Ethik, Moral und Religion. Hintergründe zum Berliner Kulturkampf

von Josef Bordat

In Berlin tobt ein Kulturkampf um den Religionsunterricht. Soll dieser (wie bisher) nachmittags und unbenotet ein Schattendasein fristen, während der Ethikunterricht als Pflichtprogramm erteilt wird oder soll es (wie dies die Initiative „Pro Reli“ durchsetzen will) einen Wahlpflichtbereich Ethik/Religion geben, wo sich jede Schülerin und jeder Schüler ihren bzw. seinen Unterricht aussuchen kann. Die Wertevermittlung bleibt dabei allgemeinverbindlich, die Art und Weise variiert. Einige Hintergründe dieses Kulturkampfs.

I Der Unterschied zwischen Ethik und Moral

Philosophie und Lebenswelt haben oft nicht viel miteinander zu tun. Bei der Ethik als Teildisziplin der praktischen Philosophie ist das anders: Ihr ist gerade daran gelegen, die kollektiven und individuellen Moralentwürfe im Alltag der Menschen kritisch zu untersuchen. Damit ist zugleich etwas über den Unterschied zwischen Ethik und Moral gesagt, über Begriffe, die häufig fälschlicherweise synonym gebraucht werden.

Es geht bei Ethik und Moral um zwei Ebenen des Diskurses über menschliches Verhalten: Die Ethik stellt Bedingungen der Möglichkeit einer moralischen Beurteilung dieses Verhaltens auf, die Moraltheorien. Davon gibt es eine ganze Menge, die man nach bestimmten Kriterien ordnen kann, zumeist nach den Prinzipien, die ihnen zugrunde liegen („Streben“, „Sollen“). Moraltheorien ihrerseits liefern vernünftige Beurteilungskriterien für denjenigen, der sie anerkennt. Ein Mensch handelt dann im konkreten Fall moralisch, wenn er sich im Einklang mit dem allgemeinen Prinzip der Moraltheorie befindet. Sprechen wir über Ethik, dann suchen wir Fehler in den Moraltheorien, indem wir ihre Prinzipien auf Begriffe wie Verallgemeinerbarkeit, logische Kohärenz, Vereinbarkeit mit anderen normativen Systemen (Wissenschaft, Recht, Religion usw.) etc. beziehen; urteilen wir hingegen über Moral, suchen wir Fehler im konkreten Verhalten eines Menschen (im Hinblick auf eine anerkannte Moraltheorie).

Moralische Sachfragen („Ist es moralisch gut, Terroristen vor der Ausübung ihrer Arbeit zu töten?“, „Ist es moralisch gut, außerhalb des Ehestandes sexuelle Beziehungen zu unterhalten“?, „Ist es moralisch gut, Pflanzen/Tiere/Menschen zu klonen?“ usw.) lassen sich bezogen auf eine Moraltheorie beantworten (Frage zwei in Bezug auf die Morallehre der katholischen Kirche etwa mit einem deutlichen „Nein!“). Ethische Reflexion hat nun die Aufgabe, die Moraltheorie, die zu dieser Antwort führt, zu analysieren.

Zunächst müßte dazu – ich bleibe im Beispiel – die moraltheoretische Argumentation selbst untersucht, also der Frage nachgegangen werden, wie sich das Prinzip einer speziellen Morallehre (hier: der Sexualmoral) in die Struktur der grundlegenden Prinzipien der katholischen Morallehre einbettet (also: in das Menschenbild) und ob die Spezialnorm innerhalb dieses Normensystems richtig abgeleitet ist. Hier geht es um die Begründetheit von Unter-Sätzen (einzelne Prinzipien) aus Ober-Sätzen (Grundprinzipien) innerhalb einer Moraltheorie, also um deren innere Kohärenz. Es wäre ferner zu prüfen, ob das dem „Nein!“ im Beispiel zugrunde liegende Prinzip („Menschen sollten außerhalb des Ehestandes keine sexuellen Beziehungen unterhalten.“) überhaupt einsichtig ist (etwa durch Vergleich mit anderen, konkurrierenden Moraltheorien, die abgeschwächte oder gar gegenteilige Prinzipien beinhalten, gewonnen aus einem System abweichender Grundprinzipien, in die sich die in Frage stehende Spezialnorm nicht einpassen läßt) und/oder vereinbar ist mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Anthropologie.

