Hypatia, die Wahrheit und die ideologischen Lügen

„Die wahre Geschichte der Hypatia“ 1)Ipazia. La vera storia, Rizzoli, Milano 2010, 318 Seiten heißt der Titel des Buches der Historikerin Silvia Ronchey, über das Umberto Eco meint: „Eine Byzantinistin, die mit den Dokumenten zu arbeiten versteht, erzählt die wahre Geschichte der Hypatia, die nicht weniger faszinierend ist wie die Legenden.“

Ronchey setzte sich die Aufgabe, einer Figur historische Konturen zu verleihen, bei der Geschichte und Legende untrennbar verschmolzen sind, wie Moreno Morani in seiner Rezension schreibt, die hier wiedergegeben werden soll. Die Tochter eines ehemaligen italienischen Kulturministers und Assistenzprofessorin für Byzantinistik an der Universität Siena scheint vom 2009 erschienenen spanischen Kinofilm Agora – Die Säulen des Himmels des Regisseurs Alejandro Amenábar angeregt worden zu sein. Nicht unbedingt vorteilhaft.

Hypatia der Aufklärung, ein ideologisches Konstrukt

Über die geschichtliche Hypatia weiß man sehr wenig. Das Ungleichgewicht zwischen dem Mangel an historischen Dokumenten und der Vielzahl der seit dem späten 17. Jahrhundert, besonders jedoch seit der Aufklärung über sie verfaßten Bücher könnte kaum erdrückender sein. Zwischen der historischen Hypatia und den ideologischen Projektionen, die fast immer vom Willen vergiftet sind, eine Fiktion als Symbol zu mißbrauchen, scheinen beharrlich letztere zu obsiegen. So wird eine kaum greifbare Frau der Antike zur fast beliebig einsetzbaren Märtyrerin der Gedankenfreiheit, der christlichen Intoleranz, des Feminismus und der Wissenschaft. Kurzum, sie wurde posthum zur Säulenheiligen des Fortschritts erklärt. Diente sie zunächst protestantischen Autoren im Konflikt gegen die katholische Kirche, wurde sie spätestens seit dem Essay Hypatia in der kirchenfeindlichen Schrift Tetradymus des irischen Deisten John Toland idealisiert und die Kirche unter Mordanklage gestellt. Die antike Philosophin wurde zum antikirchlichen Kampfmittel.

Je größer die Lücken der historisch gesicherten Überlieferung, desto mehr Raum bleibt nämlich für die Ideologie. In der monumentalen Realenzyklopädie von Pauly-Wissowa, die unser Wissen über die antike Welt sammelt, finden sich nur wenige Notizen zu Hypatia und man kann feststellen, wie sich bereits in den ältesten Überlieferungen üppige, romanhafte Ausschmückungen entfalteten.

Der Name Hypatia wurde wie jener Galileo Galileis zum Sinnbild eines Kampfes zur Befreiung des Menschen von der Fessel des Christentums stilisiert, um den eine Vielzahl von Legenden ein Konstrukt geschaffen haben, das sich zu einem ideologisierten Geschichtsbild verdichtete. Einer historischen Überprüfung hält es nicht stand. Vielmehr zerrinnt dabei die „aufgeklärte“ Überlieferung wie Sandkörner zwischen den Fingern.

Wer war Hypatia wirklich?

Wer war also Hypatia wirklich? Keine Quelle gibt eine zufriedenstellende Antwort. Sie war eine Persönlichkeit der kulturellen Elite im ägyptischen Alexandria des 5. Jahrhunderts, die während eines Tumultes von einer Gruppe fanatischer Christen ermordet wurde, die von einem gewissen Petrus Lector aufgehetzt wurde. Wie sie zu Tode kam und die näheren Umstände der Ermordung sind nicht geklärt. Die antiken Quellen machen ungewisse und zudem unterschiedliche Angaben.

