Pro multis/für viele – Erzbischof Bruno Fortes erstaunliche Wandlung bei Wandlungsworten

(Rom) Der bekannte Theologe und Erzbischof von Vasto-Chieti, Bruno Forte war bisher ein entschiedener Verfechter der Wandlungsworte für alle. Das Schreiben Papst Benedikts XVI. an die Bischöfe des deutschen Sprachraums brachte ihn zum Umdenken. Nun tritt auch er für die muttersprachliche Übersetzung für viele ein. Die Hintergründe dieser Wandlung.

Die hinhaltende Diskussion über die Übersetzung des pro multis in die verschiedenen Muttersprachen ist um eine interessante Stimme reicher geworden. Ende August nahm Erzbischof Forte, Mitglied des Päpstlichen Rats für die Neuevangelisierung ebenso wie der Internationalen Marianischen Päpstlichen Akademie, zur Frage Stellung und er tat dies gleich mit einem Beitrag in der einflußreichsten Tageszeitung Italiens, dem Corriere della Sera.

Mit Msgr. Bruno Forte wechselt führender progressiver Theologe die Seiten

In dem Beitrag ergreift Msgr. Forte eindeutig Position für die Übersetzung der Wandlungsworte pro multis als für viele und fordert die Ersetzung der nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gebräuchlich gewordenen Übersetzung für alle. „Theologisch“ so Forte, respektiere die Übersetzung für viele auch stärker die Freiheit des Einzelnen, zudem schränke sie in keiner Weise das Heilsangebot ein, das Jesus am Kreuz an alle gerichtet habe. „Aus diesem Grund bevorzuge ich die Übersetzung für viele und bin der Meinung, daß sie gut erklärt vielen eine Hilfe und ein Ansporn sein kann“, so der Erzbischof.

Forte: Auch pour la multitude „ungeeigneter Kompromiß“

Forte kritisiert dabei auch die Übersetzung des französischen Missale mit pour la multitude, die vor kurzem von den beiden italienischen Theologen Francesco Pieri und Silvio Barbaglia empfohlen wurde. Die Übersetzung per una moltitudine wird von Forte als Halbheit verworfen.

Forte ist einer der international bekannten Theologen unter den italienischen Bischöfen, der unter seinen Mitbrüdern in der italienischen Bischofskonferenz eine gewichtige Stimme hat, weshalb er auch als ihr Vertreter in die Weltbischofsynode für die Neuevangelisierung gewählt wurde, die im Oktober in Rom stattfindet. Unter den vier italienischen Vertretern ist er neben den Kardinälen Angelo Bagnasco, Giuseppe Betori und Angelo Scola der einzige Nicht-Purpurträger.

„Erstaunlich“ sei die Stellungnahme auch, so der Vatikanist Sandro Magister, weil Forte allgemein dem progressiven Lager zugerechnet wird, jenem Lager, das sich in Italien und in den anderen Ländern am stärksten gegen die Korrektur der Wandlungsworte von für alle zu für viele zur Wehr setzen.

Don Bux warf noch 2004 Msgr. Forte die Verbreitung einer „schwachen Theologie“ vor

Beim denkwürdigen zweiten aus dem nachkonziliaren „Schwung“ erwachsenen Kirchenkongreß der italienischen Kirche in Loreto 1985, bei dem der Aufstieg des damaligen Weihbischofs von Reggio Emilia, Camillo Ruini, an die Spitze der italienischen Bischofskonferenz begann, stand Forte noch auf der anderen, der damals siegreichen progressiven Seite, gemeinsam mit dem damaligen Vorsitzenden der Bischofskonferenz Anastasio Ballestrero und Kardinal Carlo Maria Martini. Weihbischof Ruini vertrat gegen die vorherrschende progressive Mehrheit die innerkirchliche Wende, die Papst Johannes Paul II. eingeleitet hatte und die von den Progressiven als „Rastaurationsversuch“ kritisiert wurde. Aus diesem Grund geriet Bruno Forte nach Loreto immer wieder ins Visier konservativer Theologen. So etwa warf ihm 2004 Don Nicola Bux, Consultor der Glaubenskongregation in einem Artikel vor, der „Verbreiter“ einer „schwachen Theologie“ zu sein, die die Auferstehung Jesu auf eine „ätiologische Legende“ reduziere, oder anders ausgedrückt auf ein Konstrukt, um den Kult zu stützen, den die Judenchristen am Grab Jesu vollzogen.

