nicht der Spruch „Der Ton macht die Musik!“ klingt hier an, sondern – wenn schon ein Spruch, dann doch eher „Mit einem Tropfen Honig fängt man mehr Fliegen als mit einem Fass voll Essig“.

    Allerdings verkennen Sie hier, dass es sich bei der Sanftmut um eine christliche Tugend handelt, die wir uns aneignen sollen: Christus sagt selbst: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele“ (Mt 11,29). Sicher ist Ihnen bekannt, dass die Herz-Jesu-Verehrung eine besondere Stellung bei den Jesuiten hat, aus der auch F., wie die ständige Erwähnung der Tugenden Demut und Sanftmut zeigen, merklich schöpft.

    Ihr Satz: „Die Aufwertung der „Verpackung“ zum unverzichtbaren Bestandteil der Wahrheit, eine irrige Frucht des „Pastoralkonzils“, hat nicht nur die traditionelle Lehrverkündigung in Misskredit gebracht, sondern die Wahrheit ihrer Objektivität beraubt“ ist offensichtlicher Unsinn. Weder wird die „Verpackung“, also die „Verkündigung in der Haltung der Sanftmut“, ein „unverzichtbaren Bestandteil der Wahrheit“, sondern transportiert die Wahrheit vielmehr, noch wurde durch diesen Anspruch die Wahrheit „ihrer Objektivität beraubt“. Wie soll das denn geschehen sein? Nochmal: Dadurch, dass ich in sanftmütiger Haltung einen Dialog führe, dadurch soll die Wahrheit an Objektivität verlieren? … Schmarrn.

    • “ Da ist es ein Unterschied, ob Sie sich feinfühlig dem anderen nähern wollen, oder ob Sie wie ein Elephant im Porzellanladen alles zerstampfen was schon dagewesen wäre.“

      „Ihr seid nicht heiß, ihr seid nicht kalt, ihr seid nur lau. Ich spuck euch aus.“
      Ist das feinfühlig genug?
      Per Mariam ad Christum.

  7. Fortsetung 3

    Ich wüsste nicht dass die Kirche ihre Lehre verkündet unter der Prämisse „Friss oder stirb“. Scheinbar stellen Sie sich so „die traditionelle Lehrverkündigung“ vor. In solcher unbarmherziger und arroganter Weise wollen Sie denen, denen Sie die Wahrheit verkünden, keinen Raum für einen Reifungsprozess hin zum wahren Glauben lassen. Sie meinen: “in meiner „Umkehr“ vollzieht sich kein lebenslanger „Dialog“ zwischen dem Vorher und Nachher, sondern sogar eine regelrechte Läuterung aus dem Vorher heraus.“ Ja, aber deswegen bin ich nach meiner Bekehrung dennoch ein Kind meiner Zeit, im wesentlichen noch immer ein Kind meines kulturellen und sonstigen Umfeldes.

    Freilich widersprechen Sie sich selbst, wenn Sie dennoch von einem „Umgestaltungsprozess“ sprechen, den aber nicht nur eine Kultur, sondern auch jeder einzelne von uns – und zwar genau ein Leben lang – durchläuft. Auch nach seiner Bekehrung – bis zu dem Punkt an dem wir vollkommen in Christus umgestaltet, sprich heilig sind. Oder leugnen Sie, dass dies für jeden von uns eine Lebensaufgabe ist?

    Sie raten (mit Recht) dazu den anderen, „den Fremden“, nicht zu unterschätzen.
    Zitat: „Er irrt, weil er ein irrender Mensch ist, wie ich einer war, bevor mich Jesus berührte und wieder bin, sobald ich mich von Jesus abwende. Warum sollten wir annehmen, dass sein Widerspruch ein Missverständnis sei, das sich mit ein paar Dialogsitzungen auflösen lässt?“ Anderen wollen Sie also verweigern, was Ihnen selbst wiederfahren ist, dass Jesus sie möglicherweise berühre – durch eine Erklärung, einen Hinweis, ein Ausräumen eines Vorurteils (zu dem Begriff später noch).

