Die Ideen der „verrückten Liste“ – Wahlkampfimpressionen von Ferraras „Liste für das Leben – Abtreibung? Nein danke“

(Mailand) Freitag abend. Zentrum Rosetum im Herzen von Mailand. Zu Gast bei den Franziskaner ist die „verrückte“ Liste gegen die Abtreibung. Der Saal ist überfüllt, es gibt nur mehr einige Stehplätze. Auf der Bühne sitzen zehn Kandidaten, zwei Frauen, zwei Zwillinge, ein ehemaliger Kopf der 68er-Studentenbewegung „Lotta continua“, ein Anhänger des Radikalliberalen Marco Pannella aus Bergamo, ein Sänger, der Teilnehmer in San Remo, des bekanntesten italienischen Musikfestivals, war.

21 Uhr. Giuliano Ferrara betritt von hinten unter Polizeischutz den Saal, gezeichnet von den vorhergehenden Wahlkampfterminen, aber zufrieden. Draußen befindet sich ein großes Polizeiaufgebot, um rund 20 Jugendliche und weniger Junge aus den „Sozialzentren“ der linksradikalen Szene fernzuhalten, die Petersilie werfen, weil das früher den Frauen gegen Schwangerschaften verabreicht worden sei. Unter den vielen möglichen Sprechchören wählen die Demonstranten ausgerechnet „Mörder, Mörder.“ Von einer Gruppe von Abtreibungsbefürwortern gebrüllt und gegen jene gerichtet, die das Leben verteidigen wollen- das ist nicht schlecht.

Die Leute, die in den Saal der Franziskaner eintreten – normale Personen, fröhliche Gesichter, viele Junge, der bekannte Radikalliberale Strik Lievers – verstehen nicht. „Mörder? Warum schreien die Mörder?“, fragt eine Frau ihren Mann.

Die Fotografen sind auf der Jagd nach starken Bildern, aber es passiert nichts. Die Journalisten, ganz in ihrer eigenen Logik zwischen Beruf und Ideologie gefangen – wenig interessiert an dem, was auf der Bühne gesagt wird –, beklagen sich, daß sie nichts hätten, was sie schreiben könnten. Im Saal, nach einigen Liedern mit Anti-Abtreibungs-Texten und für das Leben, geht es los. Paolo Sorvi („Der Faschismus kommt heute von links“) ist zündend wie zu den Zeiten der Studentenkundgebungen. Paola Bonzi „Auf der Seite der Frauen steht man, wenn man ihnen hilft, nicht abzutreiben“), 20 Jahre Leiterin des Lebenszentrums „Mangiagalli“ in Mailand, erzählt von ihren Erfahrungen und berührt mit den Geschichten über all jene Mädchen und Frauen, denen sie geholfen hat, nicht abzutreiben. Sie hilft nicht bei der Geburt von Kindern, die hilft bei der Geburt von Müttern.

Dann spricht Ferrara. Er erklärt, warum nicht er seltsam ist, obwohl es ihm gefällt, seine Liste als „verrückt“ zu bezeichnen. Die Seltsamen, sagt er, sind die anderen, die gleichgültig sind gegenüber dem Schicksal der „ehemaligen Ungeborenen“, die bürokratisch als „Krankenhausabfall“ bezeichnet werden. Der Chefredakteur der Tageszeitung Il Foglio spricht über „Juno“. Er erzählt mit vielen Details und kritisiert die Medien, die in akrobatischen Verrenkungen damit beschäftigt sind, zu leugnen, daß der Film über ein Mädchen handelt, das sich entscheidet, nicht abzutreiben. Apropos Journalisten. Nach etwa zehn Minuten schaut ein Journalist von seinem Block auf und fragt einen Kollegen: „Über welchen Film redet er denn?“ Und der andere: „Keine Ahnung.“

Ferrara fährt fort mit Umberto Veronesi, Barack Obama und Lietta Tornabuoni. Der Liberale Veronesi, Parlamentskandidat der sozialdemokratischen Demokratischen Partei, ist der Guru der Männer in weiß, der unsere Gesellschaft den kulturellen Sprung vom „Sex ohne Kinder“ von vor 30 Jahren zum „Kinder ohne Geschlecht“ der modernen Technowissenschaft machen lassen möchte. Obama sagt, daß er im Fall eines „Versehens“ nicht möchte, daß seine Töchter „mit einem Kind bestraft“ würden. Tornabuoni, Kinokritikerin, beschimpft die Lebensschützer, die den Film „Juno“ unterstützen, als „Perverse“, die bei einem „großen Bauch eines durch Schwangerschaft deformierten Körpers“ lustvollen Genuß empfinden würden.

Das Publikum applaudiert. Ferrara sagt, daß es in Italien ein antikatholisches Vorurteil gibt. In diesem Augenblick steht eine Demonstrantin im Saal auf und sagt Ferrara mit lauter Stimme, aber zivilisiert, „nicht wir sind seltsam, sondern die Personen mit Ihren Ideen“ und noch etwas unverständliches über den Irak. Ferrara antwortet mit einem freudigen „Viva Verdi“ und zeigt sich erfreut damit, die bisher ruhigen Gegner zumindest bis dahin überzeugt zu haben und vermutet, daß erst jetzt, allein wegen der Erwähnung der katholischen Glaubens, eine reflexartige Reaktion erfolgt sei. Der Chefredakteur von Il Foglio schlägt einen nationalen Plan für das Leben vor mit gesetzlich verankerten Privilegien für schwangere Frauen und wiederholt, daß er nicht das Abtreibungsgesetz 194 von 1978 abschaffen wolle, so sehr es auch ein niederträchtiges Gesetz sei, sondern es vielmehr in all seinen Teilen zur Anwendung bringen will. Man müsse, so Ferrara, endlich den Titel des Gesetzes entdecken und umsetzen: „Bestimmungen für den sozialen Schutz der Mutterschaft“.

Ferrara schließt mit der Abtreibungspille RU-486, mit der sich der Kreis der Abtreibungs(un)kultur schließe, ein „chemisches Gift“, das die Frauen verleiten soll, allein, heimlich, mit der Einnahme einer kleinen Pille, zwischen Wohnzimmer und Bad abzutreiben, fern von allen Ärzten und vor allem von so „gefährlichen Leuten“ wie Paola Bonzi, die – man weiß ja nie – die Frau vielleicht doch noch überzeugen könnten, sich für das Leben zu entscheiden. Applaus. Dann eilen viele hinauf auf die Bühne, um die Kandidaten persönlich zu grüßen und zu bestärken. Zwei Mädchen nähern sich Ferrara und sagen zu ihm: „Comunione e Liberazione stehen auf ihrer Seite”. Draußen schreien sie noch immer: „Mörder, Mörder.“

(Il Foglio/JF)

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