Carlo Maria Kardinal Martini – Ein notwendiger Nachruf abseits des Jubelchors

Carlo Maria Kardinal Martini ist tot. Einer der bekanntesten Kirchenfürsten (Erzbischof von Mailand 1980-2002) ist verstorben. Und die Medien sind gefüllt mit Nachrufen vom „Kardinal des Dialogs“. Diese Titulierung enthält tatsächlich bereits eine weitreichende Aussage und eine unterschwellige Kritik. Weshalb aber noch einen Nachruf hinzufügen? Vielleicht gerade wegen der Fülle medialer Aufmerksamkeit? Vielleicht wegen der druckseiten- und sendezeitenfüllenden Nachrufe von Medien, meist ebenso steril und scheinheilig, wie es vielen Medien eben eigen ist, die der Lobhudelei des Zweifels und des wenig ergebnisoffenen Dialogs frönen, wenn es darum geht einen Kirchenfürsten zu beweihräuchern, der ihren Interessen dient.

An vorderster Front der Weihrauchspender standen dabei die kirchenfeindlichen Journalisten. Wenn die linke Schickeria entzückt ausrief: „Das ist einer von uns“, antwortete Martini nicht wie der 1967 verstorbene Don Lorenzo Milani, der sich in sozialen Fragen engagierte und in der Armenseelsorge verdient gemacht hatte: „Von wegen einer von euch! Ich bin ein Priester und Schluß! Worin stimme ich mit euch überein? Worin nur?! Die Kirche besitzt die Sakramente, die Vergebung der Sünden. Was aber besitzen die?“

Martini forderte den Widerspruch der Welt nicht heraus – Er war politisch korrekt

In diesem Sinne war Kardinal Martini nie ein Kirchenvertreter, der im Sinne von Johannes 16,18-20 Widerspruch in der Welt auslöste. Die Welt applaudierte ihm. Widerspruch löste er, wenn schon, in der Kirche aus. So gesehen galt für ihn ebenso wenig das Wort von Lukas 6,24-26. Der Unterschied zwischen Don Milani und Kardinal Martini lag wahrscheinlich gerade in ihrer Herkunft. Don Milani entstammte jenem agnostischen, linksliberalen Milieu, dem seine Familie angehörte. Es ist dasselbe Milieu, das Martini so großzügig Beifall zollte und von dem Don Milani sagte, daß er 22 Jahre seines Lebens gebraucht habe, um sich „davon zu befreien“ und katholisch zu werden.

Wer erinnert sich an vernehmbare Aussagen Martinis, in denen er sich zu „heißen“ Themen gegen „politisch korrekte“ Positionen stellte? Wer erinnert sich an eine entschlossene Verteidigung der verfolgten Christen? Martini zog es vor, bis zum Schluß in den Salons des linksliberalen Bürgertums zu verkehren und dort den „intellektuellen“ Dialog zu pflegen.

In einem seiner letzten kirchenkritischen Interviews fragte sich der Kardinal, wo denn die Menschen seien, die für ihren Glauben „brennen, wie der römische Hauptmann, begeistert sind wie Johannes der Täufer, die das Neue wagen wie Paulus, die treu sind wie Maria von Magdala?“ Offensichtlich konnte er sie unter seinen Adepten nicht finden. In der Kirche aber gibt es viele von ihnen. Schade nur, daß Martini gerade sie bekämpft hat und manch einen sogar vor sein Kirchengericht zerrte. „Ja, das ist die Toleranz der Toleranten“, wie Antonio Socci anmerkte.