    Sie fragen:
    „Wie viel Sinn ergibt der Versuch, eine Aussage, die eine Religion für wahr hält, in „Dialog“ mit ihrem Widerspruch zu bringen?“ Gegenüber der Religion als Ganzer gesehen, bringt das nichts. Aber gegenüber einer konkreten Person, einer Person, die an der Wahrheit interessiert und deswegen offen ist für einen Dialog, die zuhört und sich Gedanken über das Gehörte macht, für diese Person kann es diese Berührung durch Jesus sein – wer wollte das in Absprache stellen. Aber hier gilt: wir säen; was daraus wird müssen wir Gott überlassen.

    Fortsetzung folgt

    • „Ich wüsste nicht dass die Kirche ihre Lehre verkündet unter der Prämisse „Friss oder stirb“.“

      „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich“.
      Per Mariam ad Christum.

  8. Fortsetzung 4

    Noch zum Begriff des Vorurteils. Ein Vorurteil ist ein Urteil, das ich über jemanden gefasst habe, aber nicht der Wirklichkeit entspricht. Und zwar habe ich mir dieses Urteil gebildet, weil ich nicht die Möglichkeit (oder das Interesse daran) hatte, herauszufinden, wie es in Wirklichkeit ist. Dieses Vorurteil kann aber, wenn ich es zur Grundlage meines Handelns mache, zu Ungerechtigkeit (in jeglicher Ausprägung) führen.

    Was Sie allerdings zu diesem Begriff schreiben, ist absolut suspekt: Unsinn, vermengt mit wikipedia-„Wissen“ (s. Quellenangabe), das jeglichem Bezug zu dem Gebrauch von Papst F. bar ist. Sie behaupten: „Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hätte niemand von „Vorurteilen“ gesprochen.“ Um dann (mit Berufung auf wikipedia, das Sie aber leider wieder falsch interpretieren) zu behaupten, dass der Begriff „von Gordon Allport theoretisch begründet worden sein soll und als negativer Kampfbegriff alltäglich verwendet wird“.Unsinn!

    Selbstverständlich hat man auch vor dem 20. Jh. von „Vorurteilen“ gesprochen und wusste, was das ist. Einen Beweis finden Sie z. B. im Titel einer im Jahre 1813 erschienenen Novelle von Jane Austen, namens „Pride and Prejudice“ – „Stolz und Vorurteil“. Ja, wir wissen, was ein Vorurteil ist: z. B. dass alle Italiener Spaghetti-Esser sind; oder dass die Katholiken Menschenfresser sind und Maria anbeten, oder dass alle Deutschen blaue Augen und blonde Haare haben, Lederhosen und Dirndl tragen und Nazis sind. Und tatsächlich könnten solche Vorurteile durch muteinandergeführte Gespräche aufgeklärt und abgebaut werden – im kulturellen wie im religiösen Bereich. Gibt es überhaupt eine andere Möglichkeit, Vorurteile abzubauen?

    In oben genanntem Sinne gebraucht es F. wenn er (warum nur unterstellen Sie F. Gedankenlosigkeit?) an Scalfari schreibt: „So kam es zwischen der Kirche und der christlich inspirierten Kultur einerseits und der modernen, von der Aufklärung geprägten Kultur andererseits zu einer Kontaktunfähigkeit. Nun ist die Zeit gekommen – und das Zweite Vatikanische Konzil hat sie ja eingeleitet – für einen offenen Dialog ohne Vorurteile, der die Tür zu einer ernsten und fruchtbaren Begegnung wieder öffnet.“ (autorisierte Übersetzung aus dem Italienischen)
    http://www.vatican.va/holy_father/francesco/letters/2013/documents/papa-francesco_20130911_eugenio-scalfari_ge.html
    Gibt es überhaupt eine andere Möglichkeit, Vorurteile abzubauen? Ja: Krieg, Eroberung, Versklavung… Okay.

