Er ist der Messias, der den Menschen das göttliche Leben bringt

Liebe Brüder und Schwestern!

Mit der Betrachtung des Psalms 110 (oder nach anderer Zählung 109) möchte ich heute die Katechesen über das Psalmengebet schließen. Dieser Königspsalm wurde von der Kirche stets sehr geliebt. Die feierlichen Anfangsworte: »So spricht der Herr zu meinem Herrn: Setze dich mir zur Rechten, und ich lege dir deine Feinde als Schemel unter die Füße« (V. 1), wurden schon im Neuen Testament als messianische Prophetie aufgefaßt und auf Christus bezogen. Er, der Herr, sitzt zur Rechten des Vaters, das heißt, er hat Teil an Gottes Allgegenwart und Herrlichkeit und ist durch die Auferstehung in seine Herrlichkeit miteingegangen. Durch ihn werden alle Feinde – das Böse, der Tod – besiegt. Die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die Septuaginta, die im dritten bis zweiten Jahrhundert vor Christus entstanden ist, fährt fort: »Ich habe dich gezeugt noch vor dem Morgenstern, wie den Tau in der Frühe« (V. 3). Diese Worte ließen notwendigerweise die Christen an die göttliche Herkunft denken, die diesem König zukommt, an die göttliche Herkunft Jesu Christi, die schön, unergründlich und geheimnisvoll ist. Der König, von dem der Psalm redet, kommt von Gott. Er ist der Messias, der den Menschen das göttliche Leben bringt und Mittler von Heiligkeit und Erlösung ist. Dann erwähnt der Psalm den Priester und König Melchisedek und macht ihn zum Vorausbild eines neuen Priestertums, das nicht aus der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stamm herrührt. Er ist ohne Anfang und Ende (vgl. Hebr 7,3) und nimmt im Opfer von Brot und Wein jene Gaben voraus, in denen sich Christus in der Eucharistie darbietet und Leben schenkt. Dieser Priester, dieses Priestertum rettet und tritt für die Menschen vor Gott ein (vgl. Hebr 7,25). Wenn wir Psalm 110 beten, sehen wir wie durch die Heilsgeschichte die große Erwartung, die geheimnisvolle Hoffnung hindurchgeht nach einem König, der Mensch und doch Gott ist, in dem Mensch und Gott beieinander sind; und wir sehen, wie diese Erwartung Gestalt annimmt und unerwartet Wirklichkeit wird in Jesus Christus. Wenn wir den Psalm beten, beten wir mit den Jahrtausenden und beten zugleich mitten in der Gegenwart des Leibes Christi. Wir bitten den Herrn, der zur Rechten Gottes sitzt und der doch einer der Unsrigen ist, einer wie wir ist, daß er uns hinaufhebe in das Licht Gottes und daß er die Mächte des Bösen und den Tod besiege und uns das wahre Leben schenke.

Von Herzen grüße ich alle deutschsprachigen Pilger und Gäste, die zur heutigen Audienz gekommen sind. In den Katechesen der vergangenen Wochen hatte ich einige Psalmen als Beispiele biblischen Betens ausgelegt, und mit der heutigen Katechese schließe ich diese Reihe ab. Ich wollte damit einladen, und es heute noch einmal tun, selber sich mit den Psalmen vertraut zu machen, von ihnen beten zu lernen und durch sie mit der ganzen Kirche, mit Christus selbst zu beten, und so in die innere Beziehung zum lebendigen Gott hineinzuwachsen, der uns die Worte vorgibt und der uns zugleich darin alle menschlichen Dinge ins Göttliche hinüberzieht. Wir wollen den Herrn bitten, daß er uns hilft, immer mehr diese Worte zu verstehen und von ihm selbst, von seinem inspirierten Wort beten zu lernen. Der Herr schenke euch allen seinen Segen.

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