Philosophische Ethik ist also in erster Linie argumentationstheoretische Analyse, oder anders: Es ist die Aufgabe der Ethik, unseren Moralvorstellungen auf den Grund zu gehen.

Eberhard Schockenhoff unterscheidet in seiner „Grundlegung der Ethik“ Ethik und Moral nicht so streng wie ich, denn er konstatiert, daß Ethik und Moral „an sich gleichbedeutend sind“ (etymologisch: das eine geht auf das Griechische, das andere auf das Lateinische Wort für „Gewohnheit“, „Sitte“, „Brauch“ zurück). Andererseits muß er natürlich auch feststellen, daß „sich auch im wissenschaftlichen Sprachgebrauch eine Unterscheidung zwischen ihnen durchgesetzt [hat]“, und zwar derart, daß „Ethik die Reflexionsform der Moral oder die theoretische Beschäftigung mit moralischen Fragen“ sei und „Moral das gelebte Ethos von Individuen oder gesellschaftlichen Gruppen“ 1)Eberhard Schockenhoff: Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf. Freiburg i. Br. (Herder) 2007, S. 19.

II Die christliche Religion im Verhältnis zu Ethik und Moral

Ihm geht es im Grunde vielmehr um ein anderes Thema, das ebenfalls auch diesen Kurs betrifft: das Verhältnis von christlicher Religion und Ethik bzw. Moral. Dabei warnt er vor einer funktionalistischen Reduktion der Religion auf eine Art sozialen Kitt, der Moralität bestärkt und verweist auf die doppelte Bedeutung von Religion, die einerseits in ihrem Wert für die Gesellschaft, aber eben auch in der Dimension der Erlösung für den Einzelnen liegt – und das unterscheidet sie eben von kantianischer oder aristotelischer Ethik.

Schockenhoff bringt diese zwei Ebenen der Religion deutlich zum Ausdruck, wenn er sagt: „Wo Religion in erster Linie als gesellschaftliches Kompensationsunternehmen für den Erhalt moralischer Ressourcen oder zum Ausgleich diesbezüglicher Defizite geschätzt wird, ist von dem, worauf es im Christentum eigentlich ankommt, noch gar nicht die Rede. Das erste Wort seiner Botschaft sind nicht die Forderungen der Moral oder ihre Ansprüche im gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen, vielmehr stehen die bedingungslose Proklamation des Heils, die Offenbarung der Liebe Gottes und die Zusage von Vergebung, Rettung und Erlösung des Menschen in ihrem Zentrum. Umgekehrt reduziert das Programm eines ethikfreien Christentums, das in esoterischen Kreisen wieder attraktiv erscheint, das Evangelium auf einzelne Versatzstücke der christlichen Tradition, die entsprechend den individuellen Sinnbedürfnissen seiner Anhänger zur freien Auswahl angeboten sind. Auf diese Weise kann das Christentum im Lebensgefühl der Postmoderne aber allenfalls eine gesellschaftliche Nischenexistenz für sich reklamieren, die seinem Selbstverständnis nicht weniger widerspricht als die umgekehrte Reduktion auf die Rolle einer funktionalen Erhaltungsstrategie im Dienst der Moral.“ 2)a. a. O., S. 16

Ein rein privates, „ethikfernes“ Christentum verfehlt also den eigentlichen Auftrag, den das Evangelium den Menschen in der Nachfolge Jesu erteilt. Das Christentum gehört in die Öffentlichkeit und muß sich mit den ethischen und den moralischen Ansätzen der Zeit beschäftigen, obgleich es immer mehr ist und bleibt als ein Rädchen im Getriebe gesellschaftlicher Abläufe, für dessen reibungsloses Funktionieren es etwa zu sorgen hätte. Das Christentum entwickelt sich in der Spannung von einerseits privater Erfahrungsqualität und andererseits dem Auftrag zu öffentlichem Wirken, von einerseits Hoffung und Vertrauen auf bzw. Glaube an Erlösung und Heil und andererseits dem Wissen um die moralischen Defizite der Welt, in der wir leben. Christen sind sich einerseits der Notwendigkeit zur Weltgewandtheit bewußt, um sich andererseits jedoch von einer spirituellen Dimension jenseits dieser Welt getragen zu fühlen. Somit erschöpfen sich die aus der theologischen Ethik des Protestantismus bzw. der katholischen Moraltheologie erwachsenen Lösungsangebote für die Fragen der Zeit nicht in der Immanenz der empirisch erfahrbaren Welt, sondern weisen auf eine Ebene der Transzendenz hin, die es ebenfalls zu berücksichtigen gilt. Christliche Ethik beansprucht beides: die Physik und die Metaphysik, die Kausalität und die Finalität. Nur so lassen sich abstrakte ethische Reflexionen und konkrete moralische Vorstellungen zu einer wirklichen Denk- und Lebenspraxis abrunden, die dem Menschen gerecht wird.