    • Sie irren auch bezgl. des Begriffes „prejudice“ (Jane Austen):

      „Vor-urteil“ ist eine Nachbildung des lateinischen „praeiudicium“. Das aber meint nicht eingeengt ein „Vorurteil“ im Sinne einer Diskriminierung oder einer negativen Vorannahme, also das ideologisierte Verständnis des Begriffes, wie ich es in meinem Text beschreibe, sondern „praeiudicium“ meint folgendes:

      Es kann eine Vorentscheidung, eine Vorhersage (im Sinne der Befürchtung), bei Caesar sogar ein maßgebliches Urteil sein (also „vor“ hier im Sinne der Vorreiterschaft).
      Die absolut negative und ideologische Einengung auf ein „diskriminierendes, vorgefasstes Urteil“ stammt erst aus der Mitte des 20. Jh wie ich es erklärt habe.

      Kein vernünftiger und verantwortlicher Mensch, sollte ein derart kontaminiertes Wort unbedacht einsetzen. Ich kann bei F. nicht erkennen, dass er sich über die Problematik dieses Begriffes überhaupt bewusst ist.

  9. „Nun ist die Zeit gekommen – und das Zweite Vatikanische Konzil hat sie ja eingeleitet – für einen offenen Dialog ohne Vorurteile, der die Tür zu einer ernsten und fruchtbaren Begegnung wieder öffnet.“ (autorisierte Übersetzung aus dem Italienischen).“

    Wer diese Welt liebt kennt den Vater nicht. Und wer sich diese Welt zum Freund macht, macht sich zum Feind Gottes. Wenn die Zeit kommt wird es keinen Dialog mehr geben. „Ihr habt mich nicht gekannt und ich kenne euch auch nicht“.
    Per Mariam ad Christum.

  10. Ich kann nur jeden Leser bitten, meinen Text zu lesen und zu prüfen, ob diese langatmigen Vorwürfe zutreffen oder nicht.

    Nur eine wichtige Korrektur: ich habe mich auf Recktenwald und Prosinger kritisch bezogen und sie gerade nicht für meine Argumentation als „Unterstützer“ herangezogen. Ich habe ihre Position kritisiert.

    Ansonsten: ich habe alles gesagt, was zu sagen war. Auf eine derart vergröbernde Kritik kann ich nicht weiter eingehen.

    • Liebe @zeitschnur,

      “ … ob diese langatmigen Vorwürfe …“ und “.. ich habe alles gesagt, was zu sagen war. Auf eine derart vergröbernde Kritik kann ich nicht weiter eingehen.“

      Beide Zitate zeigen m. E. dass Sie sich von @Frischer Wind persönlich getroffen fühlen. Da ich Sie bzw. Ihre Beiträge immer sehr schätze, aber nicht immer in allem Ihnen wirklich zustimmen kann, glaube ich auch berechtigt zu sein, Ihnen empfehlen zu dürfen, – dialogisch – den Standpunkt des/der anderen aus deren Sicht bzw. Herkunft zu betrachten.

      Jemand, der nicht aus dem Denken der Piusbruderschaft mit geprägt ist, hat wohl auch nicht die gleichen Verständnisgrundlagen wie Sie; das gilt aber auch umgekehrt. Außerdem ist es wohl so, dass wir alle begrenzt sind und Fehler machen können, auch – und gerade dann – wenn wir uns ’so sicher sind‘. Zur Demut gehört an dieser Stelle gerade die Frage an den Herrn. „Herr, habe ich mich in einigen Punkten vielleicht doch verrannt, willst Du mir mit diesem/dieser anderen vielleicht etwas sagen, was mir bisher entgangen ist? Herr, verzeih mir, wenn ich mir zu sicher war.“

      Wahre Größe zeigt sich immer auch in der angemessenen Demut. Das gilt immer für beide Seiten. Manchmal ist die Bereitschaft zum persönlichen Dialog die Brücke zum jeweils anderen, auch wenn ich diese Brücke mehrfach – und scheinbar vergeblich – betreten müsste.

