Hermine Speier, eine jüdische Archäologin, die als erste Frau für einen Papst im Vatikan arbeitete

(Rom) Hermine Speier, eine deutsche Jüdin und Archäologin, war 1934 die erste Frau „inmitten von Soutanen“ (Paolo Rodari), die in einer offiziellen Funktion im Vatikan tätig wurde. An Speier, die 1898 in Frankfurt am Main geboren wurde und 1989 in Montreux verstarb, erinnerten in diesen Tagen Gudrun Sailer und Paolo Rodari. Sailer, von der deutschen Redaktion von Radio Vatikan stellte Hermine Speier am Sonntag in der Dokumentarreihe „Geheimer Vatikan“ auf National Geographic Channel vor. Rodari, Vatikanist der Tageszeitung Il Foglio verfaßte am 16. April einen „brillanten“ Artikel, wie der Chefredakteur des Osservatore Romano, Paolo Vian, am 18. April schrieb.

Papst Pius XI. beauftragte Speier anfangs mit der „Neuordnung des Photoarchivs unserer Museen“. Es fehlte nicht an Kritik: eine Frau, eine Jüdin. „Ich gehe den Weg, den ich für richtig halte“, überliefert Msgr. Carlo Confalonieri, der Sekretär des Papstes, die Reaktion Pius XI. auf die teils harte Kritik. So konnte Spinnie ihre Arbeit in der Vatikanstadt antreten. Spinnie wurde Hermine Speier von ihren in Rom lebenden deutschen Freunden genannt.

Pius XI. setzte 1934 Zeichen: eine Frau, eine Jüdin

Sailer ist überzeugt, daß Pius XI. Hermine Speier vor allem wegen ihrer Fachkenntnisse als Archäologin beschäftigen wollte. Er habe jedoch auch das Tabu brechen wollen, daß Frauen im Vatikan nicht arbeiten dürften und vor allem ein Zeichen setzen wollen, indem er ausgerechnet eine deutsche Jüdin dafür auswählte. Der antisemitische Nationalsozialismus hatte im Deutschen Reich bereits die Macht ergriffen und das Klima war für Juden nicht nur dort drückend geworden. Papst Pius XI. rammte mit seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“ eindeutige katholische Positionen gegen die Irrtümer des Nationalsozialismus und gegen den Antisemitismus in die Erde.

Um die Ernennung rankte sich jahrzehntelang das Gerücht, ob wohlwollend oder böswillig ist ungeklärt,  die Verwaltung der Vatikanstadt habe im Arbeitsvertrag aus Hermine einen Herminius gemacht, um die Tatsache, daß sie eine Frau war, zu verheimlichen. Gudrun Sailer räumte nun damit auf. Sie fand den Arbeitsvertrag, in dem korrekt Hermine verzeichnet ist. So wurde sie auch im päpstlichen Jahrbuch geführt.

Hermine Speier, „Archäologin, Raucherin, Liebhaberin guter Weine, während ihres Lebens mit verschiedenen Männer liiert, ohne daß eine Liaison vor dem Altar endete, ungeschickt in häuslichen Aufgaben, beschäftigte und entließ sie verschiedene Hausangestellte, pflegte sie in ihrem Salon nur wenige Schritt vom Palast des Heiligen Uffiziums entfernt, einen kulturellen Kreis, zu dem sich die besten Köpfe einfanden, die die deutsche Gemeinschaft in Rom aufzubieten hatte“, so Gudrun Sailer.

Erstaunlicherweise wird Speiers Name nie im Zusammenhang mit Pius XII. und dessen ungerechter Beschuldigung genannt, er habe sich in der Judenfrage gegenüber den Nationalsozialisten zu nachgiebig gezeigt. Es war eben dieser Papst, der nach seiner Wahl ausdrücklich vertrauliche Erkundigung über die Religionszugehörigkeit Speiers einholte. „Hermine Speier ist israelitischen Glaubens“, lautete die Antwort. Pius XII. erneuerte umgehend ihren Arbeitsvertrag. Ebenso erstaunlich sei, daß ihr Name auch nicht unter den Frauen genannt wird, wie Sr. Pascalina Lehnert oder Wanda Poltawska, die auf jeweils eigene Weise ein Stück Vatikangeschichte schrieben. Dabei waren es zwei Päpste, die ihre Anwesenheit an der römischen Kurie förderten. „Keine Kleinigkeit“, wie Rodari anmerkte.

„Eine Sehnsucht, die nur uns Deutschen eigen ist“

Sie ist auf alle Fälle ein Gesprächsthema. An den Leseabenden in ihrem Salon nehmen Künstler, Diplomaten, Politiker, Adelige und auch Bischöfe und Kardinäle teil. Zwei Zyklen, jener der „Göttlichen Komödie“ von Dante Alighieri und jener über den deutschen Archäologen Johann Joachim Winckelmann, finden besondere Aufmerksamkeit. Es ist immer Hermine Speier selbst, die den anderen vorträgt.

Winckelmann hatte es Hermine Speier besonders angetan. Archäologe wie sie, gilt er als Begründer des deutschen Klassizismus. Mit ihm teilt sie die tiefe Sehnsucht nach Italien und vor allem Rom. „Eine Sehnsucht, die nur uns Deutschen eigen ist“, wie sie selbst sagte. Mit Winckelmann verband sie jedoch noch etwas weit tiefergehendes. Wie Speier zweihundert Jahre später, konvertierte Winckelmann zum katholischen Glauben, was heftige Diskussionen auslöste.

