Europa und der Islam nach dem Attentat auf die Kopten in Alexandria in Ägypten

von Samir Khalil Samir

Das Attentat auf die Kirche der Heiligen in Alexandria in Ägypten am 31. Dezember um Mitternacht zeigt mit immer größerer Brutalität eine wachsende Christenfeindlichkeit in der islamischen Welt (und nicht nur dort). Es ist wichtig diese Gewalttaten anzuklagen, es sind aber auch konkrete Schritte zu setzen.

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Fakten: Die ägyptischen Moslems werfen der koptischen Kirche und deren Patriarchen Shenouda III. vor, zwei Frauen in Klöstern in Ägypten gefangenzuhalten, die zum Islam bekehrt worden seien. Dieser vollkommen haltlose Vorwurf wurde am Tag des Attentats, dem 31. Dezember erneut erhoben. In der nur 200 Meter von der angegriffene Kirche entfernten Moschee fand mittags nach dem Gebet des Imams eine Kundgebung von Moslems statt, die die Freilassung der beiden Frauen und anderer forderte.

Seit vier Jahre geht diese Geschichte schon weiter. Die beiden Frauen, Wafa’ Costantine und Camelia Shehata, Ehefrauen von zwei koptischen Priestern, hätten Eheprobleme gehabt. Sie hätten sich zum Islam bekehrt und seien daraufhin von der Kirche entführt und versteckt worden. Wahr ist, daß die Frauen Eheprobleme hatten, nicht aber daß sie zum Islam konvertierten. Selbst der verstorbene Leiter der Al-Azhar-Universität, Tantawi, hatte festgestellt, daß es keinen Beweis ihrer Konversion gibt. Erst danach wurden die Frauen aus Angst vor einer möglichen Entführung durch islamische Bewegungen der Kirche anvertraut und von dieser ihnen Unterkunft in Klöstern gewährt. Doch die Geschichte kehrt in Abständen immer wieder. Sogar nach dem Attentat auf die syrisch-katholische Kathedrale von Bagdad am 31. Oktober 2010 rechtfertigte die Terrorgruppe, die sich zum Anschlag bekannte, das Massaker an den Christen auch mit dem Fall der beiden ägyptischen Frauen.

Das alles ist absurd. Gestern [vorgestern, Anm. d. Red.] nahm ich an einem Online-Forum der islamischen Zeitung Al-Mesriyyun, über das Attentat auf die Kirche in Alexandria teil. Anstatt die christlichen Opfer des Attentats zu bedauern usw. sagten alle – mindestens 60 Teilnehmer – daß „die Kopten schuld“ seien, und zitierten als Begründung:den Fall der beiden Frauen; daß der Angriff auf die Kirche von den Kopten selbst organisiert worden sei „um uns vor der Welt schlecht dastehen zu lassen“; daß das Attentat von den USA organisiert worden sei, oder vom Mossad. Ich versuchte mit einem kurzen Beitrag an der Debatte teilzunehmen, der aber nicht veröffentlicht wurde. In den wenigen mir zugestandenen Zeilen, fragte ich, mit welchem Recht man zur Konversion zwingt. Die Konversionen sind ein Faktum, das in Ägypten verschwiegen wird, wo die Konversionen zum Islam leichtgemacht, jene zum Christentum oder anderen Religionen hingegen mit Gewalt verhindert werden.

Der Imam der Al-Azhar

In dieser Stimmung wird die Reaktion gegen Ahmed Al-Tayyeb, den derzeitigen Iman der Al-Azhar verständlich, der den koptischen Partriarchen Shenouda III. aufsuchte, um ihm sein Beileid auszudrücken. Immer wenn in Ägypten ein Attentat stattfindet, gibt es diese etwas formalen Besuche, um zu sagen, daß wir uns seit jeher verstehen, und daß wir „die nationale Verständigung nicht verstören“ sollen. Tausende Christen demonstrierten vor dem Patriarchat und forderten mehr Schutz für die Christen. Es ist naheliegend, daß die Gläubigen mit Sprechchören und Steinwürfen auf das Auto des islamischen Vertreters reagierten. Man muß wissen, was die Moslems tun. In den vergangenen drei Monaten wurden mehrfach Bilder von Patriarch Shenouda öffentlich zertreten und zerstört. Es existiert eine Liste mit 200 Namen von Kopten, die getötet werden sollen, an erster Stelle steht der Patriarch. Unter ihnen befinden sich 100 Namen von Kopten, die in Kanada, Österreich, Deutschland und anderen europäischen Ländern leben: „Es ist erlaubt, ihr Blut zu vergießen“, heißt es. Auch die Motive für diese Gewalt ist die Besessenheit wegen der Konversionen.