III Pro Reli – Ein aktuelles Fallbeispiel

Daß dies in unserer säkularen Gesellschaft nicht unumstritten bleibt, zeigt sich an der derzeit in Berlin entflammten Debatte um die Initiative Pro Reli. Dazu vier Bemerkungen.

  1. Gegner der Initiative behaupten, wir bräuchten in einer Stadt der verschiedenen Moralitäten eine gemeinsame Ethik als „Klammer“. Befürworter der Initiative verweisen darauf, daß man die Ethik in Gestalt des „humanistischen Ethikunterrichts“ nicht als eine solche verstehen kann, sondern eben auch nur als eine spezifische Moralität. Von Gegnern der Initiative wird oft die „Neutralität“ des Ethikunterrichts gelobt, sie sprechen im Zusammenhang mit dem Ethikunterricht von einem „neutralen Wertefach“. Befürworter der Initiative meinen dagegen: Neutralität – das ist nichts weiter als Etikettenschwindel und der Ausdruck „neutrales Wertefach“ eine contradictio in adiecto.Frage: Wird der Ethikunterricht dem Anspruch einer rein analytischen (ergo: „neutralen“) Ethik gerecht? Antwort: Nein, da der Ethikunterricht ausdrücklich als „wertevermittelnder“ Unterricht angelegt ist. Als ein solches „Wertefach“ kann er gar nicht „neutral“ sein!

    Im übrigen kann auch die Ethik selbst nicht „neutral“ sein, sowie sie um eine Reflexion der partikularen moralischen Standpunkte bemüht ist, um daraus schließlich eine Präferenz für den einen oder anderen Standpunkt abzuleiten. Wollte Ethik „neutral“ sein, verbliebe sie etwa bei der bloßen Aufstellung der zu vermittelnden Werte, ohne bestimmte Werte zu favorisieren. Das kann man natürlich machen. Dann sagt man, welche Werte vertritt ein Faschist, welche ein Kommunist, welche ein Christ usw. bzw. welche Werte sollte er vertreten, gemessen an seiner Weltanschauung. Und dann sagt man: Sucht euch etwas aus! Es dürfte klar sein, daß das weit hinter den analytischen Möglichkeiten der Ethik und hinter dem Auftrag des Ethikunterrichts zurückbleibt, ja, im eigentlichen Sinne gar keine Ethik wäre, weil diese, so wollen wir sie zumindest verstehen, immer auch normativ und nicht rein deskriptiv ist. Bloß: Das wäre wenigstens „neutral“!

    Zur Verdeutlichung: Selbst das kritische Kommentieren etwa des faschistischen Wertesystems geschieht mit Rücksicht auf eine Reflexionsfolie, die ihrerseits parteiisch ist und eben nicht selbstverständlich, obgleich sie wohl von 99% der Menschen akzeptiert wird, aber eben nicht von allen, sonst hätten wir ja das Problemfeld „faschistisches Wertesystem“ nicht.

    Ethik ist insoweit immer tendenziös, sie kann aristotelisch oder kantianisch, teleologisch oder deontologisch, intentionalistisch oder konsequentialistisch sein. Aus dem gewählten Ansatz ergeben sich dann sehr unterschiedliche Urteile über die moralische Güte von Handlungen, die sich zu „Werten“ und „Wertsystemen“ akkumulieren lassen. Selbst bei sehr weit verbreiteten und allgemein anerkannten Meta-Normen wie der „Goldenen Regel“, findet man – einhergehend mit dem jeweiligen Standpunkt des Ethikers – sehr unterschiedliche Einschätzungen.

    Oft wird die Vernunft als die Instanz genannt, die letzte Entscheidungen der Ethik über die Qualität von Moralvorstellungen zu fällen habe. Dazu müßte aber die Frage geklärt werden, um welche Vernunft es sich handeln soll und wer auf welcher Grundlage beurteilen soll, daß es sich um die „richtige“ Vernunft handelt. Zudem wäre zu fragen, ob Vernunft nicht vielmehr bloß ein Mittel zur Deutung von Sachverhalten ist, ohne je den Stellenwert eines objektiven, von allen gleichermaßen verstandenen Zwecks zu erlangen.

