Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio und die Kampagne gegen die Kirche

Ein Kommentar von Josef Bordat

Ich schätze Juristen, für ihre Fähigkeit, Dinge präzise auf den Punkt zu bringen und dennoch abzuwägen und sehr differenziert zu urteilen. Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio hat in diesem Duktus eine sehr interessante Rede zur medialen Rezeption des sexuellen Mißbrauchs in kirchlichen Einrichtungen gehalten. Bei der Auftaktveranstaltung zum diesjährigen Juristentag warnte Di Fabio vor einer „antikirchlichen Grundstimmung“, die sich in einer „kulturkämpferischen Frontstellung“ und in „abgeschmackter Instrumentalisierung“ zeige.

Er rügte den „fordernden Ton, die üble Konnotation einer Kollektivschuld von Kirchen, den kaum beweisbaren Hinweis auf die Ursache des Zölibats bei Sexualdelikten von Geistlichen“ und kritisierte den Vorwurf, die Kirche biete „Schonraum für unsittliches, gewalttätiges, rechtswidriges Handeln“.

Tatsächlich besteht die Gefahr, daß Medien ihre Macht mißbrauchen und durch einseitige Berichterstattung polarisieren. Tatsächlich lassen sich die ersten bitteren Früchte dieser verantwortungslosen Kampagne jetzt schon ernten, einer beispiellosen Hetze, die wider besseren Wissens den Eindruck vermittelt, der Mißbrauch sei katholisch.

Nur drei Belege für die aufgegangene Saat:

  1. In (meist anonymen) Kommentaren in den Blogs und Foren meinungsbildender und wirkmächtiger Medienorgane ist immer wieder von der Kirche als „krimineller Vereinigung“, „Verbrecherorganisation“, „Terror-Regime religiöser Fanatiker“ und ähnlich dumm-dreisten Schmähungen die Rede (Und das, wo die Kirche mit 1,5 Millionen Priestern, Ordensleuten und ihren Mitarbeitern tagtäglich mehreren hundert Millionen Menschen in allen Teilen der Welt Nahrung, Kleidung, Bildung und Wohnung gibt und damit Hoffnung schenkt, in einem aufopferungsvollen Leben an der Seite derer, an deren Seite sonst keiner leben will!).
  2. Die Umfrage „Deutschlandtrend“ vom 19. März 2010 liefert das erschütternde Ergebnis, daß 9 Prozent der Deutschen sicher sind, daß Mißbrauch ausschließlich in kirchlichen Einrichten vorkommt (Und das, wo 99 Prozent aller Mißbrauchsfälle dort gerade nicht vorkommen!).
  3. Zunehmend entlädt sich die Pogromstimmung in ganz banaler Gewalt gegen Kirchen, die dann medial in unerträglicher Weise heruntergespielt wird, wenn sie den Medien überhaupt eine Notiz wert sind (Und das in einem Land, in dem schon einmal Gotteshäuser in Flammen standen, nachdem jahrlang der absurdeste Kollektivverdacht gegen die Gläubigen wachgehalten wurde, die dort zu beten pflegten!).

Man muß Di Fabio insoweit dankbar sein, diese Art von Journalismus deutlich kritisiert zu haben.

Zugleich ermahnte Di Fabio die Kirche, offen mit den Mißständen umzugehen. Er sehe, so der Jurist, eine „seltsame Unfähigkeit“ mancher Kirchenvertreter, glaubhaft und deutlich das Maß an Sünde bis hin zu moralischer Verwahrlosung in den Reihen zu benennen und frage sich, ob nicht der Anspruch auf ein „sichtbares Zeichen des Mitgefühls mit den Opfern“ bestehe, gerade weil die Kirche „eine der ganz großen moralischen Autoritäten“ sei. Ja, dieser Anspruch besteht. Ich habe den Eindruck, daß die meisten Kirchenvertreter das auch so sehen.

Allerdings habe ich auch den Eindruck, daß die Kultur des Mißtrauens, die haltlose Vorurteile und Unterstellungen in den Medien heraufbeschworen hat, einige Kirchenvertreter davon abhält, ihre Einsicht öffentlich umzusetzen. Sie gehen diesen Schritt lieber im Verborgenen als in der permanent desinformierenden medialen Öffentlichkeit, da sie dort ohnehin dem Verdacht ausgesetzt werden, ihn nicht ernst zu meinen. Offenbar teilt Di Fabio meinen Eindruck, denn er frage sich, warum manche schon um die „Unernsthaftigkeit“ wüßten, wenn Papst Benedikt XVI. von Schmerz und Schande angesichts von Mißbrauch spreche. Es ist wohl eine Art culpa a priori, die in Kirchenangelegenheiten heute von, so Di Fabio, „manchen“ (ich meine: von viel zu vielen!) kultiviert wird.

Es drohe, so der Verfassungsrichter, ein Kampf zwischen einfach gestrickten Aufklärern mit antiklerikalen Affekten auf der einen und manchmal ebenso wenig reflektierenden Gegnern auf der anderen Seite. Und dieser Kampf drohe „erneut“. In der Tat hat Deutschland viel Erfahrung im Kampf gegen Rom. Hier sind beide Seiten gefordert, es nicht soweit kommen zu lassen: die Kirche und die mediale Öffentlichkeit. Das ist eine Frage von Stil und Substanz. Es geht darum, im richtigen Moment das Richtige in richtiger Weise zu schreiben. Solange nicht klar ist, was richtig ist, ist es besser zu schweigen. Das Problem ist nur: Journalisten werden dafür nicht bezahlt.

(Foto: claudiarndt / photocase.com)

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