Nach Kriegsende Konversion zur katholischen Kirche

Hermine Speier wurde 1898 in eine wohlhabende jüdische Familie geboren. Während sie 1928 nach Rom ging, um am Deutschen Archäologischen Institut zu arbeiten, emigrierte ihre Familie im Zuge der nationalsozialistischen Machtübernahme nach Großbritannien und in die Vereinigten Staaten von Amerika. Als Adolf Hitler alle Juden aus dem öffentlichen Dienst entfernen läßt, kommt die Anstellung durch den Vatikan zur rechten Zeit. Ihre Familie ist darüber erleichtert. Die Familie bricht aber mit Hermine Speier jeglichen Kontakt ab, als sie erfährt, daß sie nach Ende des Zweiten Weltkriegs und damit außer Gefahr zum katholischen Glauben konvertiert. „Sie brechen alle Brücken zu ihr ab“, so Rodari. Erst am Tag ihrer Beerdigung kommt ein Bruder nach Rom, bleibt im Hintergrund, legt aber einen kleinen Stein auf den Grabstein. Hermine Speier wurde 1989 auf dem Campo Santo Teutonico gleich neben dem Petersdom beigesetzt. Ein Privileg, das nur wenigen auch innerhalb der deutschen Gemeinde Roms zuteil wird. Im Laufe der Zeit fanden sich immer mehr kleine Steine auf dem Grab. Ein Zeichen, daß Hermine Speier unter Roms Juden viele Freunde hatte.

Als die junge Archäologin 1928 nach Rom kam, war Bartolomeo Nogara, ein Archäologe und Etruskologe, seit acht Jahren Direktor der Vatikanischen Museen. Er nahm Speier gewissermaßen in die Museen auf und wurde mit der Zeit ihr „großer Protegè“ wie Sailer erwähnt. Der Abschluß der Lateranversträge, die den Vatikan nach fast 60 Jahren wieder für Rom und Italien öffnen, bringt auch einige Veränderung für die Museen mit sich. Nogara baut einen wissenschaftlichen Mitarbeiterstab auf, der zur Weltspitze gehört. Hermine Speier wird als erste Frau zur Bahnbrecherin für alle anderen Frauen, die nach ihr hinzustoßen sollten. Unter ihnen die Archäologin Margherita Guarducci, deren Namen untrennbar mit der Entdeckung des Grabes des Apostels Petrus unter dem Hochaltar des Petersdoms verbunden ist. Aber auch Eugenia Strong, Medea Norsa, Lorenzina Cesano, Luisa Banti und Paola Zancani, alles „illustre Namen im Bereich der Wissenschaften, besonders der Archäologie“. (Rodari)

Speier kann ein Fundstück der Quadriga der Pallas Athene auf dem Westgiebel des Parthenons zuordnen. Wie das Fundstück in den Vatikan gelangte? „Das zu klären, ist, als wollte man das Geschlecht der Engel bestimmen“, antwortete Speier darauf angesprochen. Nogara vertraut ihr die Bearbeitung und Neuausgabe des Kunstführers Helbig an. Der erste Band ist den Vatikanischen Museen und jenen des Laterans gewidmet. Hermine Speier leitet und organisiert die Arbeit, die einen umfangreichen Stab an Autoren und Mitarbeitern umfaßt. Der Heilige Stuhl zeichnet sie dafür mit der Medaille „pro Ecclesia et Pontifice“ aus.

Von der SS verhaftet, von Pius XII. gerettet

Während der NS-Besatzungszeit in Rom vom September 1943 bis Juni 1944 nimmt die SS Verhaftungen von Juden vor. Unter ihnen befindet sich auch Hermine Speier. Es ist die Zeit, in der der deutsche Salvatorianerpater Pankratius Pfeiffer von Papst Pius XII. ausgeschickt wird, um sich für die Juden einzusetzen. Der Mittelsmann des Papstes baute unter den kirchlichen Einrichtungen Roms und der Umgebung ein Hilfsnetz auf, mit dem er Hunderte von jüdischen Familie vor der Deportation ins die Vernichtungslager rettete. Gemeinsam mit Carlo Pacelli, einem Neffen Papst Pius XII. und dem Pallottinerpater Anton Weber, setzte er sich ideenreich auch für die Rettung der bei der Razzia verhafteten Juden ein, die auch Speier in den Kerker brachte. Bei seinen Vorsprachen bei den zuständigen NS-Stellen wird ihm schließlich gewährt, daß jene freikämen, die katholisch seien. „Niemand wußte noch von ihrer Konversion. In ihrem Fall war die Angabe aber echt. Sie machte keine falsche Angabe“, erzählt Oriol Schädel im Dokumentarfilm. Nach Kriegsende ließ sich Hermine Speier taufen und wurde in die katholische Kirche aufgenommen.

Schädel leitete mehrere Jahrzehnte die Herder-Buchhandlung am Montecitorio. Schädel kennt nicht nur den Großteil der Geschichte Roms und des Vatikans im 20. Jahrhundert aus nächster Nähe, sondern vor allem auch der deutschen Gemeinschaft am Tiber. Speier suchte die Buchhandlung oft auf. Schädel gehörte in den 40er, 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts zu jenem Kreis aus dem deutschen Sprachraum, der lange Kulturabende im Haus Hermine Speiers verbrachte. Dazu gehörte auch der Benediktiner Paul Mayer, den Papst Johannes Paul II. 1985 zum Kardinal erhob. Pater Meyer gehört mit dem Jesuiten Engelbert Kirschbaum, der christliche Archäologie an der Gregoriana lehrt, zum ständigen Kreis. Hermine Speier war „eine Frau sui generis, und keineswegs nur, weil sie die erste Frau war, die im Dienst eines Papstes arbeitete“, so Oriol Schädel.

(Palazzo Apostolico/Giuseppe Nardi, Bild: Palazzo Apostolico)

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