Messianische Juden und Ultraorthoxe Juden – Richtungskampf im Judentum?

(Jerusalem) In Israel häufen sich Angriffe von ultraorthodoxen Juden auf Messianische Juden. Dies berichtet die protestantische US-Internetseite Compass Direct News. Die Ultraorthodoxen werfen den Messianischen Juden vor, Proselytismus für das Christentum zu betreiben und damit antijüdisch zu sein. Die Messianischen Juden sind Juden, die neben der Thora und den traditionellen Schriften des Judentums auch an Christus als den verheißenen Messias und den Retter Israels glauben.

Juden – Christen – Judenchristen – Messianische Juden

Die Bewegung des Messianischen Judentums entstand in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in den USA im evangelikalen Umfeld, von dem es beträchtliche Unterstützung erfährt. Es vereint christlich-evangelikale Theologie mit jüdischen Begriffen und Riten. Seither schwillt die konfliktträchtige Frage, ob es sich bei ihnen noch um Juden oder bereits um Christen handelt. Wie das evangelikale Spektrum sind sie dezentral organisiert und verfügen über keine einheitliche und allgemein anerkannte Hierarchie. In den USA wird ihre Zahl auf rund 250.000 geschätzt, in Israel auf 10-15.000.

Die Messianischen Juden betrachten sich selbst als Christen, aber im Sinne ihrer Herkunft und ihres Selbstverständnisses ebenso als Juden, da für sie Altes und Neues Testament eine Einheit bilden. Da es in der Geschichte Episoden gab, in denen die Juden von den Christen aktiv verfolgt wurden, ziehen sie die Selbstbezeichnung Messianische Juden statt Christen vor und betrachten sich als Strömung innerhalb des Judentums. Nur ein Teil von ihnen ist tatsächlich jüdischer Abstammung im jüdischen Sinn.

Die jüdischen Organisationen lehnen das messianische Judentum entschieden ab. Für sie handelt es sich vielmehr um eine christliche Sekte. Der Oberste Gerichtshof Israels entschied 2008, daß Messianische Juden wie andere Juden den gleichen automatischen Anspruch auf Erhalt der israelischen Staatsbürgerschaft haben. Nachdem israelische Behörden Messianischen Juden die Staatsbürgerschaft verweigerten und sie wegen „missionarischer Aktivitäten“ teilweise des Landes verwiesen, reichte zwölf Messianische Juden eine Klage ein und erhielten Recht. Seither nimmt ihre Zahl in Israel zu und damit verschärfen sich die Konflikte in Israel zwischen dem ultraorthodoxen und dem messianischen Judentum.

Rasche Ausbreitung des Messianischen Judentums

Allein in den fünf Jahren von 2003-2007 wuchs die Zahl ihrer „Gebetshäuser“ in den USA von 203 auf 438. In Israel sind es inzwischen 100. Die Gesamtzahl der Messianischen Juden wird weltweit mit etwa 300.000 angegeben. In der Bundesrepublik Deutschland sollen es mehr als 4000 sein. Fast zweieinhalb Prozent aller Juden, so die Schätzungen, seien heute Messianische Juden. Im Vergleich dazu machen die Ultraorthodoxen rund zehn Prozent des Judentums aus.

Die rasche Ausbreitung der Messianischen Juden empfindet das traditionelle Judentum als Bedrohung. Der kanadische Zweig von B’nai Brith bezeichnet die Aktivitäten der Messianischen Juden sogar als „antisemitisch“: „Eine der besorgniserregendsten antisemitischen Aktivitäten in Kanada ist die wachsende Zahl von Zwischenfällen, in die messianische Organisationen verwickelt sind, die sich als ‚Synagogen‘ bezeichnen. Diese Organisationen sind in Wirklichkeit Gruppen christlichen Proselytentums, die die Juden konvertieren wollen. Sie bezeichnen sich selbst betrügerischerweise als Juden, und die sogenannten Synagogen sind getarnte christliche Kirchen.“

Teile des protestantischen Christentums, vor allem evangelikale Gruppen, betrachten die Messianischen Juden als Teil des „Leibes Christi“, um damit ihre vollständige Zugehörigkeit zu unterstreichen. Die sogenannten Hochkirchen halten sich auf Distanz. In der katholischen Kirche gibt es in Israel mehrere Gemeinden hebräischer Katholiken. Sie zelebrieren die Heilige Messe auf Hebräisch und lehnen sich an die traditionelle rabbinische Wortwahl an. Die katholische Kirche blickt auf eine zweitausendjährige judenchristliche Tradition zurück, durch die zu allen Zeiten stattfindenden Bekehrungen von Juden zum Christentum. Drei der zahlreichen prominenten Judenchristen der jüngeren Zeit sind die heilige Edith Stein, der Oberrabbiner von Rom, Israel Italo Zolli und der emeritierte Erzbischof von Paris, Jean Marie Kardinal Lustiger.

Da die katholische Kirche auf jede aktive Missionierung unter Juden verzichtet, werden die hebräischen Katholiken von jüdisch-ultraorthodoxer Seite nicht so stark angegriffen. Die katholische Kirche unterhält Kontakt zu den messianischen Juden, wenn sie es auch kaum öffentlich tut, um nicht jüdische Empfindlichkeiten zu reizen.

Ultraorthodoxe Angriffe auf Messianische Juden in Israel

In der Stadt Arad im Süden Israels leben rund 30 messianischen Familien, Juden, die sich zu Christus bekehrt haben. Ultraorthodoxe Juden marschieren vor ihren Häusern mit Lautsprechern auf und rufen „Verschwindet aus Arad. Israel ist ein jüdischer Staat.“

Compass Direct News zitiert ein Opfer dieser Angriffe: „Ich glaube an die Thora, die Propheten und den Neuen Bund. In Europa schrien sie: ‚Juden raus‘. Nun schreien sie hier: ‚Messianische Juden raus‘ und beschuldigen uns die Leute taufen zu wollen.
Solche Zwischenfälle häufen sich in Israel. Die Ultraorthodoxen werfen den Messianischen Juden vor, eine „fünfte Kolonne“ des Christentums zu sein, die jüdisch getarnt unter Juden für das Christentum missionieren wolle.

Der jüngste Vorfall ereignete sich in Mevasseret Zion, einem Vorort Jerusalems, wo das messianische Ehepaar Serge und Naama Kogen lebt. Die ultraorthodoxe Gruppe Yad L’Achim, die zur Abwehr von missionarischen Aktivitäten für Jesus und gegen Eheschließungen zwischen Juden und Nichtjuden gegründet wurde, beschuldigt sie, unter jüdischen Jugendlichen für Christus missioniert zu haben. Nachdem ein entsprechendes Gerichtsverfahren zugunsten der Kogens, die israelische Staatsbürger und daher keine „ausländischen Missionare“ sind, gescheitert war, wurden im ganzen Ort Plakate angebracht, auf denen das Ehepaar mit Namen und Anschrift angegriffen wurde. 20 Ultraorthodoxe demonstrierten vor dem Haus des Ehepaars und forderten es auf, Israel zu verlassen.

Text: Vatican Insider/Giuseppe Nardi
Bild: derek4messiah

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