Martinis Traum von einer „anderen“ Kirche – fern von Rom

Kardinal Martini erklärte gerne, von einer „anderen“ Kirche zu „träumen“, und um ihn scharten sich viele, die dies ebenso gerne taten. In einem seiner zahlreichen Interviews sagte er: „Früher hatte ich Träume über die Kirche. Nach dem 75. Geburtstag habe ich beschlossen, mit der Kirche zu beten.“ In Wirklichkeit hörte er nie auf, von seiner Kirche zu träumen und nie ließ er seine Stimme in den Medien häufiger vernehmen als in seinen letzten Lebensjahren, angefangen vom Interview, das er 2006 dem linksliberalen Wochenmagazin Espresso gab, in dem er die Kirche aufforderte, die Ablehnung von jeder Form von künstlicher Befruchtung „zu überwinden“, um die „schmerzliche Kluft“ zwischen dem, was in der allgemeinen Praxis und vom Gesetz erlaubt ist und dem Verhalten der Gläubigen zu schließen. Martinis Traumkirche hatte mit Rom nur wenig zu tun. Rom war eben Rom und Mailand eben Mailand oder an welchem Ort sich der Kardinal eben gerade aufhielt. Zuletzt war das Jerusalem, das in seinen Gedanken eine seltsam anmutende Verklärung mit antirömischem Unterton erfuhr.

Martini hatte keine Probleme damit, das Vorwort zu einem Buch von Vito Mancuso beizusteuern, von dem die renommierte Civiltà Cattolica schrieb, daß es „mindestens zwölf Dogmen der katholischen Kirche leugnet oder zumindest ihrer Bedeutung entleert“. Der Kardinal hingegen hielt es für eine „mutige Durchdringung“ und äußerte die Hoffnung, daß es von „vielen Menschen gelesen und reflektiert“ werde. Mancuso bezeichnete umgekehrt Martini als seinen „geistlichen Vater“.

Die linksliberale Tageszeitung Le Monde veröffentlichte am vergangenen Sonntag  ein posthumes Interview mit Kardinal Martini, das Francisco José Fernández de la Cigoña als so „peinlich“ bezeichnete, daß er es nicht einmal kommentieren wollte. Auch im Abschiedsgruß der kirchenfernen Freunde des Kardinals wird dieser gegen die Kirche in Stellung gebracht.

Widersprechender Lautsprecher des Papstes

Äußerte sich der Papst zu einem Thema, dauerte es nicht lange, und Kardinal Martini sagte das Seine dazu und das klang meist akzentuiert oder zumindest nuanciert anders als das, was der Papst sagte. Schrieb Benedikt XVI. ein Buch, kritisierte es Martini, um gleichzeitig mitzuteilen, daß er es besser geschrieben hätte. Gab Benedikt XVI. der Kirche die klassische Form des Römischen Ritus zurück, erklärte Martini, er hätte nicht unnötige Nostalgien geweckt. Wenn der Papst an den Primat des Petrus erinnerte, sprach Martini über die Kollegialität. Benedikt XVI. kritisierte eine irreführende Interpretation des Zweiten Vatikanischen Konzils, Martini forderte als Draufgabe ein Drittes Vaticanum.
Wie stark Martinis Einfluß in der Erzdiözese Mailand nachwirkt, zeigt sich am Widerstand des Mailänder Klerus gegen das Motu proprio Summorum Pontificum. Die Erzdiözese erklärte, das Motu proprio betreffe sie wegen des dort gepflegten Ambrosianischen Ritus nicht.

Martinis Kritik an Humanae vitae und Lob für die Bischöfe des deutschen Sprachraums

In dem Buch „Jerusalemer Nachtgespräche“ mit dem österreichischen Jesuiten Georg Sporschill über das „Risiko des Glaubens“ finden sich alle Licht- und Schattenseiten, alle Grauzonen von Martinis Gedankenwelt wieder, die er zuvor stets andeutete, aber nun ausdrücklich aussprach, so etwa zum Thema Bioethik mit einem unmißverständlichen Frontalangriff gegen die Enzykika Humanae vitae von Papst Paul VI. „Nach Humanae vitae haben die österreichischen und deutschen und viele andere Bischöfe mit ihren besorgten Erklärungen eine Richtung eingeschlagen, die wir heute weitertragen könnten. Eine Distanz von fast 40 Jahren (eine Zeit so lang wie der Durchzug Israels durch die Wüste) könnte uns eine neue Sicht der Dinge ermöglichen.“

Martinis Öffnung gegenüber Abtreibung und Euthanasie – Cossiga: „Bedauere Zustimmung zu seiner Ernennung zum Erzbischof“

