Islamische Schizophrenie und gewagte Forderung an Papst Franziskus – Worum es in Syrien geht

Was in Syrien auf dem Spiel steht(Damaskus) Am vergangenen 7. Juni erklärte Mahmoud Abdel Gawad, der diplomatische Gesandte der islamischen Al-Azhar-Universität in Kairo, daß sich die einflußreiche sunnitische Bildungseinrichtung von Papst Franziskus einen ersten Schritt erwartet, wenn der 2011 unter Benedikt XVI. unterbrochene Dialog wiederaufgenommen werden soll (siehe eigenen Bericht).

Gawad empfahl bei dieser Gelegenheit dem Oberhaupt der katholischen Kirche auch gleich, was für eine Geste besonderes Wohlgefallen fände. Papst Franziskus solle öffentlich erklären, daß der Islam eine Religion des Friedens ist. Eine Forderung, die die offenem Widerspruch zu den täglich nicht nur aus dem Nahen Osten eingehenden Meldungen steht.

Es gilt aber gerade auch für den Nahen Osten, wo seit dem Beginn des sogenannten „Arabischen Frühlings“ Bewegungen des islamischen Extremismus, von den „moderaten“ Muslimbrüdern bis zu den Salafisten, die Regierung in Ländern wie Ägypten und Tunesien übernommen haben und diese Macht zum Nachteil der normalen Bürger, die zum größten Teil auch Moslems sind, ausüben. Bürger, deren Grundrechte im Namen der Religion täglich mehr eingeschränkt werden.

Sunnitische und schiitische Religionsführer haben Dschihad in Syrien ausgerufen

Die Forderung des ägyptischen Diplomaten erscheint noch gewagter, seit die führenden sunnitischen und schiitischen Religionsführer offen den Dschihad in Syrien ausgerufen haben.

Am 12. Juni fand in Kairo ein Kongreß der führenden sunnitischen Religionsführer unter dem Vorsitz von Yusuf al-Qaradawi, der höchsten religiösen Autorität der Muslimbrüder statt. Thema war die Syrien-Krise. Während der Diskussion war Dschihad, verstanden als militärische Anstrengung, das am häufigsten gebrauchte Wort. Der Prediger Muhammad Hassan erklärte: „es braucht Dschihad für die Brüder in Syrien: Dschihad mit dem Kopf, mit dem Geld und mit den Waffen, alle Formen des Dschihad“.

Yusuf al-Qaradawi hatte bereits am 2. Juni den Dschihad gegen die schiitische Hisbollah und den syrischen Staatspräsidenten Assad ausgerufen: „Jeder Moslem, der zum Kampf ausgebildet und dazu imstande ist, muß sich zur Verfügung stellen.“

Worum geht es also in Syrien? Es geht nicht, wie es 2011 schien oder man blauäugig glauben machen wollte, um einen Kampf oder besser einen Krieg, um einen Tyrannen zu stürzen. Es geht um eine Neuauflage des islamischen Bruderkrieges zwischen Sunniten und Schiiten, zum Nachteil eines Großteils der Bevölkerung und vor allem der christlichen Minderheiten, wie die Zerstörung der Kapuzinerkirche von Deir ez-Zor durch die Dschihadisten der al-Nusra-Front beispielhaft belegt. Im syrischen Konflikt stehen sich die schiitische Achse (Assad-Regime, Hisbollah, Iran) und die sunnitische Achse (die internationalen Bewegungen der Muslimbrüder, der Salafisten und der Dschihadisten im engeren Sinn) gegenüber. Soweit der innerislamische Aspekt.

USA sponsern sunnitische Achse und damit auch Muslimbrüder, Salafisten und Dschihadisten

Dahinter stehen aber zudem weltpolitische Interessen. So wird die sunnitische Achse von den USA gesponsert, die neuerdings die „Mäßigung“ der Muslimbrüder lobend anerkennen und mit den Salafisten ins Gespräch zu kommen versuchen. Was nicht unerhebliche Probleme für die europäischen Partner aufwirft, die sich in den eigenen Ländern einem zunehmenden Erstarken der Salafisten gegenübersehen. Der Spagat zwischen innerer Sicherheit, Integrationszwängen und außenpolitischer Rücksichtnahmen treibt so manche kuriose Blüte (siehe eigener Bericht). Die schiitische Achse wird hingegen von Rußland unterstützt nach dem Motto, der Feind meines Feindes…

Schließlich sind da noch macht- und raumpolitische Ambitionen der Türkei und sicherheitspolitische Interessen Israels, das im Syrien-Konflikt selten genannt wird, aber noch eifriger als Ankara in Syrien eifrig mitmischt.

