Kardinal Ouellet: Die neuen Bischöfe müssen Theologen und "Defensores Fidei, Ecclesiae et Papae" sein

(Vatikan) Kardinal Marc Ouellet, der energische und unbeugsame Präfekt der Kongregation für die Bischöfe, zog in einem Interview der katholischen Tageszeitung Avvenire Bilanz seines ersten Jahres in Rom. Der Frankokanadier leitet an der römischen Kurie eine für die von Papst Benedikt XVI. angestrebte Erneuerung der Kirche strategisch wichtige Kongregation. Das Gespräch führte Gianni Cardinale.

Die Bischofskongregation bereitet für den Papst die Ernennung zahlreicher Bischöfe rund um den Erdkreis vor. Konkret die meisten Bischöfe Europas, Amerikas sowie Australiens und der Philippinen. Die Gründe für diese auf den ersten Blick seltsam erscheinende kirchliche Aufteilung der Welt sind in der Geschichte zu suchen. Der mehrsprachige bekannte Theologe, ein Schüler Hans Urs von Balthasars, brachte sowohl eine reiche akademische als auch pastorale Erfahrung mit nach Rom.

Vor allem die regelmäßigen Besprechungen mit dem Papst, normalerweise jeden Samstag, bezeichnete Kardinal Ouellet als „die positivste Sache“, denn zunächst gilt es die ganzen Beratungsmechanismen zu durchlaufen und bei den an jedem Donnerstag stattfindenden Sitzungen der Kongregation die verschiedenen Meinungen der Kongregationsmitglieder einzuholen, dann aber gehe es darum, die Vorschläge dem Papst zu unterbreiten und mit ihm zu besprechen. „Man kann sagen, dieses erste Jahr war eine Schule. Ein bißchen hart und fordernd“, so Kardinal Ouellet.

Ist die Arbeit als Präfekt der Kongregation für die Bischöfe so schwierig?

Es ist keine Kleinigkeit. Man muß viel zuhören, die vielen Ortskirchen auf den verschiedenen Kontinenten gut kennen und viele Berichte studieren. Und da ich über keine Erfahrung in diesem Dikasterium verfügte, konnten manchmal Unsicherheiten auftreten über die in den verschiedenen Situationen einzuhaltenden Wege. Gott sei Dank konnte ich mich beraten und auf die Erfahrung jener stützen, die seit Jahren hier tätig sind. Inzwischen verstehe ich die Mechanismen und fühle mich sicher in der Leitung der Kongregation.

Ist es schwierig einen Bischof für die katholische Kirche zu finden?

Die Kirche verfügt über eine konsolidierte Vorgehensweise bei der Ernennung von Bischöfen. Um eine Entscheidung zu treffen, werden die Meinungen einer ganzen Reihe von Personen eingeholt, die von Situation zu Situation variieren können, grundsätzlich aber zunächst eine klar umrissene Gruppe von Personen umfaßt und dazu dann noch andere. Diese Erhebung liefert ausreichend Elemente, um einige Kandidaten auszuschließen, andere zu akzeptieren oder nochmals andere hinzuzufügen. In einigen Fällen heißt es warten und zusätzliche Erhebungen durchführen. Im gesamten handelt es sich um einen ernsthaften Vorgang, der in der Regel gut durchgeführt wird. Manchmal gelingt es allerdings nicht wie beabsichtigt.

In welcher Hinsicht?

Es kommt vor, daß der ausgewählte Kandidat nicht annimmt.

Wie oft ist das in diesem Jahr passiert?

Es geschah öfter, als ich mir vorstellen konnte.

Wie erklären Sie sich das?

In den vergangenen Jahren erwies sich die Aufgabe eines Bischofs und der religiösen wie politischen Autorität insgesamt, als nicht leicht. Das ist auch eine Folge der Skandale, der Medienkampagnen und der Anzeigen wegen sexueller Mißbräuche an Minderjährigen, die von Priestern und Ordensleuten verübt wurden. Man hat Verständnis, wenn sich nicht alle in der Lage fühlen, sich solchen Situationen auszusetzen. Jedenfalls wird eine solche Entscheidung respektiert, wenn jemand Gründe hat, auch persönlich Gründe, abzulehnen.

Sind Ihnen auch Fälle von kirchlichem Karrierismus untergekommen?

Es kommt vor, Priester zu sehen, die darauf abzielen, befördert zu werden. Es kann auch vorkommen, daß es Aktionen und Druck gibt, um diese Beförderung zu empfehlen und darauf zu beharren. Deshalb ist es nicht nur wichtig, die menschliche und affektive Reife der Bischofskandidaten zu prüfen, sondern auch ihre geistliche Reife. Ein Bischof muß wissen, für wen er arbeitet, das heißt für den Herrn und für die Kirche. Und nicht für sich selbst. Wenn dies der Fall ist, merkt man es an der Art, mit der er sich gibt. Wer hingegen ein Karrierist ist, in dem dominiert das Eigeninteresse oder tendiert zur Dominanz.

Aber alle können wir der Versuchung zu Ambitionen erliegen.

Tatsächlich gefällt es anerkannt und befördert zu werden. Das ist auch legitim. Aber Bischof einer Diözese sein, ob von einer kleinen, mittleren oder großen spielt keine Rolle, denn in allen dient man in gleicher Weise dem Herrn und Seiner Kirche, ist eine ganz andere Sache. Jeden Morgen neu muß jeder Bischof damit beginnen sich zu fragen: Für wen arbeite ich? Wem habe ich mein Leben geschenkt? Er muß selbstkritisch sich und den Beweggründen seines Handels, seinen Wünschen und seinen persönlichen Ambitionen gegenüber bleiben.

