Okkultes Vaterland – Die italienische Einigung neu beleuchtet

(Rom) Wer waren die treibenden Kräfte des Risorgimento, jener italienischen Einigungsbewegung, die zwischen 1859 und 1870 die staatliche Einheit Italiens durchsetzte? „Eine schöne Ansammlung von Spiritisten, Okkultisten und Freimaurern“, so der katholische Publizist Marco Respinti, der unter anderem Koordinator der Weltfamilienkongresse für Italien ist. Es sei daher wenig verwunderlich, daß die „katholische Frage“ auch nach 150 Jahren nicht wirklich gelöst ist.

„Die Väter des Vaterlandes, zeitlich gesehen von den ersten bis zu den jüngsten“, pflegen Ideen, die in direktem Gegensatz zu jenen stehen, die von der katholischen Kirche verkündet werden und die im Volk verankert sind“, so Respinti. Diese ungewohnte, weder mit den Schulbüchern noch der offiziellen Staatsdoktrin konforme Sichtweise, bietet das Buch von Pierluigi Baima Bollone: „Esoterik und Persönlichkeiten der italienischen Einigung. Von Napoleon zu Napoleone Emanuele III.1)Bollone Baima, Pierluigi: Esoterismo e personaggi dell‘Unità d‘Italia. Da Napoleone a Vittorio Emanuele III. Priuli e Verlucca editore, Borgaro Torinese 2011

Der 73jährige Chirurg ist emeritierter Professor für Gerichtsmedizin an der Universität Turin, Mitglied der Konferenz der Ethik-Komitees der Region Piemont, Autor zahlreicher wissenschaftlicher Standardwerke zur Gerichtsmedizin. Baima Bollone ist auch Direktor des Internationalen Zentrums zur Erforschung des Turiner Grabtuchs. Unter seinen wissenschaftlichen Publikationen befassen sich mehrere mit dem Grabtuch von Turin.

Der Universitätsprofessor und Arzt Baima Bollone wollte keine Geschichte der italienischen Einigungsbewegung schreiben. Er wollte jedoch den zahlreichen okkulten Spuren nachgehen, die ihn im Laufe der Jahre bei der Beschäftigung mit den führenden Gestalten des Risorgimento stutzig machten. Seine Parallelgeschichte beleuchtet scheinbar bestens bekannte Ereignisse der europäischen und italienischen Geschichte in einer neuen Lesart. Sie kann nicht alles erklären, bietet aber durchaus neue Elemente, um wenig beleuchtete ideengeschichtliche Hintergründe des italienischen Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts zu erhellen. Eine lohnenswerte Lektüre, zumal Italien in diesem Jahr 150 Jahre der Staatsgründung (1861) feiert.

Die damals von Hochgradfreimaurern und erklärten Kirchenfeinden geschaffene Staatsdoktrin eines zentralistischen Staatswesens gilt nach wie vor. Sie war das Gegenteil dessen, was Papst Pius IX. 1848 angeregt hatte, als es schien, als würde sich der Papst an die Spitze einer italienischen Einigungsbewegung stellen. Pius IX. schlug einen Bundesstaat vor, der den historischen und kulturellen Eigenheiten der italischen Halbinsel Rechnung tragen sollte. Als kirchenfeindliche Tendenzen bei den Einheitsverfechtern unübersehbar wurden, zum Beispiel das Verbot des Jesuitenordens in Piemont 1848, zog er sich zurück. Der damals entstandene Gegensatz zwischen „staatstragenden“ Kräften und katholischer Kirche bedeutete bis zu den Lateranverträgen von 1929 ein feindliches Gegeneinander und wirkt teilweise bis heute nach.

Was Baima Bollone jedenfalls bestens gelingt, ist es Zug um Zug nachzuweisen, wie sehr die sich selbst als „durch die reine Vernunft erleuchtete“ und vom „mittelalterlichen Aberglauben der Religion“ emanzipierte Elite des geeinten Italiens vielfach okkultistischen und skurrilsten abergläubischen Praktiken anhing.

Mit der unermüdlichen Ausdauer des Forschers nähert er sich auch der okkulten Seite des Risorgimento, die gewissermaßen die dunkle, unbekannte Seite dieses unruhigen Kapitels italienischer, aber auch europäischer Geschichte darstellt. Er stellte eine beeindruckende Sammlung von Fundstücken zusammen, die durch einen Bildteil von noch unbekannten Photographien und Darstellungen ergänzt wird, die eine andere Sprache sprechen als jene offizielle Version, die durch Generationen von Schülern Teil des kollektiven Gedächtnisses wurden.