Im 2009 gemeinsam mit einem anderen „modernen“ Priester, Don Luigi Verzè, veröffentlichten Buch Siamo tutti sulla stessa barca (Wir sitzen alle im selben Boot) sind die „Öffnungen“ gegenüber Abtreibung und Euthanasie kaum überhörbar. Don Verzé, mehr Unternehmer als Priester, ging 2011, kurz vor seinem Tod, mit einem Finanzskandal von 300 Millionen Euro rund um die Stiftung seines Krankenhauses San Raffaele gewissermaßen „baden“. Unter der Ägide Martinis als Erzbischof versammelte Don Verzé an seiner Privatuniversität alles, was an antikatholischem Denken in Italien Rang und Namen hatte. Glaubenskongregation hin oder her, Verzé vertrat sein eigenes Christentum und Kardinal Martini deckte ihn. Griff Verzé in der öffentlichen Diskussion zu heiklen Themen zum Säbel, um eine Bresche in die katholische Position zu schlagen, setzte Martini für die Feinarbeit mit dem Degen nach. Das Buch hatte zur Folge, daß der ehemalige italienische Staatspräsident Francesco Cossiga erklärte, es zu bedauern, 1980 als Ministerpräsident der Ernennung Martinis zum Erzbischof von Mailand zugestimmt zu haben.

Martini als Förderer des nachkonziliaren „Frühlings“ am Päpstlichen Bibelinstitut

Carlo Maria Martini war 1944 im Alter von 17 Jahren dem Jesuitenorden beigetreten. Seine Entscheidung sei jedoch bereits im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren gefallen und „absolut und eindeutig“ gewesen, wie sein Biograph Marco Garzonio schrieb. Der emeritierte Erzbischof von Mailand erlebte fast sieben Jahrzehnte im Orden, der von dessen Gründer als Armee Gottes gedacht war. Er durchlebte einen großen Teil davon als führender Akteur, in dem er von den Medien zum Gegenpapst erhoben wurde. Eine Rolle, die ihm von anderen zugedacht worden sein mag, die er aber nie zurückwies. Persönlich bevorzugte er lediglich statt der Bezeichnung „Anti-Papa“ jene eines „Ante-Papa“.

Der talentierte Student der Bibelwissenschaften am Pontificio Istituto Biblico in Rom, dem Oxford und Cambridge der Jesuiten in einem, wurde 1969 bereits im Alter von 40 Jahren zu dessen Rektor ernannt. Es war jene Schlüsselzeit in Martinis Leben, die alle Konflikte eines halben Jahrhunderts bis zu seinem Tod erklärt. Es war die Zeit nach dem Konzil, jenem von Martini begeistert begrüßten „Frühling“ der Kirche. Die Zeit der späten 60er und frühen 70er Jahre mit ihren harten Konflikten, die von den „neuen Theologen“ in einem anscheinend verschlafenen, noch durch und durch päpstlichen Rom von statten gingen. Und Martini befand sich mitten drinnen.

Laut dem Historiker Roberto de Mattei war das vom heiligen Papst Pius X. gegründete Biblicum bereits während des Rektorats des deutschen Jesuiten Augustin Bea (1930-1949) ein Zentrum des Eindringens progressiven Denkens in die katholische Exegese.

Martini wurde in jenem Jahr zum Rektor des Bibelinstituts ernannt, als sein glorreicher Orden unter dem außer Rand und Band geratenen nachkonziliaren Proteststurm und Erneuerungswahn des Ordensgenerals Pedro Arupe endgültig unterzugehen drohte. Damals machte das Wort die Runde: „Ein Baske hat uns gegründet, ein Baske macht uns dicht.“

Die ideengeschichtlichen Wurzeln reichen also tiefer und bereits in die Zeit vor dem Konzil zurück. Martini war ein Schüler von Kardinal Augustin Bea, des Mentors der neuen historisch-kritischen Methode im Schoß der katholischen Kirche. Wegen der am Biblicum gelehrten Methoden stand die Einrichtung unter Kritik: „Sie warfen uns vor, die Bibel wie Ungläubige zu lesen“, erinnerte sich Martini Jahre später. In einer seiner letzten Entscheidungen berief ihn Papst Paul VI. 1978 noch zum Rektor der renommierten Päpstlichen Universität Gregoriana.