Die Regierung in Kairo erklärt, daß das Attentat auf die Kirche in Alexandria von ausländischer Seite verübt worden sei. Und in gewisser Hinsicht ist das auch wahr: die mit Al-Kaida verbundene irakische Terrorgruppe, die sich zum Angriff auf die Kathedrale von Bagdad am 31. Oktober bekennt, drohte weitere Gewalt an, bis die beiden ägyptischen Frauen nicht der islamischen Gemeinschaft übergeben werden. Al-Kaida, deren Chef Al Zawahiri ein Ägypter ist, ist faktisch eine mafiaähnliche terroristische Krake mit internationalen Verzweigungen.

Der Imam von Al-Azhar kritisierte den Papst, der die Regierungen der Welt auffordert habe, die Christen zu verteidigen, sich aber nicht um die im Irak getöteten Moslems kümmere. Daß eine als moderat geltende und gelehrte Persönlichkeit wie er – er beherrscht verschiedene Sprachen und hat in Paris studiert – solche Worte gegen den Papst geäußert haben soll, ist inakzeptabel: Er kritisierte den Papst ohne jede Kenntnis, indem er nur auf die Schlagzeilen der Presse schaute. 1)Ahmed al-Tayyeb, Imam von Al-Azhar, kritisierte den Papst, der in seiner Predigt am 1. Januar seiner Meinung nach lediglich den Schutz der Christen gefordert habe. „Ich bin nicht mit der Meinung des Papstes einverstanden und frage, warum der Papst nicht den Schutz der Moslems gefordert hat, als diese im Irak umgebracht wurden?“
In Wirklichkeit hatte der Papst gesagt: „Angesichts der bedrohlichen Spannungen des Augenblicks, insbesondere angesichts der Diskriminierungen, der Übergriffe und religiösen Intoleranz, die heute in besonderer Weise die Christen treffen, fordere ich noch einmal dringlich auf, nicht der Mutlosigkeit und der Resignation nachzugeben. Ich fordere alle auf, dafür zu beten, dass die Anstrengungen, die von mehreren Seiten unternommen worden sind, um den Frieden in der Welt zu fördern und aufzurichten, zu einem glücklichen Abschluss gelangen.“ Wahr ist, daß viele Zeitung mit der reduzierenden Schlagzeile titelten: „Der Papst fordert von Regierungen Schutz der Christen“.

In Wirklichkeit gibt es an der Rede des Papstes nichts zu bemängeln. Benedikt XVI. erinnerte lediglich daran, daß die Gewalt gegen den Menschen gegen den Willen Gottes verstößt. Es ist selbstverständlich, daß er darum bat, den Christen zu helfen, nachdem es ja um die Ereignisse in der Nacht zuvor ging. Und selbst wenn er den Schutz der Christen gefordert hätte, was wäre daran ein Skandal? Wenn die Regierungen des Nahen Ostens nicht fähig sind, sie zu verteidigen, weil sie nicht wollen oder weil sie nicht können, dann muß die Welt etwas unternehmen, welchen Sinn hätten sonst die Vereinten Nationen und andere internationale Versammlungen?

Es ist ebenso lächerlich zu sagen, wie es der Imam von Al-Azhar getan hat, der Papst habe nie die Moslems im Irak verteidigt. Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben die amerikanische Militärintervention im Irak weder jemals gutgeheißen noch erklärt, daß sie zulässig sei. Zudem muß gesagt werden, daß die Moslems häufig von anderen Moslems angegriffen und getötet werden. Der Papst kann die Gewalt verurteilen und sagen, daß die Intoleranz besiegt werden und Schluß sein muß damit, die Gewalt im Namen Gottes zu rechtfertigen. Und das hat der Papst unzählige Male getan.

