„Pius XII. hat nicht geschwiegen“ – Das Verhältnis des Vatikan zu den Juden gestern und heute

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Pius XII. Bild: Archiv

Seit Februar 2007, als hochrangige KGB-Mitarbeiter sich gegenüber der Presse offenbarten, ist klar, daß Papst Pius XII. gezielt von stalinistischen Geheimdiensten, vor allem KGB und dem MfS, in östlichen und westlichen Medien verleumdet wurde. Hochhuths Stück Der Stellvertreter dürfte Bestandteil dieser Kampagne gewesen sein. Michaela Koller sprach mit dem Historiker Thomas Brechenmacher über Pius XII. und der Kampagne. Das Gespräch haben wir mit freundlicher Genehmigung dem aktuellen Pur-Magazin entnommen.

Der Nuntius im Heiligen Land, Erzbischof Antonio Franco, hatte im April gedroht, nicht an der Gedenkfeier für die Holocaust-Opfer in der Gedenkstätte Jad Vaschem teilzunehmen, weil in einer Ausstellungstafel behauptet wird, Papst Pius XII. (1939-1958) habe nichts gegen den Rassenantisemitismus unternommen. Was steckt hinter dieser Auseinandersetzung? Woher kommt denn dieser oft vernommene Vorwurf plötzlich wieder?


Seit Rolf Hochhuths Theaterstück Der Stellvertreter wird immer wieder behauptet, Papst Pius XII. habe zur nationalsozialistischen Judenverfolgung geschwiegen. Diese sogenannte „Schwarze Legende“ ist trotz vieler gegenteiliger Beweise unverändert in den Blättern zu lesen und wird häufig sehr stark geschichtspolitisch instrumentalisiert. Im vorliegenden aktuellen Fall ist wohl noch nicht genug Öffentlichkeitsarbeit geleistet worden. Vielleicht hat der Nuntius politisch-diplomatisch etwas überempfindlich reagiert, aber von der Sache her war sein Protest nicht unbegründet. Ich glaube jedenfalls, daß sich das Bild von Papst Pius XII. allmählich ändern wird.

Was würde denn wohl Israel aktuell von einem Papstbesuch erwarten?

Ich würde sagen, es erwarte aktuell politisch vom Heiligen Stuhl die Feststellung, Israel sei im alten Heiligen Land jetzt der Status quo und er sei legitim und sicher und vom Vatikan mit Nachdruck anerkannt. Ich glaube nicht, israelische Politiker hätten ein Interesse daran, daß der Vatikan zugestehen müsse, Papst Pius XII. habe geschwiegen. Die wollen einfach wissen, wie steht der Heilige Stuhl zu Israel und erkennt er die Existenz Israels ohne Wenn und Aber an.

Woher kommt denn die „Schwarze Legende“ ursprünglich?

Der rumänische Ex-Agent Ion Mihai Pacepa hat Anfang dieses Jahres in der amerikanischen Zeitschrift National Review geschrieben, er sei für eine Diffamierungskampagne gegen Papst Pius XII. (1939-1958) zuständig gewesen, die nach Abstimmung mit den sowjetischen Geheimdienstkollegen vom KGB erfolgte und mit dem Theaterstück Der Stellvertreter von Rolf Hochhuth 1963 ihr Ziel erreichte.

Welches Interesse hatten denn östliche Geheimdienste an einem negativen Bild eines schon verstorbenen Papstes?

Das Interesse daran, Papst Pius XII. zu diskreditieren, lag darin, daß er in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg natürlich als überzeugter Anti-Kommunist aufgetreten ist und deutlich gemacht hat, daß es sich bei der Ideologie des Kommunismus um eine menschenverachtende Ideologie handelt, die mit den Werten des Christentums nicht zu vereinbaren ist.

Und wie haben die Nazis den Papst gesehen? Er konnte wohl seine Neutralität ihnen gegenüber nicht recht glaubhaft machen….

Daß im Vatikan ein Feind sitzt, hat man im nationalsozialistischen Berlin schon sehr bald verstanden, eigentlich schon während der Verhandlungen im Anschluß an das Reichskonkordat 1933, die schließlich gescheitert sind. Pius XII. hat immer wieder gegen die Politik der Nazis Stellung bezogen, so auch in seiner berühmten Weihnachtsansprache von 1942. Es gibt eine Analyse dieser Ansprache aus dem Reichssicherheitshauptamt vom Januar 1943, aus der klar hervorgeht, daß die Diagnose in Berlin lautete: Im Vatikan sitzt ein erbitterter Feind des Nationalsozialismus, der sogar Partei für die Juden ergreift. Das ist ein deutlicher Beweis dafür, daß die Worte Pius XII. richtig verstanden wurden, auch wenn er die Juden in seiner Ansprache nicht wörtlich nannte, sondern von den „wegen ihrer Herkunft Verfolgten“ sprach.