Johannes Paul II. schuf sich selbst seinen „Gegenpapst“

Es sollte Papst Johannes Paul II. sein, der sich selbst in Martini ein Gegenbild schuf, indem er ihn in einer bis heute für viele völlig überraschenden Entscheidung zum Erzbischof von Mailand ernannte. Damit war die Voraussetzung geschaffen, die aus Martini den perfekten Gegenpapst und Woytilas Gegenspieler in der kirchlichen Hierarchie machte. Eine Rolle, die vor allem den Medien und dem immer frusttierteren progressiven Katholizismus behagte. Und Martini behagte die neue Rolle ebenso, die weit über seine Erzdiözese hinausging und die er immer neu nährte durch tatsächliche und vermeintliche Gegenpositionen zu Rom und angeblich „prophetische“ Forderungen nach einem dritten Vatikanischen Konzil.

Als Martini Erzbischof der größten Diözese der Welt wurde, hatte er in seinem Leben noch keine Pfarrei geleitet. Sein einziger Bezug zur Seelsorge war sein ganz privates Apostolat im Jugendgefängnis von Casal del Marmo und einigen römischen Vororten, zu dem er gelegentlich von der neuen Gemeinschaft von Sant’Egidio gerufen wurde.

Inzwischen regiert bereits der zweite Nachfolger Martinis die Erzdiözese des heiligen Ambrosius und jedesmal versuchte das engste Umfeld Martinis durch massive Lobbyarbeit einen Martinianer auf den Bischofsstuhl zu heben. Zuletzt im vergangenen Jahr. Allerdings beide Male vergebens. Die Zeiten hatten sich geändert. Derzeitiger Erzbischof ist der ehemalige Patriarch von Venedig, Angelo Kardinal Scola, der der Gemeinschaft Communione e Liberazione nahesteht.

Ob der polnische Papst in Martini nur den Gelehrten sah, aber nicht den Progressiven, der großen Anteil an den kirchenpolitischen Ereignissen in Italien und nicht nur dort nahm, ist bis heute offen. Martini übernahm eine Diözese, dessen damals dominanter Teil der katholischen Intelligenz schon stark von der Linie Giuseppe Dossettis und Jacques Maritains beeinflußt war. Nach seiner Berufung auf dem Weg von Rom nach Mailand habe Martini, so zumindest sein ergebener Biograph Garzonio, Zwischenstop in Monteveglio gemacht, um Dossetti in dessen Abgeschiedenheit aufzusuchen, wo dieser über die progressive Zukunft der Kirche sinnierte. Antonio Socci schrieb dazu, Martini habe nie wirklich begriffen, daß es Gläubige gibt, die einfach der katholischen Kirche anhängen wollen und nicht Maritain.

Kardinal Biffis Frontalkritik: „Mit Martinis Ankunft endete eine große Epoche der Mailänder Kirche“

Der aus Mailand gebürtige Erzbischof von Bologna, Giacomo Kardinal Biffi, schrieb bereits vor einigen Jahren, was bis dahin niemand öffentlich zu sagen wagte, nämlich, daß mit der Ankunft Martinis in Mailand nach fast 90 Jahren eine „Epoche zu Ende ging, die 1891 mit der Berufung des seligen Kardinals Andrea Carlo Ferrari begonnen hatte“, eine „der leuchtendsten Zeiten der ambrosianischen Kirche geprägt von Glaubenssicherheit, von konkreten Initiativen und Werken, von der Fähigkeit auf die Herausforderungen der Zeit zu antworten, nicht durch Nachgeben und sich Verstecken, sondern aus dem unveräußerlichen Reichtum der Wahrheit heraus, stets nach dem Vorbild und der Leidenschaft der großen Tradition des heiligen Karl Borromäus und der reichen Lehrtätigkeit des heiligen Ambrosius.“ Eine deutliche Absage an die Richtung und das lange Wirken Martinis.

Martini genoß während seiner langen Amtszeit in Mailand den günstigen Vorteil einer ausgesprochen wohlwollenden Behandlung durch die Medien und einer hohen persönlichen Wertschätzung durch das kulturelle Establishment. Eine Wertschätzung, die keineswegs gleichwertig der katholischen Kirche und deren Glaubenswahrheit entgegengebracht wurde.