  2. Anschlußfrage: Wenn der Ethikunterricht schon nicht „neutral“ ist (sein kann!), ist er dann wenigstens „neutraler“ als der konfessionelle Religionsunterricht?

    Daß die Wertevermittlung im Religions-Unterricht nicht neutral sein kann, liegt darin begründet, daß Religionen nicht neutral sind, sondern von den Gläubigen stets die Einnahme von Positionen erwarten (im Christentum etwa die Befolgung der lex nova Jesu: „Liebet einander, wie ich euch geliebt habe.“).

    Ob der Ethikunterricht eine (bestimmte) Moral lehrt, die genauso eine Positionierung vom Schüler erwartet, hängt sehr stark von der Besetzung des Lehrpersonals ab, so wie übrigens auch der Religionsunterricht – abhängig von der Lehrkraft – apologetisch oder kritisch sein kann. Fest steht aber: „Humanistisch-atheistische Morallehre“ ist genauso weltanschaulich geprägt wie katholische Moraltheologie. Wenn Ethik an Berliner Schulen v. a. von Lehrern unterrichtet würde, die Religion(en) kritisch, der Bekenntnislosigkeit aber wohlwollend gegenüberstehen, bis hin zu Menschen, die sich in ihrer Meinungsbildung beeinflussen lassen vom Religionshaß der „neuen Atheisten“, dann wäre wohl nicht zu erwarten, daß der Ethikunterricht sich noch signifikant von einer „humanistisch-atheistischen Morallehre“ unterscheidet.

    Es drängt sich für Berlin genau dieser Verdacht auf, schaut man sich die Unterstützerkreise des Ethikunterrichts und die Vehemenz ihrer Kritik an Pro Reli an. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Ethikunterricht tatsächlich Bekenntnisfreiheit als Weltanschauung lehren soll, was ja durchaus berechtigt ist, soweit man eben als Schüler die Möglichkeit hat, diesem Unterricht fern zu bleiben, wenn einem die dort vertretene Weltanschauung fern ist. Das gilt ja seit jeher auch für den Religionsunterricht, der offen und ehrlich ein Bekenntnis vermittelt und sich immer nur als Angebot verstand und versteht, niemals als Pflichtveranstaltung. Staatlich protegierte und aggressiv vermittelte Bekenntnislosigkeit ist eben auch ein Bekenntnis und hat in diesem Zusammenhang den gleichen Stellenwert wie Katholizismus oder Protestantismus. Insoweit sind die „Produkte“ Reli und Ethik hinsichtlich ihres Gehalts an weltanschaulichem Impetus durchaus vergleichbar und können nicht aufgezwungen werden, ohne zugleich Grundprinzipien unserer liberalen Gesellschaftsordnung zu verletzen, nämlich die Entscheidungsfreiheit für oder gegen eine bestimmte Weltanschauung oder Religion und damit auch die Freiheit, sich für oder gegen eine apologetische Präsentation unterschiedlicher Bekenntnisse zu entscheiden, was immer dann der Fall sein dürfte zumal, wenn man der Ansicht ist, ein überzeugendes Bekenntnis gefunden zu haben.

    Es drängt sich zudem der Eindruck auf, der Senat wolle in erster Linie nicht Ethik an Schulen fördern, sondern Religion an selbigen unterbinden, jedenfalls soweit der Religionsunterricht einen Platz im ordentlichen Curriculum beansprucht und seine Verdrängung in den Nachmittag, als unbenotetes Zusatzangebot, nicht hinnehmen will. Einen Staat, der Religion nur gnädig duldet, statt sie als Element seiner eigenen Konstitution zu begreifen, kann man kirchen- und christentumsfeindlich nennen. Oder kurzsichtig, denn das Hinausdrängen von Religion aus der Schule (und damit auf lange Sicht aus der ganzen Gesellschaft) bestärkt nur die Fundamentalisten in ihrer Haltung, daß mit diesem Staat selbiger nicht zu machen sei.

