Der ewige Streit um das Grab Jesu

Fünf christliche Denominationen beanspruchten damals das Recht, die heiligste Stätte der Christenheit, den Hügel Golgatha und das Grab Jesu, zu verwalten: Die römisch-katholischen Lateiner, die griechisch Orthodoxen, die armenisch Orthodoxen, die assyrisch Orthodoxen und die Kopten aus Ägypten. „Und die Orthodoxen wollten lieber Moslems im Besitz der Schlüsselgewalt sehen, als Katholiken aus Rom“, weiß Dschude. So wurde seine Familie zum „Bewahrer der Schlüssel vom Heiligen Grab“.

Jeden Morgen um 4 Uhr muß das schwere Holztor geöffnet und jeden Abend um 19 Uhr wieder geschlossen werden. „Doch ein islamischer Geistlicher und Nachfahre des Propheten Mohammed steigt nicht auf eine Leiter“, erzählt der stolze Schlüsselbewahrer. „Das ist unter seiner Würde!“ Deshalb wurde schon zu Zeiten Saladins die Jerusalemer Bürgerfamilie Nuseibeh für die Aufgabe des Türhüters der Grabeskirche verpflichtet. In Anzug und Krawatte versieht Wadscheeh Nuseibeh seinen verantwortungsvollen Dienst mit großer Ernsthaftigkeit. Zwischen betenden Mönchen, erklärenden Reiseleitern, singenden Pilgergruppen, neugierigen Touristen und geschäftigen Geistlichen ölt Nuseibeh das uralte Schloss.

Weil sich die Christen nicht einigen konnten, haben Muslime seit Jahrhunderten die Schlüsselgewalt zur Grabeskirche. Und wenn heute zu alljährlichen Festzeiten Mönche und Priester gewalttätig werden, sind es israelische Soldaten, die mit List oder Gewalt Frieden stiften müssen. Mittlerweile machen vierzehn Denominationen ihre Ansprüche auf Teile des Areals geltend, und es gibt fast nichts, worüber sich die Christen in den nahezu 17 Jahrhunderten Geschichte der Grabeskirche nicht gestritten hätten.

Eigentlich war es denn auch nichts Neues, was israelische Ingenieure mit der Feststellung auslösten, der bauliche Zustand des äthiopisch-orthodoxen Klosters Dir as-Sultan auf dem Dach der Kreuzauffindungskapelle der Heiligen Helena sei bedenklich. Sein Bericht bezeichnete die Bausubstanz als „einsturzgefährdet“ und „lebensgefährlich“. Vom Vorhof der Grabeskirche steigt man durch zwei finstere Kapellen hinauf auf das Dach, wo die äthiopischen Mönche in Lehmhütten hausen. Die Außenmauern des Areals stammen aus dem 3. Jahrhundert von einer byzantinischen Basilika, die ungefähr doppelt so groß war wie die heutige Grabeskirche aus dem Mittelalter. Schon im Jahr 2004 hatte sich das israelische Innenministerium bereit erklärt, die Renovierung des äthiopischen Lehmhüttenklosters zu finanzieren. Doch ein Jahrhunderte alter Streit zwischen Kopten und Äthiopiern verhindert das.

Die osmanische Obrigkeit hatte Anfang der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts im so genannten Status-quo-Dokument genau geregelt, wer welche Kerzen anzünden darf, welche Denomination welche Riten zu welcher Zeit ausführen darf, wer welches Stück Boden wischt. Das bekannteste Symbol des Status quo ist die Leiter unter dem rechten Fenster auf dem Absatz über dem Eingangstor der Grabeskirche. Weil die Armenier ein Recht auf diese Leiter haben, kann sie nicht entfernt werden, obgleich sie keinerlei Funktion mehr hat. Somit sollte heute eigentlich alles peinlichst genau geregelt sein.

Doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren alle äthiopisch-orthodoxen Mönche der Pest zum Opfer gefallen. Das hatten die Kopten genutzt, um von Dir as-Sultan Besitz zu ergreifen. Türken, Briten und zuletzt Jordanier, die bis 1967 Jerusalem beherrschten, bevorzugten die ägyptischen Kopten, von denen sich die äthiopisch-orthodoxe Kirche irgendwann einmal abgespalten hat.

Doch am Osterfest 1970 – mittlerweile war Jerusalem unter israelischer Herrschaft – waren die koptischen Mönche zum Gebet in die Grabeskirche gegangen. Währenddessen nutzten ihre äthiopischen Glaubensbrüder die Gunst der Stunde und wechselten die Schlösser des Klosters aus. Israelische Polizisten, die auf dem Anwesen stationiert waren, um gewaltsame Zusammenstöße zu verhindern, ließen die Äthiopier gewähren. Politischer Hintergrund der israelischen Gleichgültigkeit waren wohl der gleichzeitig stattfindende Zermürbungskrieg mit Ägypten und die freundschaftlichen Beziehungen des äthiopischen Kaisers Haile Selassi mit dem jüdischen Staat.