Martinis unkritischer Umgang mit den Medien

Dies erklärt wahrscheinlich auch eine unkritische Haltung, die der Kardinal gegenüber den Medien einnahm. Darin unterschied er sich grundlegend von Johannes Paul II. Beide waren ausgesprochene Medienmenschen. Der polnische Papst zögerte jedoch nicht, gegen falsche und verführerische Inhalte der Medien die Stimme zu erheben. „Martini ermahnt nicht: er informiert sich, ist gesprächsbereit“, wie Ferruccio Parazzoli wohlwollend im Buch „Der Kardinal“ schrieb. Banaler und gleichzeitig präziser läßt sich das Verhältnis zwischen Martini und „der Kultur“ kaum zusammenfassen.

Martini verstand sich als eine Art Grenzgänger des Gewissens. Dabei schien er das Grundmanko des von ihm eingeschlagenen Weges nicht zu erkennen. Ohne die dazugehörige unzweideutige Glaubensunterweisung droht der Gang durch die Grauzonen menschlichen Daseins zum gefährlichen Drahtseilakt zu werden. Das galt auch für Martinis Stellungnahmen zum Fall Welby, einem der Fälle, mit denen in Italien die Euthanasie legalisiert werden soll. Ein ideologischer Kampf, der mit zum Teil radikaler Härte als antichristlicher Kampf ausgetragen wird. Dabei verwunderte es in kirchlichen Kreisen gar nicht mehr sonderlich, daß Martini Sympathien für den Vertreter der antiklerikalen Radikalen Partei zeigte. Damit sicherte er sich, leicht vorhersehbar, neuen Applaus von den Medien und kirchenfernen Kreisen: Je mehr, je deutlicher die Positionen Martinis gegen die offizielle Position der Kirche in Stellung gebracht werden konnten.

Martini brachte exegetischen Konflikt von Rom nach Mailand – Kritiker sprachen von Protestantisierung

Der Theologe und Erzbischof von Chieti-Vasto, Bruno Forte, der Martini „christlichen Relativismus“ vorwarf, betonte, daß das theologische Denken Martinis von dem eines anderen großen Jesuiten geprägt worden sei, von Karl Rahner. Das allein genügt, um zu verdeutlichen, wie klar der Bruch mit der theologischen Tradition Mailands war. Der Einfluß des neuen theologischen Windes machte sich überall bemerkbar, bei den Priestern, in den Pfarreien, in den Seminaren. Was ihm nicht nur von konservativer Seite vorgeworfen wurde, ist die Veränderung im Verhältnis zu den Priestern, die in Mailand mit ihm Einzug hielt.

Der zwischenmenschliche Kontakt reduzierte sich deutlich, wurde formeller, fast schon bürokratisch-distanziert, wie er noch immer für bundesdeutsche Diözesen als sprichwörtlich gilt. Gleiches gilt für die durch ihn geförderte „Erzeugung“ eines neuen Typs von Priestern, die zivil, je nach Geschmack modisch gekleidet und gebildet sind, aber eine in Gleichnissen gekleidete, vage Sprache sprechen, die von den Gläubigen in den Pfarreien nicht verstanden wird.

Aus der Katechese des Bischofs, der Unterweisung der Gläubigen in der Wahrheit des Glaubens machte Martini eine Lectio Biblica, die nichts mehr von einer Evangelisierung und einer Mission an sich hatte, sondern an der fachspezifischen Welt exegetischer Auslegungsfeinheiten und Textkritik teilhaben lassen wollte. Eine Welt, die von den Gläubigen weit entfernt war, die Welt der Jahre des nachkonziliaren Kampfes der Progressiven am Biblicum in Rom.

Nicht von ungefähr war eine seiner ersten Initiativen im November 1980 die Einführung einer „Schule des Wortes“. Auf diese Weise wollte er die klassische Katechese „modernisieren“ und ging kerzengerade an einer zentralen Berufung des Bischofs als erster Glaubensverkünder für seine Diözese vorbei. Martinis Kritiker sprachen von einer „Protestantisierung“ der Kirche.