    Ich glaube, daß darin der tiefere Sinn der Auseinandersetzung zwischen Reli- und Ethik-Fraktion zu suchen ist, denn was wirklich mit der Pflicht zum Ethikunterricht bei gleichzeitiger Distanz zur Religion bezweckt wird, kann erst durch eine Analyse der Hintergründe richtig bemessen werden. Schaut man sich die Auseinandersetzung in einschlägigen Internetangeboten an, so wird schnell klar, worum es eigentlich geht: Religion soll nach Meinung vieler Menschen aus den Unterstützerkreisen des Ethikunterrichts in unserer Gesellschaft keine Rolle mehr spielen. Äußerungen, die auf religiösen Überzeugungen fußen und Wertprofile, die sich auf Quellen jenseits des empirisch Erfahrbaren beziehen, sollen aus dem Diskurs ausscheiden, weil sie im Rahmen des vorherrschenden naturalistischen Deutungsmusters, das als einziges für gültig gehalten wird, „unzulässig“ sind. Konkret: Die Kirchen bzw. ihre Vertreter sollen aus den Ethik-Gremien herausgedrängt werden, weil sie – salopp formuliert – eh nur den Fortschritt aufhalten und von der Sache keine Ahnung haben. Religiöse Äußerungen, so sie denn im Rahmen der verbliebenen Meinungsfreiheit geschehen, aufgrund derer sie (noch) unvermeidbar sind, sollen mit „Lachsalven“ (so in den „zehn Angeboten“ des „humanistischen Manifests“ der Giordano Bruno Stiftung) quittiert werden. Ob auf dieser Basis ein Dialog stattfinden kann, ist höchst fraglich, gilt doch prinzipieller Respekt vor der Haltung des Anderen, das Aushalten seiner Andersartigkeit (Toleranz) zurecht als Bedingung für interreligiöse und -kulturelle Gespräche. Doch Respekt soll es nur noch gegenüber den Positionen geben, die sich dem Naturalismus unterwerfen und dann auch nur insoweit, als sie in dessen empiristischem Methodenkanon satisfaktionsfähig sind. Die Grenzen des Tolerierbaren sind die Grenzen der eigenen Weltanschauung. Alles andere ist „Unsinn“. Jürgen Habermas, einer der renommiertesten Philosophen der Gegenwart, wird in den einschlägigen Kreisen schon als „ewiggestrig“ bezeichnet, weil er sich für eine gleichberechtigte Teilhabe von Religion an ethischen (und anderen) gesellschaftlichen Diskursen stark macht. Da das nun so gar nicht in die Rhetorik von der „Privatangelegenheit Religion“ paßt, muß der Denker Habermas, der über jeden Verdacht konfessioneller Parteinahme erhaben ist, kurzerhand diskreditiert werden, damit die eifrigsten Unterstützergruppen des Ethikunterrichts sich weiterhin eine religionslose Gesellschaft zimmern zu können, in der niemand mehr ihre Kreise stört. Daß Religion als Privatangelegenheit dem Wesen des Christentums widerspricht, habe ich oben bereits mit Schockenhoff deutlich gemacht. Somit ist der Konflikt vorprogrammiert, der nur dadurch entschärft werden kann, daß man beide Seiten zu ihrem Recht (und ihrem Unterricht) kommen läßt. Doch was am Ende als – zugegeben – höchst subjektiver, gleichwohl jedoch prägender Eindruck vom „Pro Ethik“-Lager übrig bleibt, ist zunächst und vor allem das Bild einer starken Abneigung gegen alles Religiöse bei gleichzeitiger Wissenschaftsgläubigkeit, die als die einzig heute noch vertretbare Weltanschauung weitgehend unreflektiert über alles gestellt wird. Wenn überhaupt, dann wird die eigene, als „aufklärerisch“ verstandene Position nur sehr bedingt einer schwachen Selbstkritik unterzogen, ein Rekurs auf die sattsam bekannte Vernunftkritik der „Dialektik der Aufklärung“ findet dabei selten statt.

    Es besteht vor diesem Hintergrund die Gefahr, daß der Ethikunterricht im Ergebnis eher auf humanistisch-atheistische Manipulation hinausläuft als jene neutral-integrative Reflexionsschule zu bieten, die mit der Institution „Ethikunterricht“ vorgeblich eingerichtet werden sollte. Dabei ist gegen tendenziöse Unterweisung gar nichts zu sagen, im Gegenteil: Wertevermittlung mit nicht bloß deskriptiven, sondern auch normativen Elementen wird, wie ich schon ausführte, ohne Parteinahme nicht funktionieren, nur sollten die Erziehungsberechtigten bzw. die religionsmündigen Schüler entscheiden, in welche Richtung es für sie jeweils gehen soll, nicht der Staat, der dies einmal für alle und, wie es scheint, auch ein- für allemal festlegen wollte. Daß man sich der Teilnahme an einer Wertevermittlung, die immer unter bestimmten Vorzeichen steht – seien sie nun von einem religiösen oder einem nicht-religiösen Bekenntnis geprägt – nicht entziehen können soll, zeigt meiner Ansicht nach deutlich, daß das jetzige Modell totalitäre Züge trägt.