Die spätantike Welt des Orients war reich an Spannungen. Alexandria, damals eine wohlhabende Stadt mit einer bedeutenden kulturellen Tradition, war jedoch auch ein Hort der Unruhe und Gewalt. Ein Mikrokosmos, in dem die Gegensätze sich nicht abschwächten, sondern verstärkten. Da gab es einen immer offener zu Tage tretenden Gegensatz zwischen der Kirche, die ihre Vorrechte verteidigte, und den Vertretern der kaiserlichen Macht. Unter den Christen gab es mehrere dramatische Zerwürfnisse, die in häretischen Strömungen und Sektenbildungen mündeten.

An den Rändern der Kirche gab es extremistische Gruppen von Laien und Mönchen, die bereit waren, mehr mit den Fäusten zu handeln statt zu beten.

Das Heidentum erlebt die letzte Stufe seines Verfalls. Seine philosophischen Schulen bringen die letzten, nur mehr schwachen Denker hervor. Es gibt die Juden, mit denen die Lage sehr angespannt ist. Und es gibt die Gnostiker, die an christlichen Festtagen Parodien auf den christlichen Kultus organisieren. Trotz der akzentuiert auftretenden Gegensätze gab es auch Momente der gegenseitigen Begegnung. Das christliche Denken macht sich mehrere Elemente des Neoplatonismus zu eigen.

Im Jahr 415, als Hypatia getötet wurde, war Kyrillos I. Patriarch von Alexandria. Seine Vorgänger hatten am eigenen Leib im Kampf gegen den Arianismus erleben müssen, was es heißt, mit der kaiserlichen Gewalt in Konflikt zu geraten, die einseitig die Arianer förderte. Bischof Athanasius mußte damals ins Exil gehen. Kyrillos war ein energischer Mann von außerordentlicher Glaubensstärke. Er war Autor einer beeindruckenden Zahl von Schriften zur Verteidigung der Glaubensorthodoxie gegen die Monophysiten, die in Christus zwei voneinander getrennte Naturen, eine menschliche und eine göttliche behaupteten und die Mutterschaft Mariens lediglich auf die menschliche Natur von Christus beschränkten. Kein anderer Autor der griechischen Christenheit hinterließ mehr Schriften als Patriarch Kyrillos. Seinen Verdiensten um die Glaubenslehre entsprach nicht immer sein Geschick bei der Leitung der Diözese. Man wirft ihm mehrere ungeschickte und überzogene Maßnahmen vor, vor allem jedoch, sich nicht ausreichend von fanatischen Randgruppen distanziert zu haben.

Ihn deshalb aber zum Auftraggeber für den Mord an Hypatia zu machen, ist mehr als weit hergeholt. Zumal die Quellen eine mehr politisch als religiös motivierte Tat nahezulegen scheinen. Das Buch von Ronchey bietet mit einem umfangreichen kritischen Anmerkungsapparat, der ein Drittel des gesamten Werks umfaßt, einen Überblick über die antiken Quellen und die modernen Bearbeitungen. Die bereits erwähnten, großen Lücken in den Quellen haben Historiker der Neuzeit auf geradezu fatale Weise zu Mutmaßungen und Hypothesen verlockt, auf die andere Autoren weitere Mutmaßungen und Hypothesen aufbauten. Ein Beispiel dafür ist eine verklärende Überbewertung von Hypatias philosophischer Leistung. Die antiken Autoren waren eher skeptisch. “Eine in der Mathematik begabte Frau, aber der Bezeichnung Philosoph nicht würdig”, schrieb nicht etwa ein Christ, sondern der Heide Damaskios, ein Zeitgenosse Hypatias.

