Fra Diavolo und der (vergessene) katholische Widerstand gegen Revolution, Jakobiner und Napoleon

von Giuseppe Nardi

(Rom) Der katholische Widerstand gegen die französische Revolution und später Napoleon Bonaparte findet in der allgemeinen Geschichtsschreibung wenig Beachtung oder verschwindet hinter anderer Widerstandsmotivation. Dabei durchzog eben dieser Widerstand weite Teile des katholischen Europas als Volks- und Massenbewegung und war auf der psychologischen Ebene wirkmächtiger als der Widerstand der Staaten.

Den Anfang machte 1793 die französische Vendée, die das Herz Jesu zum Symbol wählte. Es folgten ab 1796 im deutschen Sprachraum vor allem Tirol, dessen Widerstand sich ebenfalls unter das Herzen Jesu stellte, und ab 1808 Spanien.

Weitgehend unbekannt ist hingegen der Widerstand der Italiener gegen das jakobinische Regiment. Genauer muß von einer Vielzahl von Aufständen gesprochen werden. Kaum jemand erinnert sich noch an die Taten des Fra Diavolo oder Kardinal Ruffos. Dabei handelte es sich auch auf der Apenninenhalbinsel um ein Massenphänomen, das alle historischen Regionen Italiens erfaßte. Die italienische Historiographie zieht es bis heute vor, dieses Kapitel zu ignorieren. „Dies gilt in jakobinischer Tradition sowohl für die liberalen als auch die marxistischen Historiker“[1], so der Historiker Massimo Viglione. In den Schulbüchern sucht man vergebens zumindest nach einer Fußnote. In Fachkreisen wurde das Phänomen bestenfalls eilig abgehandelt, wenn nicht gar geleugnet. Wo die Erhebungen dennoch Erwähnung fanden, wurden sie bäuerlicher Rückständigkeit und klerikalem Fanatismus zugeschrieben, die Aufständischen häufig als Subproletariat oder gar als Briganten oder Kriminelle dargestellt.  Deshalb stellte Ettore Beggiato in seinem 2009 erschienenen Buch über die antifranzösische Erhebung in Venetien: „1809: der venetianische Aufstand. Der Kampf gegen Napoleon im Land des Heiligen Markus[2] die Frage voran: „Banditen oder venetianische Patrioten?“

Katholische Widerstandskämpfer als „Briganten“ diffamiert

Als „Briganten“ hatten die Jakobiner bereits ihre katholischen Gegner der Vendée beschimpft. Die Bezeichnung „Briganten“ für die italienischen Aufständischen geht auf das Frühjahr 1797 zurück und stammte von Napoleon selbst. Er bezeichnete damit die antifranzösischen, venetianischen Emigranten, die sich über die Grenze in den italienischen Teil Tirols geflüchtet hatten und dort den Widerstand der Tiroler unterstützen. Mit dem verächtlichen Begriff sollten die Gegner des revolutionären Frankreich und der einheimischen Jakobiner diskreditiert werden. Massimo Viglione spricht von einem „ideologischen Winkelzug“[3], der bis heute nachwirke.

Das Standardwerk  zum Thema (bis 1999) stammte vom französischen Historiker Jacques Godechot: La contre-révolution (1789-1804), das 1961 in Paris erschienen war. Godechot untersuchte nur den Zeitraum bis 1804, obwohl der Widerstand bis 1813 bzw. 1815 dauerte. Er bemühte sich, die Ursachen für den Widerstand auf lokale Gegebenheiten zu reduzieren und das gemeinsame Anliegen, das Christentum zu verteidigen, auszublenden. Die Tragweite der Aufstände spielte er ebenso herunter, wie er einige Aufstandsgebiete gänzlich ignorierte.[4]

„Doch auch solche Vernachlässigungen oder gar Beleidigungen können uns etwas mitteilen“, schrieb Roberto Cavallo. „In diesem Fall zeigen sie indirekt eine außergewöhnliche Verbundenheit und Interessensübereinstimmung auf, die zwischen 1796 und 1815 Kirche und Volk einten.“

Erst der Historiker Massimo Viglione von der Universität Cassino legte 1999 mit dem Buch „Vergessene Aufstände. Die Erhebungen der Italiener von den Anfängen bis 1815“,[5] die erste umfassende Darstellung des antirevolutionären, katholischen Widerstandes in Italien zwischen 1796 und 1815 vor.

Italien bestand im ausgehenden 18. Jahrhundert aus mehreren souveränen Staaten. Seit dem Frieden von Aachen von 1748 durchlebte die Halbinsel eine lange Friedenszeit. Die neuen Ideen der Aufklärung fanden gerade erst bescheidenen Eingang an Fürstenhöfen, etwas mehr in den Salons eines aufstrebenden Bürgertums, das begierige Blicke auf den Kirchenbesitz geworfen hatte.

