Der Papst aus Deutschland – Vom Glaubenswächter zum Hirten der Kirche

[Beitrag im PD-Format]

von P. Lothar Groppe SJ

Inzwischen weiß jeder Zeitungsleser, daß mit der Wahl Kardinal Ratzingers zum Oberhaupt der katholischen Kirche seit 482 Jahren erst­mals wieder ein Deutscher auf den Stuhl Petri erhoben wurde. Weniger bekannt jedoch dürfte sein, daß er immerhin sieben deutsche Vorgänger hatte. Der erste Deutsche, der die Papstwürde errang, war Bruno von Kärnten, Sohn Herzog Ottos von Kärnten, ein Urenkel Kaiser Ottos I. Sein Vetter, König Heinrich III. ernannte ihn, der erst 23 Jahre zählte, aber bereits welterfahren war, zum Papst. Ein Vorgang, der heute in mehrfacher Hinsicht unvorstellbar ist. Dennoch war der neue Papst für die Kirche ein Gewinn. Er war reformfreudig, wurde allerdings bereits nach drei Jahren durch Malaria weggerafft. Das 11. Jahrhundert sah vier deutsche Päpste, denen aber ebenfalls nur ein kurzes Pontifikat beschie­den war. Meist erlagen sie der Malaria. Die Pontinischen Sümpfe, eine ehemals versumpfte Lagune, waren Brutstätten der blutgierigen Sauger. Erst im 20. Jahrhundert wurde die etwa 800 qkm große fruchtbare mittel­italienische Ebene unter Mussolini mit Erfolg trockengelegt.

Den deutschen Päpsten ging es entscheidend um die Beseitigung der Simonie, d.h. des Kaufs geistiger Ämter, ein Umstand, der lange in der Kirche herrschte und Wurzel vieler Übel war.

Der letzte deutsche Papst vor Kardinal Ratzinger war Hadrian VI. Während die Päpste seit Jahrhunderten nach der Thronbesteigung einen neuen Namen wählten, behielt Hadrian VI. seinen Taufnamen bei. Auf dem Reichstag von Nürnberg 1522 ließ er ein Schuldbekenntnis der Kirche ablegen, das allerdings von den meisten Kardinälen ebenso wie von Luther mißachtet wurde.

Joseph Ratzinger wurde am 16. April 1927 als Sohn eines einfachen Gendarmeriebeamten im bayerischen Marktl geboren. Wenn englische Zeitungen wie beispielsweise „The Sun“ meinten, hervorheben zu sollen, daß Joseph einmal Hitlerjunge war und französische Blätter meinten, eine Assoziation Ratzi – Natzi herstellen zu sollen, ist dies bezeichnend für das „Niveau“ so mancher Journalisten. Und dies, obwohl wir heute von „Freunden umgeben sind“, wie uns unsere Politiker versichern. Ganz anders hingegen äußerte sich der amerikanische Präsident George W. Bush:

„Er ist der Mann, der Gott dient. Wir beten mit unseren Landsleuten und Millionen in der ganzen Welt für anhaltende Kraft und Weisheit, während Seine Heiligkeit die katholische Kirche führt.“

Ratzinger wurde schon in jungen Jahren Professor der Theologie an mehreren deutschen Universitäten. Der seinerzeit überaus populäre Erz­bischof von Köln, Kardinal Frings, wurde auf ihn aufmerksam und er­nannte ihn zu seinem theologischen Berater beim II. Vatikanischen Kon­zil. Für ihn schrieb Ratzinger die Rede, die das Konzept einiger Konzils­väter durcheinander brachte. Diese wollten ihre vorbereiteten Dokumente im wesentlichen von den Bischöfen absegnen lassen. Dank der Rede von Frings kam es aber zu echten Diskussionen. Die bisweilen heftigen Meinungsverschiedenheiten der Konzilsväter erregten auch das Interesse von Nichtkatholiken. In Deutschland trug P. Mario v. Galli mit zahl­reichen Fernsehbeiträgen dazu bei, daß sich auch Nichtkatholiken für die Themen des Konzils interessierten.