Gibt es im Auswahlverfahren für die Bischöfe etwas zu verbessern?

Derzeit werden, auch im Fahrwasser des Zweiten Vatikanischen Konzils, das die bischöfliche Kollegialität betonte, bei der Auswahl der neuen Nachfolger der Apostel auch jene befragt, die bereits Bischöfe sind sowie andere Kirchenvertreter und Laien, von denen man sich ein klares Urteilsvermögen erwartet und von anerkanntem sensu Ecclesiae. Das Ziel des Mechanismus, der zur Auswahl eines Bischofs führt, ist der die Eignung eines Klerikers für diese Mission zu prüfen. Die Regeln sind aber nicht perfekt. Es kann geschehen, daß der Papst, wenn er eine Persönlichkeit und eine Situation gut kennt, bereits klare Vorstellung davon hat, wie die Lösung für eine bestimmte Diözese aussehen kann. In diesem Fall braucht es weniger Erhebungen. Abgesehen von solchen spezifischen Fällen, bemüht man sich die Regeln und die geltende Vorgangsweise einzuhalten, die grundsätzlich brauchbar scheinen.

Vor Jahren äußerte einer Ihrer Vorgänger, der verstorbene Kardinal Bernardin Gantin, den Wunsch, daß man als Gegenmittel gegen Karrierismus wieder zur alten Praxis der Kirche zurückkehren möge, die Versetzungen von einer Diözese in die andere untersagte. Was denke Sie dazu?

Mir scheint, ich habe noch nicht über ausreichend Erfahrung, um jetzt auf eine solche Frage antworten zu können. Ich kann aber hinzufügen, daß ein Bischof einmal ernannt sagen müßte: Das ist mein Platz, den ich vom Herrn im Dienst für Seine Kirche erhalte, die Sein Körper und Seine Braut ist und ich schenke mich völlig dieser speziellen Kirche. Kein Bischof sollte persönliche andere Sorgen haben. Wenn eine große und bedeutende Erzdiözese zu besetzen ist, ist es jedoch vernünftig, daß man unter den Bischöfen sucht, die sich bereits unter Beweis gestellt und bewährt haben und daher zu einer höheren Verantwortung berufen werden können. Sicher, diese an sich vernünftige Praxis kann in manchem die Erwartung auf eine Beförderung nähren. In diesem Fall liegt das Problem allerdings nicht in der Versetzung von einem Bischofsstuhl auf den anderen, sondern in der geistlichen Reife des Bischofs. Wenn einer solche Erwartungen hegt, dann ist es besser, wenn er bleibt, wo er ist.

Der Catholic News Service bemerkte, daß die ad limina-Besuche nicht mehr alle fünf Jahre, sondern alle sieben Jahre stattfinden und daß die teilnehmenden Bischöfe nicht mehr alle einzeln empfangen werden. Wie das?

Am Ende des Pontifikats von Johannes Paul II. konnte der Besuchsrhythmus aus offensichtlichen Gründen nicht mehr eingehalten werden. Daraus entstand in der Praxis diese Verschiebung. Die Vorschrift, daß die Besuche alle fünf Jahre erfolgen müssen, bleibt dennoch aufrecht. Wir arbeiten daran, diesen Besuchsrhythmus wieder herzustellen. Auch wenn das schwierig ist, denn es gibt inzwischen 5000 Bischöfe, das ist das Doppelte derer, die am Zweiten Vatikanischen Konzil teilgenommen haben.

Und die Einzelaudienzen?

Das ist eine Frage, die nicht die Kongregation, sondern direkt den Apostolischen Palast betrifft. Auch in diesem Punkt ist nicht die Vorschrift, sondern aus verschiedenen Gründen die Praxis geändert worden. Ich bin überzeugt, wenn ein Bischof begründet um einen Einzelempfang ansucht, wird man alles tun, um diesem Wunsch zu entsprechen.

Bis vor wenigen Jahren saßen der Kongregation drei Italiener vor, heute gibt es nicht einmal mehr einen. Ist das nur Zufall?

Ich denke nicht, daß irgendeine Absicht dahinter steht. Die Ernennung der Bischöfe ist eine Angelegenheit, die die ganze Welt betrifft. Vielleicht wollte man ein Gleichgewicht wiederherstellen. Es war kein Idealzustand, daß alle Italiener waren. Die Internationalisierung der römischen Kurie war eine positive Entwicklung für die Kirche. Der Kongregation gehören zudem weiterhin viele Italiener an und das hat durchaus einen Sinn, denn die Kurie befindet sich in Rom und weil der Großteil des Informationsaustauschs mit den Nuntien in Italienisch erfolgt.

Eminenz, wie muß ein katholischer Bischof sein?

Im Kontext unserer säkularisierten Gesellschaften brauchen wir Bischöfe, die die ersten Evangelisatoren einer Diözese sind und nicht bloße Verwalter derselben. Die also imstande sind, das Evangelium zu verkünden. Die nicht nur theologisch treu zum Lehramt und zum Papst stehen, sondern auch imstande sind, den Glauben darzulegen und notfalls auch öffentlich zu verteidigen. Abgesehen von allen Tugenden, die normalerweise von einem Bischof erwartet werden, ist diese Fähigkeit heute besonders von Nöten.

Text: Avvenire/Giuseppe Nardi
Bild: Vatican Insider

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