Die Lage in und um Syrien wirft ein grelles Licht auf die Schizophrenie der offiziellen islamischen Welt. Diese will in den Außenbeziehungen geschlossen und vertrauenswürdig erscheinen. In ihrem Inneren ist sie jedoch zerrissen und greift zum Mittel der Gewalt gegen die eigenen Glaubensgenossen. Die Länder, die als erste den sogenannten „Arabischen Frühling“ zu spüren bekommen haben, durchleben eine schwere Krise und die an die Macht gelangten Islamisten stehen davor, die Rechnung serviert zu bekommen. Die Frage ist aber: von wem?

Tamarrud-Bewegung ruft zum Protest gegen Staatspräsident Mursi – Auch Salafisten warten auf ihre Gelegenheit

Für den 30. Juni ist in Kairo eine Massenkundgebung gegen Staatspräsident Mursi angesetzt. Organisiert wird sie von der Tamarrud-Bewegung, was soviel wie Rebellion heißt. In den vergangenen Wochen sammelte sie Unterschriften gegen das Staatsoberhaupt, das sie beschuldigt, nicht im Interesse der Bürger, sondern ausschließlich im Interesse seiner Muslimbruderschaft zu handeln.

Aber auch die Salafisten als eigenständiger Zweig des Islamismus stehen bereit, jede Schwäche der Muslimbrüder zu nützen, um selbst die Macht an sich zu reißen.

In Ägypten haben sich die Lebensbedingungen der Menschen seit dem Machtwechsel verschlechtert. Die Menschen erleben täglich Stromausfälle, Mangel an Grundgütern, vor allem aber Mangel an Freiheit, die sie sich durch die „Revolution“ erhofft hatten.

Schwer vorstellbar, daß Papst den Fehler Obamas begeht: Nicht Umma, sondern Land und Menschen

In dieser Situation geht die Schizophrenie der islamischen Welt, im konkreten Fall von Al-Azhar, soweit, von Papst Franziskus eine einseitige Erklärung zugunsten des Islam zu fordern, verbunden mit der Auflage, sich nicht in „innerägyptische Angelegenheiten“ einzumischen, wie zum Beispiel die Lage der Christen in Ägypten. An das Elend der Ägypter insgesamt und der Moslems im besonderen wird nicht gedacht.

Es scheint gerade so, als wolle man in die Ferne blicken, um das naheliegende nicht sehen zu müssen. Der Blick richtet sich auf eine imaginäre Umma, nicht aber auf die Moslems und deren Lebensbedingungen. US-Präsident Obama ist in diese Falle getappt, als er im Juni 2009 in Kairo sich in seiner Rede an die „Umma“ wandte, an „alle Moslems“, nicht aber an den Nahen Osten und dessen Menschen in seiner staatlichen, historischen, religiösen und ethnischen Vielfalt. Es ist schwer vorstellbar, daß Papst Franziskus denselben Fehler begehen wird. Er unterliegt nicht kurzfristigen Zwängen und Nützlichkeitserwägungen, die auch zu Kurzsichtigkeiten führen können, wie Politiker.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons

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1 Comment

  1. Wenn da so abfällig über islamische Schizophrenie geschrieben wird, dann muss man sich auch fragen, von wo sie herkommt, und die Antwort lautet für mich, dass man die Moslems und Araber erfolgreich gegeneinander ausspielt, um die Überlebensfähigkeit des von den Westmächten eingepflanzten Israels zu verbessern.
    Was die Erwartungen an den Papst betrifft, sind die Vorstellungen der Sunniten durchaus realistisch, sie haben Saudi – Arabien hinter sich und das dortige Königshaus dient den USA wo es nur geht, und somit ist Saudi Arabien ein indirekter Verbündeter Israels.
    Und seit Papst Johannes Paul II. hat sich die Außenpolitik des Heiligen Stuhles um 180° gedreht, stand man früher Israel sehr reserviert gegenüber, liebdient man ihm heute so gut es nur geht, und interessiert sich nur noch sehr wenig für die vielfach auch christlichen palästinensischen Ureinwohner. Es ist geradezu logisch, wenn sich die Sunniten ein Zeichen der Anteilnahme und der Unterstützung vom Heiligen Stuhl erwarten, und es besteht wenig Grund zu der Annahme dass sie nicht kommen wird. Ich wage zu behaupten, dass es der christlichen Minderheit in Irak nicht annähernd so schlecht ergangen wäre, wenn Papst Benedikt Präsident Bush nicht so peinlich liebevoll mehrfach getroffen hätte, und im Weißen Haus mit ihm nicht seinen eigenen Geburtstag gefeiert hätte.

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