Der Okkultismus war im 19. Jahrhundert vor allem in sozial höher gestellten Gesellschaftskreisen geradezu eine Mode. Etliche Elemente des Buches waren daher bereits in Biographien einzelner Persönlichkeiten allgemein zugänglich. Erst Baima Bollone fügte sie jedoch zu einer analytischen Gesamtschau zusammen.

Den Ausgangspunkt der Darstellung bildet Napoleon Bonaparte, da für Baima Bollone die gängige Chronologie der italienischen Einigungsbewegung zu kurz greift. Die italienische Einigung hat ihren Ursprung nämlich außerhalb Italiens in der Person des (italienischen) korsischen Franzosen Bonaparte, dem künftigen „Kaiser der Franzosen“, der im Juni 1800 mit der Schlacht von Marengo in Piemont den Prozeß auslöste, der zur politischen Einigung der italischen Halbinsel führen sollte.

1805 proklamierte Napoleon das erste Königreich Italien, das zwar nur einen Teil Norditaliens umfaßte, doch einen Namen trug, der zum Programm wurde. Dieses napoleonische Vasallenkönigreich existierte bis zur Niederlage Napoleons, offiziell mit seiner Abdankung als König von Italien am 11. April 1814. Es war Napoleon, so Baima Bollone, der der italienischen Einheit ein okkultes Gesicht verpaßte. indem er sich wahrscheinlich „während des Ägypten-Feldzugs 1798 in Memphis in die Freimaurerei aufnehmen ließ und in Kairo möglicherweise „die Isis-Loge des Memphis-Misraïm-Ritus“ mitbegründete. Deren Ursprung meist erst auf die Jahre 1805 beziehungsweise 1814 datiert wird.

Parallel mit den französischen Revolutionstruppen trat in Italien auch eine Vielzahl von Sekten, okkulter Gruppen, Logen und subversiver Kreise auf. Es wimmelte geradezu von wirklichen und vermeintlichen Aufrührern und konspirativen Akteuren. Reguläre, irreguläre und angebliche Freimaurer, Spiritisten verschiedener Obedienzen, Mesmeristen des animalischen Magnetismus, Synkretisten und Theosophen, bayerische Illuminaten, Esoteriker und Okkultisten jeder Couleur sowie zahlreiche Illusionisten vernebeln die Szene, „daß man kaum erkennen kann, wo die wirklich durch Initiation ‚Erleuchteten‘ beginnen (nur wenige, dafür aber gefährliche) und wo hingegen nur die Verkäufer von Staubsaugern handeln (von denen eine große Zahl die Halbinsel abklapperte)“, wie Respinti schreibt.

Ausgestattet mit einer Fülle von neuheidnischen, pseudoantiken und orientalisierenden Symbolen war das von Baima Bollone beschriebene Italien der liberalen Kreise eine Art “russischer Salat des Vor-New-Age”. Das war “ein beliebter Zeitvertreib der Snobs” der damaligen Zeit, übte gleichzeitig aber einen nicht unbeträchtlichen Einfluß auf jene Elite aus, die Träger des Risorgimento war. Baima Bollone führt den Leser auch in das auf den ersten Blick kurios anmutende Konnubium ein, das Okkultismus und Positivismus in aller Öffentlichkeit eingingen. Der vermeintliche Widerspruch einer solchen “eingetragenen Partnerschaft” wurde zur Konstante der Moderne. Für nicht wenige Akteure jener Zeit (aber wohl nicht minder heute) scheint jedes Mittel recht, wenn es darum geht, dem Gott der Katholiken den Krieg zu erklären, eben auch die Verherrlichung der Technik und durch spiritistische Séancen gerufene Geister.

So stimmte der Dichter des neuen geeinten Vaterlandes, Giosue Carducci die “Hymne an Satan” an, um durch die Anrufung des Fürsten der Finsternis die “philosophische Vernunft” gegen die Religion der Päpste zu behaupten. Ebenso war der bekannte jüdische Gerichtsmediziner Cesare Lombroso, ein überzeugter Sozialist, Positivist, Rassist und Eugeniker, jedenfalls alles andere als ein gläubiger Katholik, der die anthropologische Tätertypenlehre entwickelte und auf den sich der Nationalsozialismus in der Durchführung medizinisch-eugenischer Programme an Kriminellen und Geisteskranken berief, ein faszinierter Anhänger des spiritistischen Mediums Eusapia Palladino.

