Die Spione von Medjugorje – Herzegowinisches Dickicht zwischen Stasi, Franziskanern und Bischöfen

(Medjugorje) Das herzegowinische Medjugorje mit seinen seit 30 Jahren währenden „Marienerscheinungen“ bleibt ein schwieriges Pflaster. Vielmehr ein dorniges Dickicht. Es fällt nicht leicht, sich zwischen bedingungslosen Anhängern und nicht minder hartnäckigen Gegnern zielsicher zu bewegen. Rom prüft, hat aber noch keine endgültige Entscheidung getroffen. Im jüngsten von Paolo Brosio bisher nur in italienischer Sprache erschienenen Buch Viaggio a Medjugorje (Reise nach Medjugorje), das bereits ein Bestseller ist, veröffentlichte der Pro-Medjugorje-Autor im Schlußkapitel ein Dokument, das eine vom damaligen Geheimdienst des kommunistischen Jugoslawien durchgeführte Operation zur Diskreditierung der „Erscheinungen“ und des lokalen Klerus enthüllt, deren Ziel eine Schwächung der katholischen Kirche am Balkan war.

Brosio stützt sich dabei auf das Buch Misterij Medugorja (Geheimnis Medjugorje) der vier kroatischen Journalisten Zarko Ivkovic, Zvonimir Despot, Sinisa Hancic und Robert Bubalo. Beim Dokument handelt es sich um einen Bericht des jugoslawischen Geheimdienstes Služba državne bezbednosti (SDB), mit dem die vorgesetzten Stellen über durchgeführte und eingeleitete Maßnahmen unterrichtet wurden. Konkret ging es darum zwischen dem Diözesanklerus, den Franziskanern, die in Medjugorje die Seelsorge betreuen, und Msgr. Pavao Zanic, dem damaligen Bischof von Mostar einen Konflikt zu provozieren. Die Staatssicherheit nützte dabei offensichtlich historisch bedingte und entsprechend bekannte Reminiszenzen.

Der verstorbene Bischof Zanic stand anfangs den Phänomenen von Medjugorje positiv gegenüber, während er dann eine völlig ablehnende Haltung einnahm. Die Geheimdienst-Operation trug den Namen „Crnica“. So heißt die Bergkette um Medjugorje , zu der auch der „Erscheinungsberg“ Pdbrdo gehört. Hauptziel der Operation sei die Diskreditierung von Pater Tomislav Vlasic gewesen, der am Beginn der Phänomene geistlicher Betreuer der „Seherkinder“ war. Im Bericht wird er mit dem Codenamen „Oto“ bezeichnet, Pater Jozo Zovko, der damalige Pfarrer von Medjugorje als „Luio“.

Die Mitarbeiter des jugoslawischen Staatsicherheitsdienstes hatten durch „freundlichen Hinweis“ der Stasi aus Ost-Berlin erfahren, daß Pater Vlasic einige Jahre vor Beginn der „Erscheinungen“ 1976 mit einer ehemaligen kroatischen Ordensfrau, die in der DDR als Altenpflegerin arbeitete, ein Kind gezeugt hatte. Ihr einziger „Schützling“ war ein pensionierter Stasi-Offizier. Die Dokumentation wurde Rom zugespielt und auch dem Mariologen René Laurentin, der das Phänomen Medjugorje wohlwollend beobachtete und mehrere Bücher darüber publiziert hatte.

Rom leitete, wie von den Absendern beabsichtigt, die Unterlagen zur Kenntnis an den zuständigen Ortsbischof Zanic von Mostar weiter. Im Geheimdienstbericht heißt es dazu: „Am meisten zerstörte Oto die Tatsache, daß Zanic den ‚Sehern‘ seine außereheliche Beziehung und sein Kind bekanntmachte. Deshalb befand er sich in einem Schockzustand und war für etwa einen Monat nicht imstande aus dem Bett aufzustehen.“