Der äthiopische Erzbischof Matthias will heute keinerlei Besitz- oder Nutzungsrechte der ägyptischen Kopten anerkennen und fordert von den Israelis als „neutralem Faktor“, die notwendigen Reparaturen durchzuführen. Eigentlich hatten die Israelis ja die Finanzierung der Klosterrenovierung angeboten, weil die Christen sich nicht einigen konnten. Doch jetzt will das Innenministerium in Jerusalem die Arbeiten erst vornehmen lassen, wenn sich die beiden afrikanischen Denominationen geeinigt haben. Möglicherweise hat der „neutrale Faktor“ in dem antiken Streit um das Grab Jesu jetzt auch die hochsensiblen diplomatischen Beziehungen mit Ägypten und Äthiopien im Auge zu behalten, die sich seit den 1970er Jahren entscheidend verändert haben. Deshalb bleibt abzuwarten, wie die Einsturzgefahr der heiligsten Stätte der Christenheit abgewendet wird – die aus dem Vatikan zudem bereits als bloße Farce abgetan wurde.

Chronologie der Grabeskirche

325-335: Helena, Mutter des byzantinischen Kaisers Konstantin „der Große“, läßt in der Gegend um Jerusalem drei Basiliken bauen: die Grabeskirche am Ort der Auferstehung Jesu, die Heilig-Geist-Basilika auf dem Zionsberg und die Geburtskirche in Bethlehem.

614: Die Perser zerstören die Grabeskirche. Fünfzehn Jahre später vertreibt der byzantinische Kaiser Heraklius I. die Perser wieder aus Jerusalem. Das „Reliquium des wahren Kreuzes“ wird in die Grabeskirche zurückgebracht.

638: Kalif Omar Ibn al-Katab erobert Jerusalem. Patriarch Sofronius übergibt ihm die Schlüssel der Stadt und bietet ihm an, in der Grabeskirche zu beten. Omar lehnt ab. An der Stelle, wo der Kalif dann sein Gebet verrichtete, wird später die „Omar-Moschee“ direkt neben der Grabeskirche errichtet.

1009: Der 6. Fatimiden-Kalif, Abu Ali al-Mansur „Al-Hakim“, zerstört in Jerusalem die heiligen Stätten und Gebetshäuser von Juden und Christen, darunter auch die Grabeskirche. In Europa werden die Juden dafür verantwortlich gemacht. Es kommt zu Unruhen und Verfolgungen und schließlich zum ersten Kreuzzug. Einige Jahrzehnte nach der Zerstörung (1046) wird die Grabeskirche von Kaiser Konstantin IX. „Monomachos“ wieder aufgebaut.

1187: Der kurdische Sultan Saladin „der Große“ erobert Jerusalem.

1697: Der britische Prälat Henry Maundrell berichtet, daß sich Griechen und Lateiner um die Grabeskirche streiten.

1808: Die Grabeskirche wird durch einen Brand schwer beschädigt.

1834: Robert Curzon beschreibt eine Massenerstickung während der Zeremonie des Heiligen Feuers in der Grabeskirche.

1838: Streitigkeiten über Reparaturarbeiten in der Grabeskirche werden durch einen Ausbruch der Pest beigelegt. Alle Beteiligten fallen der Seuche zum Opfer.

1840: Bei einem Feuer in der Grabeskirche werden Dutzende Menschen zu Tode getrampelt.

1841: Widerwillig geben die Osmanen ihre Zustimmung zur Gründung des protestantischen, anglo-preußischen Bistums Jerusalem. Nach einer späteren Erklärung des preußischen Gesandten Bunsen sollten „sich die beiden evangelischen Schwesterkirchen über dem Grabe des Erlösers die Hand reichen zum ewigen Bunde“.

1852: Die Osmanen legen im so genannten „Status-quo-Dokument“ eine lange Liste von Regeln für die Kirche fest. Der lateinische, der griechische und der armenische Patriarch bekommen Eigentumsrechte.

1853: Weil die Türken russische Ansprüche auf das Heilige Grab zurückweisen, bricht der Krim-Krieg aus.

1929: Der britische Distriktoffizier von Jerusalem, L.G.A. Cust, hält den Status quo schriftlich fest und beschreibt die Geschichte der Grabeskirche als „eine lange Geschichte bitterer Feindschaften und Auseinandersetzungen“.

(Israelnetz)

Katholisches wird immer für den Leser kostenlos bleiben. Damit das Magazin Tag für Tag mit neuen Artikel weiterhin erscheinen kann sind Zuwendungen notwendig: Unterstützen Sie bitte Katholisches mit einer Spende.
Zuwendungsübersicht

Unterstützen Sie Katholisches auch, indem Sie ihre Bücher über FalkMedien beziehen. FalkMedien hilft uns regelmäßig bei technischen Aufgaben und beteiligt sich bei der Finanzierung von Servertechnik und Administration.

Der WebShop von FalkMedien umfaßt neue und antiquarische Bücher. Bei jedem Kauf, der über Katholisches.info zustande kommt, werden 10 Prozent Provision an Katholisches ausgeschüttet.

FalkMedien liefert jeden erhältlichen Titel: Die Recherche in einem umfassenden Katalog, der auf dem Verzeichnis Lieferbarer Bücher (VLB) basiert, ermöglicht es, nahezu alle verfügbaren deutschsprachigen Titel zu beziehen.  -  vlb.falkmedien.de


FalkMedien liefert jedes neue Buch versandkostenfrei ohne Mindestbestellwert.

Print Friendly, PDF & Email