Das Schicksal Europas und des Nahen Ostens

Einige Beobachter warnen vor den Versuchen im Westen, diese ganze Gewalt gegen die Christen zu instrumentalisieren. Tatsächlich erheben in vielen europäischen Ländern die Moslems immer weitergehende Forderungen, die sie zudem als ihre „Rechte“ einfordern. Sie tun damit Ungewohntes und niemand sagt etwas. Zum Beispiel: in Frankreich und in Italien besetzen Moslems am Freitag öffentliche Straßen und Plätze für ihr Gebet und blockieren ringsum den ganzen Verkehr.

Der Islam in Europa fordert immer mehr und die Regierungen wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen. Ein Teil von ihnen tut sich schwer sich zu integrieren. Die große Mehrheit der Moslems will Frieden, will sich integrieren, doch unter ihnen befinden sich Personen, die ein anderes Ziel verfolgen: Wir haben auch in Europa nach unserem Gesetz, der Scharia zu leben, und ihr hindert uns daran. Vor einigen Jahren antwortete der Chef der Mailänder Moschee im Viale Jenner auf eine Frage zu den Konvertiten zum Christentum in Ägypten. „Es genügt, das Gesetz anzuwenden. Das bedeutet die Tötung der Konvertiten. Wenn ihr dessen Anwendung verurteilt, blockiert ihr unsere Religionsfreiheit“, sagte der Moslem. Solche Positionen und die Forderung nach Anwendung der islamischen Scharia erzeugt Probleme in Frankreich, Italien, Dänemark usw.

Es ist möglich, daß die europäischen Regierungen die Gewalt gegen Christen dazu nützen, um die islamische Einwanderung zu blockieren. Es ist ebenso möglich, daß Israel diese Gewalt gebraucht, um den Rassismus zu rechtfertigen, der immer mehr in der israelischen Gesellschaft auftaucht. Aber die Gewalt gegen Christen ist eine Tatsache, die alle Tage stattfindet und das Ziel verfolgt, sie aus dem Nahen Osten zu vertreiben. In Ägypten stehen Attentate und Morde auf der Tagesordnung.

Der Dialog, um Laizismus und Fundamentalismus zu besiegen

Aus diesem Grund beginnen einige europäische Staaten „Schluß damit!“ zu sagen. Es wächst das Bewußtsein, daß etwas getan werden muß. Es ist wahr, daß Gewalt gegen die Christen in China, Vietnam oder Laos nicht öffentlich verurteilt wird, außer gelegentlich. Der Nahe Osten ist Europa eben viel näher und das Problem eines Zusammenlebens mit dem Islam ist ein europäisches Problem. Ich freue mich über die einhellige Antwort der internationalen Gemeinschaft auf die Frage der Kopten in Ägypten. Was in dieser Sache besonders beeindruckt, ist die völlige Unschuld der Kopten: Was haben sie getan, um einen so blutigen Angriff zu verdienen? In anderen Gegenden, Palästina, Irak, Libanon, finden Kriegshandlungen statt; aber hier in Ägypten gibt es nichts dergleichen; es handelt sich daher um eine gewalttätige und grundlose Aktion, die allein durch die „Konversionen“ motiviert war und dies gerade, als wir alle die Religionsfreiheit verlangten mit der Botschaft des Papstes zum Weltfriedenstag.

Das Attentat von Alexandria ist ein Akt gegen die Religionsfreiheit. Aber im Namen der Scharia begreifen die Moslems nicht den Wert der Menschenrechte. Sie stehen über jedem irdischen Gesetz und jeder Tradition, auch über der Scharia.