      Darf ich Ihnen empfehlen, mit @Frischer Wind über deren E-Mail-Adresse (siehe Blog) persönlich in Kontakt zu treten? Ich bin überzeugt: Sie würden sich wundern, wie viele Gemeinsamkeiten es zwischen Ihnen beiden gibt; aber auch entdecken, woraus die Unterschiede erwachsen sind. So nur kann man m. E. feststellen, was an den Vorwürfen dran ist.

      Ich wünsche Ihnen beiden von Herzen gutes Gelingen dazu und Gottes reichen Segen. Vielleicht kann ja so sogar eine neue Freundschaft entstehen bzw. will Gott Sie so damit beschenken.

  11. Die Einwände von @Frischer Wind sind, zumindest was mich angeht, wenig überzeugend. Wie kann man an etwas glauben, was man nicht kennt? Natürlich ist der Jahwe der Juden und der dreifaltige Gott der Christen derselbe Gott, aber wenn ich ihn letztlich nicht als den kenne und somit be-kenne, der er in Wahrheit ist, dann hat dieses Beten zu dem selben Gott und dieses Glauben an den einen Gott keine Substanz in der Wahrheit.
    Was den Dialog betrifft, geht die Kritik ins Leere, weil es letztlich in der Frage der Wahrheit keinen Dialog geben kann. So sah das m. E. auch Jesus. Freilich hat auch er, wenn man so will, den Weg des Dialogs im Sinne einer Darlegung seines Standpunktes betreten, aber als dieser Standpunkt abgelehnt und verworfen wurde, ist er aufs Kreuz gestiegen und hat konsequent und bis zum Tod die Wahrheit bezeugt. Und in der Auferstehung wurde von Gott dieses Zeugnis als wahr bestätigt, so glauben wir – und nur wir! Was heute die Kirche unter Dialog mit anderen Religionen und Kulturen versteht, darf sich nicht auf Christus berufen, denn es ist ein Dialog in Form einer Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Ein solcher Dialog führt nicht zur Wahrheit, sondern er versucht Kompromisse zu schließen, wo es letzten Endes keine Kompromisse geben kann. Es stimmt, man sollte die Wahrheit den Menschen nicht um die Ohren hauen (das ist letztlcih sicher auch [email protected] Absicht!), man sollte nicht überall provokant auftreten, aber man muss bei der Wahrheit bleiben und sich nicht mit Scheinkompromissen selbst betrügen. Aus einem solchen (Selbst-)Betrug entsteht nämlich nicht der ersehnte Friede und die Verständigung, sondern nur neuer Streit oder ein vollkommenes Abgleiten in die Lüge. Und wir erleben ja momentan die „Früchte“ eines solchen jahrzehntelang falsch geführten Dialogs bspw. mit den Protestanten. Es sind faule Früchte, die man nun erntet, brüchige Brücken, die man gebaut hat. Und insofern erscheint mir der Standpunkt @zeitschnurs in unserer Situation und generell wirklich als der bedenkens- und beherzigerenswerte.

    • Danke – Sie verstehen, wovon ich rede.
      Ein Detail noch zum Gott der Juden: durch die Verwerfung Jesu, also des Sohnes, haben sie allerdings das Gottesbild, das das alte Israel überlieferte, eingeengt auf – um es formalistisch zu sagen: Der wahre Gott – (minus) Jesus. Das ist dann definitiv nicht derselbe Gott wie der der Christen.

      Ich habe übrigens gerade Bergoglios „Über Himmel und Erde“ gelesen. Es ist darin vieles auffallend und im klaren Widerspruch zu den überlieferten Dogmen. Aber ganz besonders befremdlich ist, dass Jesus in diesem Buch nicht vorkommt.
      Im Kapitel „Über Gott“ spricht er nicht einmal den Namen Jesu aus. Alle anderen Kapitel handeln mehr oder weniger von sozialen und ethischen Fragen.

      Wir werden sehen, dass das, was Bergoglio bekennt – nachprüfbar und auf der faktischen Ebene bekennt – nicht der traditionellen Lehre der Kirche entspricht. Er lehrt etwas anderes. Die beiden einzigen Themen, bei denen er vollkommen, wie es scheint, traditionalistisch redet, sind einerseits die Frauenfrage (daher auch die Exkommunikation des Priesters in Australien), andererseits seine Auffassung vom Teufel.
      Das passt allerdings systematisch nicht zusammen.

