Türkische Regierung zwingt Schüler in Imam Hatips – Islamische Schulen sollen staatliche Schulen ersetzen

Erdogans Islamisierung der Türkei: Osmanisches Reich statt Kemalismus. Islamische Schule statt staatliche Schule(Ankara) Die türkische Regierung begrenzt die Studienplätze an öffentlichen Schulen und zwingt damit zum Besuch der islamischen Schulen. Mehr als eine Million türkischer Jugendlichen haben sich für die Oberstufe an öffentlichen Schulen angemeldet. Nur 300.000 von ihnen wurden für das Schuljahr 2013/2014 angenommen. Mit dieser von der Regierung gelenkten Zugangsbeschränkung zum staatlichen Schulwesen, sollen die Jugendlichen auf die islamischen Schulen umgelenkt werden und damit die Islamisierung des Schulwesens vorangetrieben werden. In der Türkei entstehen gleichzeitig immer mehr Imam Hatips, islamische Schulen, die nach der Grundschule bis zum Abitur führen. Grundlage dieser Schulen ist der Koran. Unsal Yildiz von der Lehrerorganisation Egitim-Sen und Aktivistin für eine freien Bildungszugang kritisiert: „Die Regierung will eine Generation schaffen, die einem islamistischen Gesellschaftsbild folgt.“

An den Imam Hatips werden vor allem der Koran und die Forderungen der Scharia unterrichtet. Die erzwungene Umlenkung der Schüler von den staatlichen zu den islamischen Schulen wolle eine neue islamistische Generation heranbilden „und das laizistische Erbe der Türkei auslöschen“, so Yildiz. „In diesem Jahr haben mehr als eine Million türkische Schüler den Aufnahmetest für die Oberstufe gemacht, um die Hochschulreife zu erwerben. Das Unterrichtsministerium hat aber nur 363.000 die Zulassung gewährt. Wer den Test nicht besteht, ist gezwungen, seine Ausbildung an den Imam Hatips fortzusetzen“, so Unsal Yildiz.

Dahinter stecke eine gezielte Absicht der Regierung, so Yildiz. „Für die Regierung hat die religiöse Erziehung Vorrang.“ Seit Erdogans Regierungsübernahme erfolgt eine massive Umlenkung staatlicher Gelder für das Bildungswesen von den staatlichen Schulen zu den islamischen Schulen. „Die islamischen Schulen sind heute viel besser organisiert und mit technischen Geräten ausgestattet als die staatlichen Schulen, die sich bereits schwer tun, ausreichend Vollzeitlehrkräfte zu finden“, so Yildiz von der Lehrerorganisation Egitim-Sen.

Erst vor kurzem bestätigte Unterrichtsminister Nabi Avci einen starken Zuwachs bei den Einschreibungen an den Imam Hatips. Der Minister begründete den Boom mit dem „Wunsch der Familien, ihren Kindern eine religiöse Bildung zukommen zu lassen“. Yildiz sieht das anders: „In Wirklichkeit ist die Zunahme nicht das Ergebnis einer freien Schulwahl, sondern der restriktiven Zugangspolitik der Regierung für staatliche Schulen.“

Der Erklärung von Minister Avci widersprechen auch die Zahlen. Allein 2012 wurden in der Türkei 1.142 neue Imam Hatips errichtet. 42 von ihnen wurden wegen mangelndem Interesse nicht einmal für Einschreibungen eröffnet, in 78 weiteren gab es nicht eine einzige Einschreibung und 461 funktionieren wegen Schülermangels nur in reduzierter Form. Die freiwillige Islamisierung des Bildungswesens stößt in der Bevölkerung regional unterschiedlich nicht auf das von der Regierung gewünschte Interesse. Daher hilft die Regierung nun mit immer komplizierteren Zugangsbeschränkungen an staatlichen Schulen nach und zwingt bildungsinteressierte Schüler an die Imam Hatips.

Am 6. August legte Bautenminister Erdogan Bayraktar die Absicht der Regierungspartei AKP dar: „Die Türkei ist ein zu 99 Prozent islamischer Staat. Wir haben eine Sozialstruktur, die uns von der Geschichte übergeben wurde. Dank unserer geographischen Lage, müssen wir nichts neu erfinden, sondern uns von unserer Vergangenheit leiten lassen. Aus diesem Grund müssen wir Arbeiter und gut ausgebildete Männer heranziehen ausgehend von der zweiten Bildungsstufe.“

Und diese mit der Geschichte in Einklang stehende Ausbildung sollen die Schüler an den Imam Hatips erhalten. Seit Beginn seiner Regierungszeit gehört es zur Regierungspolitik von Ministerpräsident Erdogan, den Lebenstil der Türken zu verändern und durch Überwindung des laizistisch-nationalistischen Kemalismus an das Osmanische Reich anzuknüpfen.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Asianews

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