Ratzinger wurde nicht zuletzt durch mehrere Bücher bekannt, die sich durch theologische Tiefe auszeichnen, aber auch für Nichtakademiker verständlich sind.

Bezeichnend für ihn ist, daß er, der von seinen „Freunden“ gern als „Panzerkardinal“ und „Großinquisitor“ apostrophiert wird, auf die An­regung des Journalisten Peter Seewald einging, sich den Fragen über die Situation der Kirche zu stellen. Natürlich erkundigte sich der immerhin zweite Mann nach dem Papst, mit wem er es zu tun haben würde. Seewald arbeitete für die Süddeutsche Zeitung und den Spiegel, Publikations­organe, die nicht gerade als kirchenfreundlich gelten. Zudem war er vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten und Kommunist geworden. So kam es zum Buch „Salz der Erde“. In ihm nahm der Präfekt der Glaubenskongregation ohne Scheu zu bekannten Tabuthemen wie Scheidung, Frauenpriestertum, Abschaffen des Zölibats und den popu­lären Forderungen der katholischen „Volksbegehren“ Stellung. Da das Buch eine sehr günstige Aufnahme fand, regte Seewald eine zweite Gesprächsrunde an, um die inneren Fragen des Glaubens auszuleuchten. Trotz seiner zeitlichen Überlastung ging Ratzinger auf diesen Vorschlag ein und so kam es zum Buch „Gott und die Welt“. Seewalds persönliche Konsequenz aus der Begegnung mit dem Präfekten der Glaubenskongre­gation war der Abschied vom kommunistischen Gedankengut und der Wiedereintritt in die katholische Kirche.

Kardinal Ratzinger war schon lange vor seiner Wahl zum Papst welt­weit bekannt. Vor allem in Deutschland standen ihm allerdings viele kri­tisch gegenüber. Als „Chef“ der Glaubenskongregation war er der oberste Hüter des katholischen Glaubens. In einer Zeit des Relativismus, wie das bekannte Wort: „Ob Jud’, ob Christ, ob Hottentott’ wir glauben all’ an einen Gott“ sagt, betrachtet er als wesentliche Aufgabe seines Pontifikats, „den Glauben der Einfachen gegen die Macht der Intellektuellen zu ver­teidigen“, so in seinem Buch „Zeitfragen und christlicher Glaube“.

Wie kam es eigentlich zu den Attributen „Panzerkardinal“ und „Großinquisitor“?

Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir etwas zurückgehen: „Ein aggressiver Deutscher, mit seinem stolzen Auftreten, ein Asket, der das Kreuz wie ein Schwert trägt.“ – „Ein Panzerkardinal, der nie die prunk­vollen Gewänder und das goldene Brustkreuz eines Fürsten der heiligen Römischen Kirche abgelegt hat.“ – „Gottes Rottweiler ist der neue Papst.“ Dies sind nur einige Stimmen aus der internationalen Presse.

Im Januar 1982 wurde Joseph Ratzinger nach Professorentätigkeit in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg sowie fünf Jahren als Erz­bischof von München-Freising von Papst Johannes Paul II. zum Präfekten der Glaubenskongregation ernannt, die bis 20 Jahre zuvor die „Römische und Universale Inquisition“ oder das „Heilige Offizium“ hieß. Sie soll der Vertiefung des Glaubens und seiner Reinerhaltung dienen und ist die eigentliche Hüterin der katholischen Orthodoxie. Nach der konziliaren Reform verlieh ihr Papst Paul VI. den Vorrang vor allen anderen Kon­gregationen. Sie ist „die Kongregation, die die wichtigsten Dinge be­handelt“.