Es muß erwähnt werden, daß diese Gewalttaten auch den Westen herausfordern. Der Papst sagte in seiner Ansprache vom 1. Januar, daß es nicht nur Worte, sondern Taten braucht. Ich denke, daß es notwendig ist, mit den islamischen Staaten oder den Staaten des Nahen Osten beziehungsweise mit jenen, wo es zur Gewalt gegen die Religionsfreiheit kommt, zu verhandeln.
Es lohnt nicht, Druck auszuüben, denn die Staaten würden ihn als zu starke Einmischung auffassen. Auch der amerikanische Vorschlag, mit dem Islam zusammenzuarbeiten, den Barack Obama machte, löst keinen Enthusiasmus aus, weil amerikanische Vorschläge sich schnell in Kolonialismus verwandeln.

Der entscheidende Punkt ist, daß die Beziehungen zu diesen Ländern nicht nur ökonomisch, sondern auch kulturell sein sollten. Ein Aspekt dieses Dialogs sollte es sein, die Kritik der Fundamentalisten an der westlichen Kultur ernst zu nehmen, die sie als atheistisch wahrnehmen. Die fundamentalistische Kritik strotzt von Irrtümern, findet aber seine Grundlage in der Realität. Sie sehen, daß der Westen eine irreligiöse Kultur fördert. Und tatsächlich ist der Westen entweder neutral, gleichgültig oder sogar gegen die Religionen. Die Fundamentalisten fördern hingegen eine religiöse islamische Kultur.

Es gilt einen Mittelweg zu finden, der zwischen den beiden Extremen zu agieren weiß: zwischen dem laizistischen Westen, in dem es keinen Platz für die Religion gibt oder der islamisch-fundamentalistischen Art, in der die Religion auch mit Gewalt in alle Lebensbereiche eindringt: Gebet, Arbeit, Sexualität, Familie, usw.

Beim Angelus am 1. Januar sagte der Papst:
„Man darf nicht vergessen, daß der religiöse Fundamentalismus und der Laizismus spiegelbildlich einander gegenüberstehende extreme Formen der Ablehnung des legitimen Pluralismus und des Prinzips der Laizität sind. Beide setzen nämlich eine einengende und partielle Sicht des Menschen absolut, indem sie im ersten Fall Formen von religiösem Integralismus und im zweiten von Rationalismus unterstützen. Die Gesellschaft, die die Religion gewaltsam aufzwingen oder – im Gegenteil – verbieten will, ist ungerecht gegenüber dem Menschen und Gott, aber auch gegenüber sich selbst. Gott ruft die Menschheit zu sich mit einem Plan der Liebe, der den ganzen Menschen in seiner natürlichen und geistlichen Dimension einbezieht und zugleich eine Antwort in Freiheit und Verantwortung erwartet, die aus ganzem Herzen und mit der ganzen individuellen und gemeinschaftlichen Existenz gegeben wird.“
Ich meine, daß der Papst wirklich recht hat. Wir weisen sowohl den Fundamentalismus als auch den Laizismus zurück.

(Asianews/Übersetzung: Giuseppe Nardi, Bild: Asianews)

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1. Ahmed al-Tayyeb, Imam von Al-Azhar, kritisierte den Papst, der in seiner Predigt am 1. Januar seiner Meinung nach lediglich den Schutz der Christen gefordert habe. „Ich bin nicht mit der Meinung des Papstes einverstanden und frage, warum der Papst nicht den Schutz der Moslems gefordert hat, als diese im Irak umgebracht wurden?“
In Wirklichkeit hatte der Papst gesagt: „Angesichts der bedrohlichen Spannungen des Augenblicks, insbesondere angesichts der Diskriminierungen, der Übergriffe und religiösen Intoleranz, die heute in besonderer Weise die Christen treffen, fordere ich noch einmal dringlich auf, nicht der Mutlosigkeit und der Resignation nachzugeben. Ich fordere alle auf, dafür zu beten, dass die Anstrengungen, die von mehreren Seiten unternommen worden sind, um den Frieden in der Welt zu fördern und aufzurichten, zu einem glücklichen Abschluss gelangen.“ Wahr ist, daß viele Zeitung mit der reduzierenden Schlagzeile titelten: „Der Papst fordert von Regierungen Schutz der Christen“.

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