Sie haben Akten in mehreren Archiven aus dieser Zeit gelesen und in Ihrem Buch Der Vatikan und die Juden aufgearbeitet. Wie denken Sie denn nach dieser Lektüre über den Vorwurf der Tatenlosigkeit und letztlich Mitschuld, der regelmäßig gegen Papst Pius XII. erhoben wird?

Da gibt es eindeutig nur eine Antwort: Pius XII. hat nicht geschwiegen und er ist nicht tatenlos gewesen. Man muß von einer rein gesinnungsethischen Analyse dieser Dinge weggehen, also der Vorstellung, daß es nützlich gewesen wäre, wenn der Papst sich auf den Balkon gestellt hätte und gesagt hätte, er exkommuniziere Hitler oder wenn er sich an einen Waggon, der nach Auschwitz fuhr, gekettet hätte. Damit wird die unhistorische Vorstellung verbunden, Hitler hätte dann sofort dem ganzen Treiben Einhalt geboten. Die Quellen zeigen deutlich, daß man es sich im Vatikan nicht leicht gemacht hat. Es gibt auch sehr viele Quellen, die zeigen, das Pius XII. persönlich über diese Dinge völlig hin und hergerissen war. Es bestand aber Anlaß zu glauben, wenn so ein großer öffentlicher Protest vorgetragen werde, werden die Dinge mit großer Wahrscheinlichkeit nur noch schlimmer.

Welcher Anlaß war das letztlich?

Hier hatte man klare Erfahrungen, zum Beispiel die Deportation der holländischen Juden, die nach einem Protest sowohl der katholischen als auch der protestantischen Bischöfe im Sommer 1942 ja noch verschärft wurde. Das war ein deutliches Beispiel dafür, daß ein Wort, das zu offen war, kontraproduktiv wirken konnte. Da bin ich auch bei der Gratwanderung angelangt. Eine Frage, die Papst Pius XII. und seine Mitarbeiter stark bewegte, lautete: Was kann ich gerade noch sagen, und an welcher Stelle beginne ich schon, die Menschen zu gefährden. Zur Perfidie des Totalitarismus gehörte ja, nicht denjenigen zu schlagen, der offen spricht, sondern diejenigen zu quälen, für die er Verantwortung trägt.

Als Gegenbeispiel wird da ja gerne die Rettung der 7000 dänischen Juden im Oktober 1943 angeführt….

Das war eine ganz andere Situation, die nicht ursächlich mit einem Protest der lutherischen Bischöfe zusammenhing. Vielmehr gab es dort den deutschen Reichsbevollmächtigten Werner Best, der seinen ihm unterstellten Bereich als einer der ersten „judenfreien“ melden wollte. Dies wurde durch eine gezielte Indiskretion vor einer geplanten Razzia erreicht, die es ermöglichte, die dänischen Juden in einer Nacht- und Nebelaktion mit Unterstützung der Bevölkerung rechtzeitig nach Schweden auszuschiffen. Das kann also überhaupt nicht als Gegenbeispiel verwendet werden. Nach all dem, was geschehen war entschied man sich im Vatikan letztlich dafür, auf diplomatischem Wege in soviel konkreten Fällen wie möglich zu helfen.

Können Sie da Beispiele nennen?

Die Hilfspolitik für die Juden ging schon 1933/ 1934 los, als man sah, daß Menschen aufgrund ihrer vermeintlichen rassischen Zugehörigkeit verfolgt werden. Da waren zunächst für den Vatikan die sogenannten getauften Nichtarier einschlägig. Nach der perversen Rassenarithmetik der Nationalsozialisten gehörten diese Katholiken jüdischer Abstammung ebenfalls nicht zur deutschen Volksgemeinschaft. Da haben etwa die deutschen Bischöfe gesagt, die bekommen gar keine Hilfe, weil sie bei den jüdischen Organisationen nicht mehr aufgenommen werden, weil sie ja durch die Taufe abtrünnig wurden. Seit spätestens 1938 / 1939 wurde die Hilfe auch auf Nichtkatholiken ausgedehnt. Mit Kriegausbruch im September 1939 wurde sofort das vatikanische Hilfswerk für die Verfolgten des Krieges ins Leben gerufen, das half, in den von den Deutschen systematisch abgeriegelten Gebieten im Osten Verschollene und Verschleppte ausfindig zu machen. Wenn man diese Menschen aufspüren konnte, unter denen auch viele Juden waren, versorgte man sie oder schickte Hilfsmittel.