  3. Eine ganz andere Frage ist jedoch folgende: Was sollen Schülerinnen und Schüler eigentlich im Religions- bzw. Ethikunterricht lernen? Sollen sie über ethische Begründungsmodelle Bescheid wissen oder auf der Grundlage ihres spezifischen anthropologischen und weltanschaulichen Ausgangspunkts, den sie schon haben, aber noch festigen und entwickeln müssen, eine spezifische Moralität formen? Ich meine, zunächst einmal Letzteres. Kein Dieb – sei er katholisch, islamisch oder atheistisch erzogen – läßt sich etwa von Kants Einwand, daß die Maxime, die uns zur Handlung „Diebstahl“ führt, vernünftigerweise nicht verallgemeinerungsfähig ist, von eben diesem Diebstahl abhalten, sondern nur von einer Moralität, die erfahren und erworben wird, durch Lebenspraxis und Vorbilder. Dabei spielt die Weltanschauung (sei die religiös oder nicht-religiös) und das Menschenbild eine entscheidende Rolle, nicht jedoch das Faktenwissen zu ethischen Begründungsmodellen. Ethische Reflexion allein macht den Menschen nicht gut, mal ganz abgesehen davon, daß sie auch niemals wird klären können, was genau damit gemeint ist – „gut“.

    Damit junge Menschen eine Moralität entwickeln können, brauchen sie authentische Wertevermittlung in einem Unterricht mit glaubwürdigen Lehrerinnen und Lehrern, der ihre spezifische Anthropologie und Weltanschauung aufgreift, denn die Anthropologie (das Menschenbild) geht der Ethik voraus, wie an vielen moralischen Problemen unserer Zeit deutlich wird. Die Antwort auf die Frage „Was ist der Mensch?“ bestimmt die Antwort auf viele moralische Fragen. Ob jemand den Menschen als „Lusterhöhungs-Leidvermeidungsmaschine“ begreift oder als Geschöpf Gottes, hat unmittelbar Auswirkungen darauf, ob sie oder er die Forschung mit embryonalen Stammzellen, Abtreibungen, das Töten geistig behinderter Babys oder Medikamententests an Wachkomapatienten befürwortet oder ablehnt. Die ethischen Argumente funktionieren in diesen Fällen nur eingedenk der Anthropologie, nur im Licht des jeweiligen Menschenbilds.

    Die Frage „Was ist der Mensch?“ muß aber jede und jeder beantworten, die als Lehrerin im Ethikunterricht oder als Lehrer im Religionsunterricht tätig ist. Mit der Antwort ist nicht nur ein Menschenbild, sondern auch eine bestimmte Weltsicht verbunden, weil die Anthropologie ja auch die Beziehung des Menschen zu Gott und zur Welt klärt. Was eingedenk dessen von „Neutralität“ des Ethik- bzw. Religionsunterrichts zu halten ist, dürfte nun endgültig klar sei: Es gibt sie nicht!

  4. Ethische Reflexion ist unverzichtbar, wenn man sich klar macht, daß sie nie unabhängig von Festlegungen zum Menschenbild und zur Weltanschauung stattfindet. So ist es wichtig, ethische Positionen zu kennen und vom eigenen Standpunkt aus zu bewerten. Diesen eigenen Standpunkt muß man aber haben, um überhaupt werten zu können. Um ihn aber haben zu können, muss man ihn erst entwickeln. Dafür braucht es auch die Hilfe erfahrener und kompetenter Lehrerinnen und Lehrer.Wichtig ist ferner, diesen Standpunkt nicht zum Dogma verkrusten zu lassen, sondern sich durch überzeugende Argumente und andere Perspektiven auf den Menschen und seine Moralität ansprechen und verändern zu lassen. Es geht durchaus darum, (religiöse) Tugenden und Werte kritisch zu hinterfragen, auch im Hinblick auf eine säkulare Staatskonzeption (Wie verhalten sich Gnade und Barmherzigkeit zu Recht und Gerechtigkeit? etc.). Das ist eine wichtige Aufgabe der philosophischen Reflexion, die für nichtreligiöse Menschen in den Ethikunterricht, für religiöse Menschen jedoch in den Religionsunterricht gehört, weil sie nur dort vor dem Hintergrund des jeweiligen weltanschaulichen Standpunkts, der als Reflexionsfläche dient, sinnvoll stattfinden kann.