      • „Traditionelle Lehre“ – ich greife dieses Stichwort auf, weil sich der innerkirchliche Streit, wie ich das beobachte, doch darum dreht, was traditionelle Lehre ist und was daran (für alle Zeiten) verbindlich und was veränderbar (wobei sich das in der breiteren Öffentlichkeit vor allem auf Moral- und Strukturfragen fokussiert). Das wird doch insbesondere im Konflikt mit der Piusbruderschaft in puncto Religionsfreiheit deutlich.

        Zum Dialog: Ich sehe nicht, wieso Dialog und ein klares Bekenntnis zu Christus sich ausschließen sollen. Es wäre doch widersinnig, wenn ich mit dem Angehörigen einer anderen Religion einen religiösen Dialog führe, ohne meinen Glauben an Christus darzulegen. Die Wahrheit verträgt in der Tat keine Kompromisse, aber es ist doch auch wahr, dass jeder Mensch eine Würde hat, die es zu achten gilt.

      • Da haben Sie mal eben zu 100 Prozent die Position der Piusbrüder und damit die Position der Kirche bis zum 2. Vatikanum übernommen. Sehr gut!

      • Es geht nicht drum, dass wir nicht miteinander reden, sondern darum, dass niemand seine Überzeugung innerhalb des Dialogs an der Überzeugung des anderen transformieren muss.
        Meine Zitate von F. belegen aber, dass er das offenbar fordert. Und dagegen habe ich argumentiert.

        Wesentlich spielt hier auch die leider vernachlässigte Form-Inhalt-Debatte herein: es ist schlechterdings unmöglich, einen Inhalt beizubehalten bei inzwischen fast konträrer Form.

        Ich selbst habe erst im Vetus Ordo endgültig verstanden, worum es eigentlich geht . Im Novus ordo war mir das verschlossen, weil er den Menschen ins Zentrum stellt und eben nicht Christus. Die Dramaturgie der Hl. Messe im Alten Ritus ist total auf Christus hin zentriert. Das ist wunderbar und heilsam. Erst heute morgen habe ich wieder erleben müssen, wie der Novus ordo dazu führt, dass sich die halbe Gemeinde selbst darstellt udn feiert und die Eucharistiefeier auch noch mit einer Feier des eigenen Handwerks verwechselt wird. Wir essen dann das heilige Brot, das wir selbst erarbeitet haben und natürlich mit allen teilen sollen. Das Opfer Jesu wird im Sinne des Mysteriums nicht mehr verständlich, die Gesten verlieren ihren Sinn und der Priester weiß auch so nicht mehr, warum der Priester zölibatär lebt. Natürlich begrieft man dann nur noch oberflächlich, dass es hier irgendwie um Come-together der „Menschenbrüder“ (die es in der Lehre der Kirche nicht gibt – da gibt es den Nächsten, die Menschenkinder und Glaubensbrüder/-schwestern. Das ist etwas ganz anderes!) und ach ja… da gibt es ja auch noch Gott…geht.

        Traditionelle Lehre heißt: die objektiv dargelegte Lehre in lehramtlichen Akten. Und es heißt: A muss A heißen, B muss B heißen. Der Modernismus hat dazu geführt, dass man alles derart ausdehnt in der Deutung, dass man auch das Gegenteil schließt aus ein und demdem selben Satz. Oder ganz einfach das an der Lehre ignoriert, was einem nicht passt.

        Wenn ein Konzil etwas formuliert, was vorher alle Päpste ausdrücklich verworfen haben samt vorangegangenen Konzilien, dann ist das logisch ein Widerspruch und nicht einfach eine „Deutungsmöglichkeit“. So wird seit dem Konzil Stück für Stück abgetragen, was bis dato gelehrt worden ist. Und viele der Heutigen wissen das nicht, weil sie nie gehört haben, was zuvor gelehrt wurde.

      • Ich habe den Brief von Franziskus anders gelesen als Sie.