Während der deutschen Besetzung Roms wurden etwa 1700 Juden deportiert und ermordet, darunter wurden 1250 an einem einzigen Tag zusammengetrieben, am 16. Oktober 1943. Auf diesen Übergriff bezieht sich auch Rolf Hochhuth in seinem anklagenden Theaterstück. Hat der Vatikan da gar nichts getan?

Der Vatikan hat auch da reagiert und gegenüber dem deutschen Botschafter beim Heiligen Stuhl, Ernst von Weizsäcker, angekündigt, der Papst werde an die Öffentlichkeit gehen, wenn die Razzia nicht sofort eingestellt werde. Dieser sagte dann zu, alles in seiner Macht stehende zu tun, um dem Einhalt zu gebieten. Zugleich ist das päpstliche Staatssekretariat einen zweiten Weg gegangen: Der Neffe des Papstes, Carlo Pacelli, wurde zum Rektor der deutschen Nationalkirchenstiftung Santa Maria dell’Anima, Alois Hudal geschickt. Hudal schrieb dann an den Oberkommandierenden der Wehrmachtstruppen in Rom, General Stahel, und an das Auswärtige Amt in Berlin. Hudal argumentierte, Rom sei ein militärisch-strategisches Zentrum für die deutschen Besatzungstruppen in Mittelitalien, und die deutschen Besatzer riskierten einen Aufstand, weil ihr Vorgehen gegen die Juden in Rom sehr unbeliebt sei. So ein Aufstand könnte die militärische Position in Italien stark erschüttern.

Was hat das dann bewirkt?

Am Tag darauf wurden, auf direkte Anordnung Himmlers, sämtliche weiteren Razzien in Rom gegen Juden eingestellt. Rund 6.000 Juden sind in Rom geblieben und in der Folgezeit in großer Zahl auch in vatikanischen Häusern und Klöstern versteckt und damit gerettet worden.

Wieviel Juden sind denn wohl insgesamt durch den Vatikan gerettet worden? Pinchas Lapide schreibt ja in seinem Buch Rom und die Juden von 700.000 bis 860.000 Juden, die ihre Rettung dem Heiligen Stuhl zu verdanken hätten.

Optimistischen Schätzungen zufolge könnte man davon ausgehen, daß etwa 100.000 Juden durch Rom gerettet wurden. Ich denke, daß die Zahl, die Pinchas Lapide nennt, übertrieben ist. Es sind einfach auch viele Rettungsversuche nicht gelungen.

Sie schildern sehr eindrücklich die Politik der Hilfe, die der Vatikan verfolgte. Welche Handlungsmöglichkeiten hatte denn der Papst überhaupt in dieser Situation? Hätte es mehr gebracht, die Neutralität offen aufzugeben?

Einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen, noch 1937 erwogen, oder eine Aufkündigung des Reichskonkordats hätte bei den Katholiken in Deutschland auch den Eindruck erwecken können, der Papst lasse sie nun im Stich und mache sie mitverantwortlich für die Verbrechen, die in Deutschland geschehen, obwohl die Nazis die Kirche massiv und scharf bekämpften.

Was das Thema Neutralität betrifft, so läßt sich sagen, daß der Heilige Stuhl doch faktisch dazu genötigt wurde, sich bei den westlichen Alliierten einzugliedern, je weiter der Krieg fortschritt. Die außenpolitische Neutralität konnte aber formal nicht einfach aufgegeben werden, da sich der Heilige Stuhl ja im Lateranstaatsvertrag von 1929 dazu verpflichtet hatte. Italien hätte in so einem Fall im Gegenzug seine Politik gegenüber dem Vatikan ändern können, der auch noch von der italienischen Strom- und Wasserzulieferung abhängig war.

Thomas Brechenmacher (43) habilitierte sich im Jahr 2003 im Fach Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr München, wo er als Lehrbeauftragter und wissenschaftlicher Assistent wirkt. Er ist Stellvertreter im Vorstand der „Forschungsstelle deutsch-jüdische Zeitgeschichte e.V.“ (Vorsitzenden, Professor Michael Wolffsohn). Brechenmacher veröffentlichte unter anderem das viel beachtete Werk „Der Vatikan und die Juden“ im C.H.Beck Verlag (München, 2005).

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