Im Kampf zwischen progressiver Katholischer Aktion und CL hielt sich Martini offiziell äquidistant

In Mailand traf Martini auf zwei Antipoden des italienischen Katholizismus, die sich in der Stadt des heiligen Ambrosius in Schützengräben gegenüberlagen. Auf der einen Seite die Katholische Aktion, die sich nach dem Konzil die Theologie Maritains zu eigen gemacht hatte und sich als eine Art der politischen Linken nahestehender Kampfverband zur Gesellschaftsveränderung verstand. Ihr stellte Don Luigi Giussani während der Zeit des Konzils mit Comunione e Liberazione eine Bewegung entgegen, die sich der ambrosianischen Tradition verpflichtet und nicht von der zweideutigen Sprache Maritains angezogen fühlte.

Martinis Verhältnis zu CL war daher alles andere als idyllisch. Die durchaus Sichtbarkeit suchende Bewegung beklagte immer wieder, zu wenig Raum zu erhalten, vor allem in einem ihrer Kernbereiche, dem Bildungswesen und der Jugendseelsorge. Gerade dort war die Stimmung zwischen den verschiedenen Strömungen der Diözese besonders explosiv.

Martini war zwischen den Richtungen keineswegs ausgewogen. Er hatte seine Entscheidungen getroffen und sich einer Seite zweifelsohne näher gefühlt. Er versuchte aber nach außen, eine Position der Äquidistanz einzunehmen oder zumindest einen solchen Eindruck zu vermitteln. In Mailand zirkulierte das Wort, daß Kardinal Martini nur einen Feind in der Stadt habe: Don Luigi Giussani. Tatsächlich war zumindest das persönliche Verhältnis zwischen den beiden weniger konfliktgeladen als manchmal dargestellt.

Kritiker warfen dem Kardinal vor, medienwirksam zu allen möglichen Fragen Stellung zu nehmen, und daß diese Stellungnahmen auffällig konsequente Zustimmung von einer bestimmten Seite bekamen, daß er jedoch zu wichtigen Fragen des Glaubens und der kirchlichen Ordnung schwieg. Wenig schmeichelhaft für einen Nachfolger des heiligen Ambrosius und des heiligen Karl Borromäus, die in der Glaubensverkündigung so aktiv waren, wurde Martini vorgeworfen, wie ein Kamillentee zu wirken.

Martini war kein Schillebeeckx oder Küng, er war einfach anpassungsbereit

Was hatte es mit seinem internationalen Ruf auf sich? Oder anders gefragt, was war sein Beitrag für die Weltkirche? Seine Arbeit für die Internationale Theologenkommission in der Ökumene, seine Bibelarbeit und sein Jerusalem-Kult ließen ihm vor allem Sympathien der protestantischen Welt zufliegen. Ansonsten blieben seine Positionen unscharf. „Er war nie ein Progressiver vom Schlag eines Edward Schillebeeckx oder Hans Küngs“, meinte der Jurist und Soziologe Massimo Introvigne. „Martini“, so Introvigne, „im Gegensatz zu anderen, denkt nicht, daß die katholische Ethik falsch ist. Er denkt nicht, daß die katholische Moral zerschlagen gehört. Er sieht einfach einen säkularisierten Trend, der die katholische Moral ablehnt und zurückweist. Deshalb ist er der Meinung, die Anpassung der katholischen Moral an die weltliche Moral könnte der Kirche helfen.“ Anpassungsbereitschaft als ein Charakteristikum des verstorbenen Kardinals.

Sein Kokettieren mit den Medien und dem gefälligen Applaus wird auch in der Selbstbezeichnung als „Ante-Papst“ sichtbar. Martini meinte damit, daß er eine Art Wegbereiter und Vor-Papst sei. Man könnte auch sagen, er war lange Papst in spe. Geworden ist er es im Konklave nicht. Kurz vor seinem Tod am Höhepunkt der Kritik an Papst Benedikt XVI. sagte er jedoch auch, daß die Kirche des bayerischen Papstes „nie so blühend war wie jetzt“ und daß diese „eine ganze Reihe von Päpsten von höchstem Niveau aufbieten könnte“, und daß „die Kirche sich heute einig und geschlossen präsentiert, wie es wahrscheinlich nie in ihrer Geschichte der Fall war“.