        Im Übrigen ziehe ich die alte Messe klar vor, teilweise aus denselben Gründen wie Sie, und halte die Liturgiereform für verfehlt – wobei ich, seit ich die alte Messe kenne, aber der neuen Form mit größerem Gewinn folgen kann. Gegen den Traditionalismus, wie Sie ihn offenbar vertreten, habe ich jedoch große intellektuelle wie emotionale Bedenken. Dies im Detail auszuführen, würde hier den Rahmen sprengen, zumal mir das theologische Fachwissen fehlt. Ich kann es nur andeuten: Mir erscheint der Traditionsbegriff verkürzt bzw. eine Fiktion. Auch ein zugegeben oberflächlicher Blick in die Kirchengeschichte lehrt mich, dass es immer Entwicklung gab, und Entwicklungen verlaufen mitunter widersprüchlich. (Spontan fallen mir Beichtpraxis und Zinsverbot ein.) Und aus der Diskussion um die Religionsfreiheit habe ich mitgenommen, dass überhaupt nicht festgelegt, welches lehramtliche Schreiben welche Verbindlichkeit erlangt.

  12. @ CHB Lehrschreiben zur Religionsfreiheit:

    Vor allem „Quanta cura“ (Pius IX.) und „Mirari vos“ (Gregor XVI.). Was den islam betrifft wurde er wirklich überwältigend und über Jahrhunderte weg von sehr vielen Päpsten als Häresie verurteilt. Assis, ein Korankuss – das wäre bis zum Konzil ein Exkommunikationsgrund gewesen und ein Grudn für eine Amtsenthebung sowieso.

    Die Religionsfreiehit hängt mit dem Konstrukt von der Gewissenfreiheit zusammen.
    Hierzu die Enzyklika „Immortale Dei“ (Leo XIII.).

    Ich kann Ihnen nur empfehlen, sich hier einfach langsam einzuarbeiten. An anderer Stelle habe ich es schon öfters bekundet: auch ich habe früher so gedacht, wie hier mancher, der meint, sich gegen meine Gedanken stemmen zu müssen. Es war dennoch für mich eine Art geistlicher Heilung, nun das Ganze in mich einziehen zu lassen und nicht nur die total verengte nachkonziliare Version.

    Zum Begriff der Tradition. da sind ja heute viele leicht sentimentale undpathetische Sprüche in Umlauf wie „Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitertragen der Glut“. Solche Sprüche sind bei genauer Betrachtungsweise leer und hohl. Sie geben nämlich total ins willkürliche Ermessen, was man für Asche und was für Glut hält, sagen also überhaupt nichts aus.
    Man sollte hier vielleicht einfach zurückfinden zum objektiven, rationalen, logischen Denken. Wenn ein Dogma A sagt, meint es A. Es ist unbedingt und immer vom Wortsinn auszugehen. Daher ist ja der Verlust der Latinitas so verheerend. Die modernen Sprachen unterliegen einem derart rasanten Wandel, dass nun jeder ganz „kreativ“ alles und nichts hinein- und herausliest aus der Tradition. Jesus sagte es ja: ja sei Ja. Nein sei Nein. Punkt.
    manche versuchen ja, die schoslastische Methode wieder zu etablieren aus diesem Grund. Ob die ausreicht, die moderne Krise zu heilen, weiß ich nicht. Aber auf jeden Fall führt sie zurück zu einem verlässlichen und klaren Denken.

    • Verzeihung – die vielen Tippfehler…

      Aber was ich vergessen hab: Dass Sie den Novus ordo, nachdem Sie die Alte Messe kennengelernt haben, mit größerem Gewinn feiern können, verstehe ich. Das ging mir genauso – wenn der Novus ordo nicht derart verzerrt ist, dass seine eigentliche Struktur kaum mehr erkennbar ist, was leider meistens der Fall ist.