Camillo Benso Graf Cavour, der als Ministerpräsident die Einheit Italiens verwirklichte und dessen Verfassung entwarf, schneiderte sich ein selbstgemachtes Evangelium zusammen. Cavour verachtete die Kirche und förderte die Freimaurerei soweit es ihm möglich war, und ihm war sehr viel möglich. Maßgeblich durch ihn wurde das geeignete Italien ein Freimaurerstaat. Wer etwas werden wollte, ob in Politik, Verwaltung, Schule oder Heer, mußte eine Logenmitgliedschaft vorweisen können. Dieses massonische Monopol auf einen ganzen Staat dauerte bis zur Machtübernahme des Faschismus an. Cavour selbst gehörte der Freimaurerei allerdings nicht an, wie häufig irrtümlich wegen seiner freimaurerfreundlichen Haltung behauptet wird. Sie war für seinen Geschmack viel „zu religiös“.

“Fest steht”, schreibt Baima Bollone, “daß sich kurz nach seinem Tod die Nachricht verbreitet, Cavour habe am Sterbebett beichten, die Letzte Ölung und die Heilige Kommunion empfangen wollen und es sei sein erklärter Wille gewesen, daß öffentlich bekannt werde, daß er als Katholik gestorben sei, wie er als solcher auch immer gelebt habe. Sollte dies der Wahrheit entsprechen, hätte Cavour mit dieser letzten Erklärung tatsächlich alles verleugnet, was sein politisches Handeln bestimmt hat”.

Giuseppe Mazzini, der andere “Säulenheilige” vaterländischer Staatsdoktrin, war Zeit seines Lebens hin und hergerissen zwischen protestantischen Tendenzen und Deismus. Vom Spiritismus wurde er magisch angezogen und es scheint, will man einigen von Baima Bollone aufgefundenen Spuren folgen, als habe er auch an die Existenz von Außerirdischen geglaubt. Gesichert ist, daß er an die Reinkarnation glaubte und die Lehren der Theosophin Helena Petrovna Blavatsky verehrte (der wir das zweifelhafte Wissen über angeblich im Meer versunkene Kontinente „verdanken“, die die New-Age- und Esoterik-Szene noch heute beschäftigen). Petrovna Blavatsky, geborene Helena von Hahn-Rottenstein unterwies selbst den Mahatma Gandhi, wie deren moderne Anhänger nicht müde werden, zu betonen.

Dieselbe Madame Blavatsky war ehrlich bezaubert von Giuseppe Mazzini und Giuseppe Garibaldi (im Bild als Freimaurer, deren Großmeister er war). Der „Held der beiden Welten“, Freimaurer des „ägyptischen“ Ritus, gehörte zu den verbissenen Feinden der Christen und war einer der hemmungslosesten Antiklerikalen. Eines Tages kaufte sich Garibaldi sogar einen „elektrischen Gürtel“, damals die neueste „Erfindung“ findiger esoterischer Geschäftsleute, um seine schwächelnde Potenz wiederzubeleben. Der „kosmischen“ Bauernfängerei gingen Scharen von Leichtgläubigen und Anhänger der pseudowissenschaftlichen Religion des Materialismus auf den Leim.

Die “okkulte Geschichte des Vaterlands” (Marco Respinti) führt geradewegs zu den Sozialismen und Faschismen, die in der Zeit nach Erreichung der italienischen Einheit das Risorgimento vollendeten, auch in Sachen Esoterik. Der Freimaurer Arturo Reghini, einer “bestimmten Rechten” nicht unbekannt, “setzt 1924 die ‚Heiligen‘ Mazzini und Garibaldi an die ideelle Spitze ‚einer imperialistischen und laizistischen, heidnischen und ghibellinischen Partei‘, entschlossen, sich der christlichen, römischen Kirche entgegenzustellen, die Mutter aller liberal-demokratischen und sozialistischen Internationalismen” sei, so Baima Bollone.

Und das Königshaus der Savoyer? Viktor Emanuel II. war ausgesprochen abergläubisch und die Königin Margherita “war offen für den Okkultismus”. Sie wünschte “genau zu wissen, wie das Jenseits ist”.

Baima Bollone äußert zudem den Verdacht, daß jemand das Risorgimento auszunützen versuchte. Verschiedene, der von ihm skizzierten Akteure hätten an Persönlichkeitsstörungen gelitten, an Persönlichkeitsspaltung und seien daher pathologische Fälle gewesen.

(BQ/Giuseppe Nardi, Bild: BQ)

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1. Bollone Baima, Pierluigi: Esoterismo e personaggi dell‘Unità d‘Italia. Da Napoleone a Vittorio Emanuele III. Priuli e Verlucca editore, Borgaro Torinese 2011