Msgr. Forte warf zuletzt Kardinal Carlo Maria Martini vor einem „christlichen Relativismus“ zu huldigen

Wenn nun ausgerechnet Erzbischof Forte so deutlich Position in der Frage der Übersetzung der Wandlungsworte bezieht, scheint darin ein grundlegender Wandel gegenüber seinen früheren Positionen sichtbar zu werden. Er war es auch, der zuletzt dem inzwischen verstorbenen ehemaligen Erzbischof von Mailand, Carlo Maria Kardinal Martini vowarf, einen „christlichen Relativismus“ zu vertreten. Jenem Kardinal Martini, an dessen Seite Msgr. Forte selbst einmal gestanden hatte.

Noch im November 2010, als die italienische Bischofskonferenz mit erdrückender Mehrheit für die Beibehaltung des für alle stimmte, war Msgr. Forte einer der wenigen, die sich zu Wort meldeten und er tat dies mit Nachdruck im Sinne der Mehrheit. Damals gab er zwar zu, daß es einen theologischen Unterschied zwischen für alle und für viele gebe, dieser aber „zu subtil ist, um ihn den Menschen zu erklären“. Aus diesem Grund plädierte er für die „Beibehaltung der derzeit gebräuchlichen Übersetzung“. Die italienischen Bischöfe stimmten dann bei jener Versammlung mit 171 von 187 Stimmen für die Beibehaltung von für alle. Und das trotz des Rundschreibens der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung vom Oktober 2006, die im Auftrag des im Jahr zuvor gewählten Papstes Benedikt XVI. allen Bischöfen der Erde die Anweisung erteilte, das pro multis des für die Kirche maßgeblichen lateinischen Originals des Missale Romanum in den muttersprachlichen Ausgaben mit für viele zu übersetzen.

Die meisten Bischofskonferenzen haben inzwischen für die Neuübersetzung gesorgt und sind damit mehr oder weniger schnell den Vorgaben des Papstes gefolgt. Italien erwies sich am renitentesten. Inzwischen befindet sich aber auch die italienische Neuübersetzung der Editio typica bei der Überprüfung durch die Gottesdienstkongregation. Es ist unschwer vorhersehbar, daß es angesichts des päpstlichen Schreibens an die deutschen Bischöfe künftig für viele heißen wird.

Weitere Übersetzungsfragen sind zu klären

Die Frage nach der korrekten Übersetzung des Hochgebets ist sicher die wichtigste, aber keineswegs die einzige der offenen Übersetzungsfragen. Die Bischöfe stimmten damals mit großer Mehrheit auch für andere deutliche Abweichungen vom lateinischen Original, so etwa für das pax hominibus bonae voluntatis im Gloria, dem ne nos inducas in temptationem des Vater unser, beziehungsweise für die Beibehaltung der derzeit gebräuchlichen, völlig willkürlich abweichenden und theologisch irrige Übersetzung für das Domine non sum dignus als „Herr, ich bin nicht würdig, an deinem Tisch teilzunehmen“, statt des „Herr, ich bin nicht würdig, daß Du eintrittst unter mein Dach“, wie es bei Matthäus 8,7 und korrekt in der deutschen Übersetzung heißt.

Innerkirchliche Manöver?

In diesem Kontext erfolgte nun der Standortwechsel von Erzbischof Bruno Forte. Böse Zungen sprechen von einem rechtzeitigen Wechsel in das Lager des Siegers mit Blick auf eventuelle künftige Beförderungen. Msgr. Forte war bereits als Patriarch von Venedig im Gespräch und fand die wohlwollende Unterstützung des ehemaligen Mittelinks-Bürgermeisters und Philosophen Massimo Cacciari. Letztlich bevorzugte der Papst jedoch Msgr. Francesco Moraglia, einen Theologen und Bischof, der seinem Verständnis von Kirche, Glaubensbewahrung und Glaubensverkündigung deutlich näher ist.

Inzwischen haben aber bereits die Manöver für die Ernennung zweier anderer traditionsreicher Erzbischofssitze begonnen, jener von Bologna und Palermo, mit denen traditionell die Kardinalswürde verbunden ist. „Aber das ist eine andere Geschichte“, wie Sandro Magister dazu schreibt.

Text: Settimo Cielo/Giuseppe Nardi

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cuppa

„(…)Böse Zungen sprechen von einem rechtzeitigen Wechsel in das Lager des Siegers mit Blick auf eventuelle künftige Beförderungen(…)“.
Böse Zungen? Oder realistisch denkende Beobachter?

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