  13. Ich habe mich in die Thematik eingearbeitet bis zu dem Punkt, wo ich zu der Erkenntnis gelangt bin, dass ich die gesamte Kirchen- und Dogmengeschichte studieren müsste, um zu einem validen Urteil zu kommen. Ich habe Quanta cura gelesen, auch Pascendi und kann darin nicht die gesitigen Meilensteine sehen, als die sie in traditionalistischen Kreisen gehandelt werden. Mir fehlen da notwendige Differenzierungen. Indem ich beispielsweise Religions- und Gewissensfreiheit bejahe, stehe ich in derselben modernistischen Ecke wie ein Theologe, der alles Übernatürliche, das Wunderwirken Christi oder Seine Auferstehung, leugnen.

    Darüber hinaus geht es um eine Meta-Frage: Wieso soll das Konzil die Lehre zur Religionsfreiheit nicht abändern können? Wieso soll diese Lehre für alle Zeiten dogmatisch verbindlich sein?

    • Sie haben schon gestern mich in eine antimodernistische Ecke stellen wollen und befürchten nun, dass ich Sie in eine modernistische Ecke stelle.
      Keine Sorge – so denke ich nicht. Ich nehme wahr, welche Positionen Sie im einzelnen äußern.
      Ich glaube nicht, dass es genügt, einfach eine Position der Kirche nachzuweisen und damit zu beweisen, dass ihr Inhalt gilt. Jeder Gläubige soll natürlich wissen dürfen, warum diese Position gilt.
      „Meilensteine“ sind die Rundschreiben deshalb nicht, weil ja die Gewissens- und Religionsfreiheit „Errungenschaften“ der Aufklärung sind, davor also nicht zur Debatte standen. Sie sind Reaktionen auf eine plötzlich auftretende Herausforderung und stellen eher eine Bekräftigung der bisherigen Lehre der Kirche dar.
      Ich hatte unlängst mit jemandem einen Email-Briefwechsel, der unbedingt nachweisen wollte, dass die Religions- und Gewissenfreiheit schon lange vorher Lehre der Kirche gewesen sei. Er konnte allerdings nur darauf verweisen, dass das „Imago-Dei“-Sein des Menschen ihm eine Würde gebe, die ein „Recht auf Irrtum“ einschließe.
      Ich habe dieses Thema selbst noch „in der Pipeline“, bin also damit noch nicht ganz „fertig“, aber soweit kann ich mich schon äußern:
      Da die Würde des Menschen als Imago Dei ihm substanziell eignet, kann er sie nicht verlieren, aber durchaus bis gegen Null vermindern, indem er sündigt oder sich frei und bewusst oder auch unbewusst dem Irrtum verschreibt. Die „Hölle“ ist dann die konsequente Folge dieses Irrtums-Entscheids: der endgültige Verlust der Würde auf eigenen, freien Wunsch.
      Die Kirche hat daher eine positiv formulierte „Irrtumsfreiheit“ (die ja inbegriffen ist in der Gewissensfreiheit) stets abgelehnt: sie würde damit dem irrenden Menschen ein „Recht“ auf Hölle, auf die Vernichtung eingestehen. Die Kirche ist dazu nicht in der Welt: sie ist gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Anders gesagt: ein Recht auf Irrtum braucht man nicht, weil man schon im Irrtum ist (wegen der Erbsünde).
      Die Kirche kann allein deshalb keine Religionsfreiheit auf der Basis einer angenommenen „Gewissenfreiheit“ gewähren, weil sie den Menschen nicht wissentlich ins Verderben verabschieden darf. Allerdings darf sie natürlich niemanden bedrängen, der unbedingt irren will. Insofern müssen andere Religionen oder was auch immer an Irrtümern aus Sicht der Kirche „hingenommen“ werden. Auftrag ist und bleibt, Jesus Christus und den Willen des Vaters zu verkünden.
      Die Kirche hat sich daher – und hier hat die Piusbruderschaft aus logischen Gründen allein schon recht – auf eine häretische Linie begeben. Wer die Menschen in Christus liebhat, kann ihnen nicht sagen: ja, werdet auch ohne IHN selig.
      Aber wie gesagt, suche ich selbst gerade noch nach der traditionellen Position in größerer Präzision.

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