Über Hypatias Denken weiß man „rein gar nichts“

Über ihr Denken wissen wir nichts, aber rein gar nichts. Von wo Ronchey also die Gewißheit nimmt, Hypatia “suchte die Wahrheit, liebte den Zweifel, verabscheute die Manipulation” 2)Ronchey: Ipazia, Seite 11, bleibt ein Rätsel. Wenn es Roncheys Ziel war, wie sie selber schreibt, die historische Gestalt zu rekonstruieren: “Ihre wahre Geschichte auf wirklich laizistischer und freier Art und Weise zu lesen” 3)Ronchey: Ipazia, Seite 12, dann ist ihr Bemühen gründlich danebengegangen. Ein Beispiel: Die Kirchengeschichte des Sokrates Scholastikos (geb. um 380, gestorben um 440) stellt die entscheidende Primärquelle für Hypatias Tod dar. Laut Ronchey: “Auch für den Christen  Sokrates handelte es sich um eine nicht kleine Schande, die von Kyrillos und der Kirche von Alexandria begangen worden war.” 4)Ronchey: Ipazia, Seite 60 Doch Sokrates Scholastikos schrieb etwas ganz anderes. Wörtlich heißt es dort:  “Der Vorfall bedeutete eine nicht kleine Schande für Kyrillos und die Kirche von Alexandria.”

Sokrates erhebt keinerlei Anklage gegen den Bischof. Er erwähnt lediglich, daß die Ermordung Hypatias ein negatives Image für die Christen und damit für die Kirche von Alexandria bedeutete. Salopp würde man heute von einem Imageschaden sprechen.

Doch Ronchey hat keine Zweifel: “War Kyrillos schuld am Tod Hypatias? Zweifellos.” 5)Ronchey, Ipazia, Seite 133

Sie gesteht nicht einmal das Recht auf Zweifel zu. Das aufgeklärte Denken, verschanzt in Wagenburgen postulierter Gewißheiten, offenbart in jedem Kontext eine reduzierte intellektuelle Redlichkeit. Von einem Historiker dürfte man sich zumindest eine größere Zurückhaltung bei der Darstellung und Bewertung eines so delikaten Ereignisses erwarten, dessen nähere Umstände so unsicher sind. Die Tatsache, daß eine direkte oder auch nur indirekte Verantwortlichkeit Kyrillos in den zeitgenössischen Quellen mit keinem Wort erwähnt wird, nicht einmal angedeutet wird, sondern erst mehr als 100 Jahre später auftaucht, scheint für Ronchey keinerlei Rolle zu spielen.

Man könnte nun einwerfen, daß dieser spätere Überlieferungsstrang sich auf eine mündliche Überlieferung stützte. Wenn im spezifischen Fall von “mündlicher Tradition” gesprochen wird, könnte man jedoch ebenso von “Getraschte” sprechen oder gar von “Verleumdung”. Ronchey hingegen echauffiert sich 6)Ronchey: Ipazia, Seite 90, weil es in der Enciclopedia Cattolica im Eintrag für Kyrillos von Alexandria heißt: “man kann Kyrillos nicht die Tat anlasten”. Auch andere große, nicht-katholische Repertorien kommen zum selben Schluß, angefangen vom bereits genannten Pauly-Wissowa, das die Quellen auflistet und mit unbeanstandbarer kritischer Strenge anderslautende Behauptungen als kaum glaubwürdig, widersprüchlich und als unangemessene Verallgemeinerung zurückweist. Vielmehr wird ausdrücklich betont, wie unwahrscheinlich einige überlieferte Behauptungen sind (zum Beispiel jene des Damaskios,  Kyrillos habe Hypatia deren Kultur und Charisma geneidet).

Woher aber nimmt Ronchey ein so unerschütterliches Vertrauen in ihre eigenen Überzeugungen, daß ihr jede nicht mit ihrer eigenen übereinstimmende Meinung als geradezu skandalös erscheint? Ihre Auslassungen darüber, daß “der Katholizismus des 19. Jahrhunderts Kyrillos (…) 1892 (…) durch Leo XIII., einem Papst, der vom neuen, von der Freimaurerei repräsentierten Heidentum besessen war, zum Kirchenlehrer machte” 7)Ronchey, Ipazia, Seite 91 sind allemal fehl am Platz.