Das Ergebnis: „Die oben beschriebenen Aktivitäten des Bischofs Zanic im Zusammenhang mit dem Fall Oto, die durch unsere Pläne in dieser Operation provoziert wurden, haben nicht nur dazu geführt, Oto zu kompromittieren und zu lähmen, was unser Ziel für die erste Phase der Operation war, sondern auch den Bischof Zanic bei den Priestern und den kirchlichen Vorgesetzten zu kompromittieren wegen seiner Haltung, die er im Fall Oto und zu den ‚Erscheinungen‘ von Medjugorje eingenommen hat.“

Der ausführliche Bericht beschreibt an anderer Stelle detailliert, wie auf ähnliche Weise Pater Jozo diskreditiert werden sollte: mit „einer italienischen Pilgerin“, die der Pater 1986 angeblich „innig geküßt“ hätte und mit einer Österreicherin, mit der Pater Jozo 1987 in kompromittierender Haltung gesehen worden sei. „Wir waren der Meinung, daß mit diesem Gerüst günstige Voraussetzungen geschaffen worden waren, um weitergehende Maßnahmen gegen Zanic zu ergreifen.“

„Ziel dieser neuen Maßnahmen war es, den zum offenen Ausbruch gebrachten Konflikt zwischen dem reaktionären Teil des franziskanischen Klerus und dem Diözesanklerus der Herzegowina zu vertiefen und vor allem weiteres Mißtrauen gegen Bischof Zanic zu sähen.“ Im Bericht werden dann eine Reihe von anonymen Briefen angeführt, die zu diesem Zweck vom Geheimdienst an verschiedene Adressaten in Umlauf gesetzt wurden. Bekanntlich versetzte sich Pater Vlasic 2009 in den Laienstand und trat aus dem Franziskanerorden aus, nachdem er die von Kardinal William Levada, Präfekt der Glaubenskongregation, gegen ihn verhängten Sanktionen nicht akzeptieren wollte. Ihm wurde vom Heiligen Stuhl Verbreitung zweifelhafter Glaubenslehren, Manipulation der Gewissen, suspekter Mystizismus, Ungehorsam und Verstoß gegen das 6. Gebot vorgeworfen. Er befand sich damals bereits seit mehr als 20 Jahren in Italien, wo er eine eigene Gemeinschaft gegründet hatte und soll heute zurückgezogen im italienischen Ligurien leben.

Pater Jozo wurde 1981 bald nach Beginn der „Erscheinungen“ vom kommunistischen Regime verhaftet und für anderthalb Jahre eingesperrt und mißhandelt. Der Journalist Ivkovic sagte in einem Interview, das er Luca Colombo für die Zeitschrift: Medjugorje, presenza di Maria (Medjugorje, Gegenwart Mariens) gab, daß es sich bei dem Geheimdienstbericht nur um die „Spitze des Eisbergs“ handle. Das gesamten Akten des kommunistisch-jugoslawischen Geheimdienstes SDB über die katholische Kirche und rund um Medjugorje sind erst zu sichten und auszuwerten.

So wisse man noch nicht, schrieb Rino Cammilleri, „warum Bischof Zanic seine Meinung zu den Erscheinungen von Medjugorje radikal änderte“ und sein Nachfolger, Msgr. Ratko Peric „nie mit den ‚Sehern‘ redete und sich bis heute weigert, mit Journalisten über Medjugorje zu sprechen.“

Pater Jozo Zovko lebt seit 2009 auf einer unbewohnten, zu Dalmatien gehörenden Adriainsel, auf dem sich ein aufgelassenes Franziskanerkloster befindet. Vom Vatikan wurde ihm ein Redeverbot auferlegt. Zu Brosio, der ihn auf der Insel aufsuchte, sagte Pater Jozo: „Ich darf zu meiner Vergangenheit keine Interviews abgeben, über die Zeit der Erscheinungen von Medjugorje, über meine Kontakte zu den Sehern und alles, was das Leben in meiner Heimat Herzegowina betrifft.“

Was erklärt das Dokument des jugoslawischen Staatssicherheitsdienstes? Was erklärt es nicht?

Text: BQ/Giuseppe Nardi
Bild: Wikimedia

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