Als die französischen Revolutionstruppen 1792 erstmals italienischen Boden betraten, bereiteten sie nicht nur einer langen Friedensphase ein Ende, sondern stießen wegen ihrer schrankenlosen Kirchenfeindlichkeit und der ihrer jakobinischen Verbündeten in Italien bald auf Widerstand. Sie lösten in allen Staaten bewaffnete Erhebungen zur Verteidigung der katholischen Religion, aber auch der gefangengenommenen und verschleppten Päpste Pius VI. und Pius VII., aus.

Die italienischen Jakobiner gehörten fast ausnahmslos dem wohlhabenden Bürgertum an. Sie entstammten jenem Teil des  Bürgertums, der sich selbst für „erleuchtet“ hielt und danach strebte, die neue Führungsschicht der Halbinsel zu werden. Wohin die revolutionären Franzosen kamen, leerten sie die Kassen der italienischen Staaten und plünderten die Kirchen, Pfandhäuser und sogar die Krankenhäuser. Dazu gesellte sich das drückende Joch neuer Steuern, mit denen das sich im Dauerkriegszustand befindende französische Heer finanziert werden sollte. Nach drei Jahren jakobinischer Herrschaft erreichte der Widerstand seinen Höhepunkt mit einer allgemeinen Erhebung, an der nach jüngsten Schätzungen rund 300.000 Italiener in Waffen beteiligt waren, von denen mindestens 100.000 ihr Leben verloren. Insgesamt liegen die Zahlen noch wesentlich höher. Mehr als 60.000 katholische Kämpfer (Opfer an Frauen und Kindern gar nicht gezählt) fielen allein dem französisch-jakobinischen Schreckensregiment im Königreich Beider Sizilien zum Opfer.

Als sich das Blatt wendete, schrieb die von den Lazzaren in Neapel belagerte Jakobinerin Eleonora de Fonseca Pimentel in einem Hilferuf an den französischen Revolutionsgeneral Jean-Etienne Championnet den bezeichnenden Satz: „Nicht die Nation, sondern das Volk ist gegen die Franzosen.“ Viglione erklärte dazu: „Das ist ein beeindruckender Satz, denn er sagt letztlich aus: Wir 30 Eingeschlossenen hier drinnen sind die Nation, die vier Millionen dort draußen sind das Volk und zählen nichts.“[6]

Fra Diavolo, Massa Cristiana, Viva Maria und Sanfedisten

Nach einigen Darstellungen über einzelne Aufstandsgebiete in den vergangenen 20 Jahren, bietet Massimo Vigliones Buch eine erste Zusammenschau aller italienischen Erhebungen. Ein kurzer Blick auf die politische Landkarte macht das Ausmaß dieses katholisch motivierten Widerstandes sichtbar: im Herzogtum Piemont und dem habsburgischen, zum Heiligen Römischen Reich gehörenden Herzogtum Lombardei (der kaiserliche Major Branda de Lucioni an der Spitze der katholischen Bewegung der Massa Cristiana), in der Seerepublik Venedig (mit dem berühmten „Veroneser Ostern“), im Großherzogtum Toskana und der Seerepublik Genua (die „Viva Maria“, die das Wappen der Gottesmutter auf ihren Mützen trugen), in den Kirchenstaaten und den Herzogtümern der Emilia (mit dem Ruf „Viva il Papa, viva Gesù e Maria“), im Königreich Beider Sizilien (mit Fra Diavolo, den „Lazzaren“ oder „Lazzaroni“ und den Sanfedisten von Kardinal Fabrizio Ruffo). Nicht nur in den Kirchenstaaten, sondern auch darüber hinaus wurde das päpstlicher Banner zum eigentlichen Symbol des italienischen Widerstandes. Nicht vergessen sei auch Welschtirol, der italienische Süden der habsburgischen Grafschaft Tirol mit den Zentren Trient und Rovereto (heute Trentino), das sich aktiv an den Tiroler Abwehrkämpfen von 1796/1797 und 1809 am Tiroler Freiheitskampf unter Andreas Hofer beteiligte.

Der Historiker Massimo Viglione gelangte zum Schluß: „Die Italiener waren sich vollkommen bewußt, daß die Französische Revolution ein Krieg gegen die Kirche und die traditionelle europäische Gesellschaft war.“


[1] Il Popolo contro i Giacobini, Interview mit Massimo Viglione in: Avvenire v. 19.02.1999

[2] Beggiato, Ettore: 1809 – l‘insorgenza veneta. La lotta contro Napoleone nella Terra di San Marco. Editrice Veneta, Vicenza 2009

[3] Il Popolo contro i Giacobini

[4] Agnoli, Francesco Mario: La Controrivoluzione in Italia, in: Studi Cattolici, n. 335, gennaio 1989, S. 31-35

[5] Viglione Massimo: Rivolte dimenticate. Le insorgenze degli italiani dalle origini al 1815. Roma 1999; derselbe auch: Le insorgenze. Rivoluzione & Controrivoluzione in Italia. 1792-1815, Milano 1999

[6] Il Popolo contro i Giacobini



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