Die Erhebung Kyrillos zum Kirchenlehrer erfolgte wegen seiner Vertiefung der Glaubenslehre über die Menschwerdung Christi und die Mutterschaft Mariens (er verteidigte die Formulierung “Maria, Mutter Gottes” gegen die nestorianische Formel “Maria, Mutter Christi”). Sie hatte jedenfalls nichts mit seinen politischen Aktivitäten zu tun. Für Ronchey “wird der Monophysit Kyrillos heiliggesprochen. Sein unantastbarer häretischer Geist überlebt unerbittlich.” 8)Ronchey: Ipazia, Seite 35

Roncheys Rätsel

Woher sie die Behauptung nimmt, Patriarch Kyrillos sei Monophysit gewesen, ist mehr als rätselhaft. Sie grenzt an eine Groteske. Sowohl die katholische Kirche (man denke nur an die Katechese von Papst Benedikt XVI. vom 3. Oktober 2007), die orthodoxen Kirchen sowie die koptische und die armenische Kirche ehren ihn als unbeugsamen Verfechter der Rechtgläubigkeit. Die Anglikaner erhoben ihn zum Glaubenslehrer und im syrischen Ritus wird er als “Turm der Wahrheit” und “Vermittler des fleischgewordenen Wortes Gottes” gegrüßt.

Ronchey unterstellt der Kirche in ihrem Buch mehrfach, sich in Bereiche “einzumischen”, die ihr nicht zustünden. Um so mehr hätte sie Grund, sich jeder Einmischung in kirchliche Angelegenheiten zu enthalten. Welche Autorität hat sie denn, um zu bestimmen, was häretisch ist und was nicht? Endgültig versteigt sich Ronchey im Dickicht ideologischer Vorurteile, wenn sie von einer “allgemeinen und jahrtausendelangen Vertuschung durch die Kirche von Rom” fabuliert. Ebenso wenn sie beklagt, daß “trotz der Entschuldigungen und der Bitten um Vergebung, die am Ende des 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts mehr oder weniger gegenüber allen” ausgesprochen worden seien, es bis heute noch keine “Entschuldigung” der Kirche für den Mord an Hypatia und keine Distanzierung von Kyrillos gebe. 9)Ronchey: Ipazia, Seite 92f Wofür aber sollte sich die Kirche von Rom entschuldigen?

Ein Buch, das Voruteile bestätigen soll

Wenn eine Randgruppe fanatischer Christen von Alexandria in einem Moment extremer Spannungen brutal eine Frau tötet, handelt es sich sicher um ein verabscheuungswürdiges Verbrechen. Welche Verantwortung jedoch den Bischof von Alexandria dafür trifft oder gar die Kirche von Rom führt Ronchey nicht aus. Ihr geht es darum, die Kirche anzuklagen und mit selbstgestrickten Anschuldigungen zu diskreditieren. Sie setzt damit jenen wichtigsten Interpretationsstrang der Neuzeit fort, der seit der Aufklärung im tragischen Tod einer historisch bestenfalls schemenhaft greifbaren Gestalt vor allem ein probates Kampfmittel gegen die katholische Kirche im engeren Sinn und gegen das Christentum im weiteren Sinn sieht.

Das Buch der Historikerin Silvia Ronchey bietet eine breite Darstellung der Quellen, die bei kritischer Betrachtung das genaue Gegenteil dessen belegt, was die Autorin behauptet. Unter dem Mantel einer nur scheinbaren Objektivität liefert sie jedoch eine verzerrte Lesart. Fast auf jeder Seite tritt dem Leser ihre feindliche, von Vorurteilen gegen die Kirche geprägte Gesinnung entgegen. Deshalb scheint das Buch auch in erster Linie für jene geschrieben zu sein, die nicht die Wahrheit erfahren wollen, sondern in ihren Vorurteilen bestätigt werden wollen.

(BQ/Giuseppe Nardi, Bild: BQ)

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Referenzen   [ + ]

1. Ipazia. La vera storia, Rizzoli, Milano 2010, 318 Seiten
2. Ronchey: Ipazia, Seite 11
3. Ronchey: Ipazia, Seite 12
4. Ronchey: Ipazia, Seite 60
5. Ronchey, Ipazia, Seite 133
6. Ronchey: Ipazia, Seite 90
7. Ronchey, Ipazia, Seite 91
8. Ronchey: Ipazia, Seite 35
9. Ronchey: Ipazia, Seite 92f