    In Berlin leben wir mit dem „Faktum der Pluralität“ (Rawls), was überall sicht- und spürbar ist und damit auch in einer Stadt diverser Moralitäten. Nun ist aber gerade nicht der Einheitsunterricht die Lösung für diese schwierige Situation, wie ich zu zeigen versucht habe, sondern die tolerante Ermöglichung des Selbstverständlichen, nämlich im Rahmen der Schulausbildung die eigene Religion und Kultur kennen und vor diesem Hintergrund ein Wertesystem aufbauen, zugleich aber auch die anderen Religionen und Kulturen mit Bezug zum eigenen Standpunkt verstehen zu lernen. Warum sollte diese Vielfalt gerade in der Schule ihr Ende finden? Warum soll Schülerinnen und Schülern die Chance genommen werden, eine Toleranz zu erlernen, die wirklich verinnerlicht und damit praktisch wirksam werden kann, weil sie im je eigenen Wertesystem begründet wird? Warum also sollte gerade im weltanschaulichen Bereich, zu dem Religiosität und dezidierte „Nicht-Religiosität“ gleichermaßen zählen, in einem Bereich, wo es um die Grundlagen menschlicher Lebensformen geht, in einem Bereich, auf den nicht gegen den erklärten Willen des Menschen grundlos Einfluß genommen werden darf, in einem Bereich, in dem mithin jede und jeder selbst entscheiden sollte, was sie oder er an sich heranlassen möchte, warum sollte also gerade da eine Einheitskultur in den öffentlichen Schulen Einzug halten, die zudem durch das Aufdrängen einer bestimmten Weltanschauung („Bekenntnislosigkeit“) die weltanschauliche Neutralität des Staates verletzt und sich durch das subtile Unterdrücken anderer Weltanschauungen offenkundig im Konflikt mit dem Grundrecht auf Religions- und Bekenntnisfreiheit befindet? Offene Fragen, die nur vor dem Hintergrund der spezifischen Präferenzen derer zu beantworten sind, die momentan in Berlin regieren. Und das ist als Rechtfertigung unzureichend.

In diesem Sinne ist die Forderung nach echter Wahlfreiheit und damit die Restitution des Religionsunterrichts als Alternative zum Ethikunterricht berechtigt und unterstützenswert. Und das übrigens auch deshalb, weil Konkurrenz das Geschäft belebt: Ein Wahlpflichtbereich führte nicht nur zur Freiheit der Entscheidung, sondern auch zu einem qualitativ besseren Unterricht (zumindest im Bemühen darum!), sowohl in „Ethik“ (als Unterrichtsfach) als auch in Religionslehre.

Weitere Texte des Autors:

Zu I.:
Ethik im 21. Jahrhundert. Editorial zum Schwerpunkt 2008. In: Marburger Forum. Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart. Jg. 9 (2008), Nr. 1.
http://www.philosophia-online.de/mafo/heft2008-1/Bor_EthEd.htm

Das rechte Handeln. Bemerkungen zur philosophischen Ethik. In: Recenseo. Texte zu Kunst und Philosophie.
http://www.recenseo.de/index.php?id=132&kategorie=artikel&nav=Inhalt

Zu II.:
Braucht Werterziehung Religion? Annäherung an eine Kernfrage der Moralpädagogik. In: Die Neue Lese-Homepage. Newsfeeds, Texte und mehr.
http://www.holy.or.at/count.php?id=800

Zu III.:
Echte Wahlfreiheit ermöglichen! Zum Start der Kampagne „Pro Reli“ in Berlin. In: Netzzeitung – Readers Edition.
http://www.readers-edition.de/2008/09/22/echte-wahlfreiheit-ermoeglichen-zum-start-der-kampagne-pro-reli-in-berlin/

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Referenzen   [ + ]

1. Eberhard Schockenhoff: Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf. Freiburg i. Br. (Herder) 2007, S. 19
2. a. a. O., S. 16

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