Martinis zu lange Wartezeit als Papst in spe

Worte desselben Kardinals, der die beiden bisher erschienenen Bände „Jesus von Nazareth“ des Papstes sehr kritisch rezensiert hatte. Kardinal Martini war für den progressivsten Teil des Kardinalskollegiums im Konklave von 2005 der Kandidat. Entstanden war das „Märchen“ vom „idealen Papst“, wie Cigoña schrieb, gleich nach dem Attentat von Ali Agca am 13. Mai 1981 auf Johannes Paul II. Es handelte sich um eine Medienkonstruktion, die dem Erzbischof von Mailand offensichtlich zusagte. So entstand das Bild vom künftigen Papst Martini, den angeblich die Mehrheit der Katholiken auf dem Stuhl Petri sehen möchten. Ein Bild, das durch mehr als zwei Jahrzehnte gehegt und gepflegt wurde. Eine leichte Sache für die Medien, da die Behauptung nie verifiziert werden mußte. Doch das Pontifikat Johannes Pauls II. hatte lange gedauert, zu lange für Martini. Als es 2005 endlich soweit war, und die Anhänger Martinis im Kardinalskollegium gezählt werden mußten, zerfiel das Bild vom Gegenpapst wie ein Kartenhaus.

Stimmt das veröffentlichte „Konklavetagebuch“ eines Kardinals, erhielt Martini im ersten Wahlgang lediglich neun Stimmen. Cigoña meint, daß es gar nur sieben waren. Es gibt Stimmen, die sagen, es sei Martini selbst gewesen, der die progressiven Kardinäle bewogen habe, Joseph Ratzinger die Stimme zu geben. Dem widersprechen andere heftig und sprechen von einer nachträglichen Geschichtsklitterung, weil man nicht als Gegner des regierenden Pontifex dastehen habe wollen.

Zumindest eines steht fest: Vor dem göttlichen Richterstuhl zählen das Lob und der Applaus von bestimmter Seite nichts, die den gewesenen Erzbischof von Mailand und Kardinal der Heiligen Römischen Kirche ins Grab begleitet haben.

Requiem aeternam dona ei Domine et lux perpetua luceat ei. Requiescat in pace. Amen.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Messa in latino

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cuppa
Danke, Herr Nardi. Das war der fundierteste Beitrag, den ich zum Tod von Kardinal Martini gelesen habe. Der zudem ein Licht wirft auf die wirre, bedrohliche Situation, in der sich die Kirche befindet. Wegen des bedrohten katholischen Glaubens. Zu viele kirchliche Würdenträger, die ihn nicht nur verteidigen, sondern selbstbewusst verkündigen sollten, scheinen in einen Sog des Protestantismus geraten zu sein, zudem zeitgeisthörig und medienverliebt. Martini mag ja auch kluge exegetisch interessante Schriften verfasst haben. Aber das können doch protestantische Theologen auch. Ob Priester wie Don Lorenzo Milani mal wieder die Kirche prägen werden? Die für „katholische Identität“ stehen. Da kann… weiter lesen »
Dr.Dietlind Langner

Herr Nardi, Sie blasen zum Rückzug der Kirche ins Ghetto.

Lesen Sie doch einmal im Evangelium nach, wie Jesus sich die Gemeindeleiter wünschte (Mt 20,20-28; 23,1-12; Lk 22,24-27; Joh 13).
Was würde Jesus zu den „ersten Plätzen“, den „wallenden Gewändern“, den Ehrentiteln, dem „Herrschen“, dem Sitzen auf Thronen der heutigen Kirchenfürsten sagen?

Die Kirche kann nur glaubwürdig sein, wenn sie sich am Willen Jesu orientiert.

Antworten Sie nicht ausschließlich Mt 16,18. Daneben steht nämlich auch Mt 18,18, wo das Binden und Lösen der ganzen Gemeinde zugesprochen wird. Zwischen beiden Stellen muss ein Ausgleich gefunden werden.

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