Im August 1984 gewährte Kardinal Ratzinger dem bekannten italie­nischen Journalisten Vittorio Messori das bis dahin längste Interview. Messori schreibt (in „Zur Lage des Glaubens“), er habe bei Ratzinger in den Tagen, in denen er mit ihm zusammen war, nichts bemerkt, „was das Bild vom Dogmatiker, vom harten Großinquisitor, das ihm einige an­hängen wollen, rechtfertigen würde.“ (S. 12)

Das Einzige, was sich der Kardinal in den Interviews ausbedungen hatte, war, die Texte vor der Veröffentlichung noch einmal durchsehen zu können, um zu sehen, ob er sich in ihnen wiedererkennen könne.

1964 befand sich Professor Ratzinger unter den Gründern der inter­nationalen Zeitschrift „Concilium“, um die sich der sogenannte „progres­sive“ Flügel der Theologie scharte.

Welche Bedeutung hatte die Zusammenarbeit für ihn, den späteren Präfekten der Glaubenskongregation? War es gleichsam eine „Jugend­sünde?“, wie Messori scherzhaft fragte. Die Antwort kam prompt:

„Nicht ich habe mich geändert, sondern die anderen. Schon bei unse­ren ersten Zusammenkünften wies ich meine Kollegen auf zwei Erforder­nisse hin. Zum einen: Unsere Gruppe dürfe in keinerlei Sektierertum und Arroganz verfallen, als ob wir die neue, wahre Kirche, ein alternatives Lehramt seien, das die Wahrheit über das Christentum gepachtet hätte. Zum zweiten: Es bedürfe der Auseinandersetzung ohne einzelgängerische Fluchten nach vorne mit der Wirklichkeit des II. Vaticanums, mit dem echten Buchstaben und dem echten Geist des Konzils, nicht mit einem imaginären III. Vaticanum. Diese Erfordernisse sind in der Folgezeit immer weniger beachtet worden bis hin zu einem Wendepunkt, der um 1973 anzusetzen ist, als jemand anfing zu sagen, daß die Texte des II. Vaticanums nicht mehr der Bezugspunkt für die katholische Theologie seien. … Es sei folglich notwendig, daß man es überwinde.“

Daher habe er sich vom Concilium abgesetzt (S. 16 f.):

„Ich wäre niemals zu diesem kirchlichen Amt (Präfekt der Glaubens­kongregation) bereit gewesen, wenn meine Aufgabe vorwiegend im Über­wachen bestanden hätte. Mit der Reform fallen unserer Kongregation wohl weiterhin Entscheidungen zu, die auch disziplinäre Eingriffe nach sich ziehen können. Aber sie sind doch wesentlich einem positiven Auf­trag zugeordnet, um den Verkündigern des Evangeliums neue Energien zu geben. Wir sind natürlich nach wie vor auch dazu aufgerufen, zu wachen, ‚die Irrtümer zu korrigieren und die Irrenden auf den rechten Weg zurück­zuführen’ …. Aber dieser Schutz des Glaubens muß seiner Förderung zugeordnet bleiben.“ (S. 19 f.)

Die Frage, ob es heute noch Häresien gebe, beantwortet der Kardinal mit Canon 751 des CIC:

„Häresie nennt man die nach Empfang der Taufe erfolgte beharrliche Leugnung einer kraft göttlichen und katholischen Glaubens zu glauben­den Wahrheit oder einem beharrlichen Zweifel an einer solchen Glaubenswahrheit.“

Der Häretiker verfällt wie der Schismatiker und Apostat der Ex­kommunikation latae sententiae (d.h. ohne vorhergehenden Richter­spruch, Anm. des Verfassers).

„Dies gilt für alle Gläubigen, aber die Maßnahmen gegenüber einem Häretiker, der Priester ist, sind gravierender.“(S. 23)

„Straftaten gegen die Religion und die Einheit der Kirche“ existieren nach wie vor und es geht darum, „die Gemeinschaft vor ihnen zu schützen. Das Wort der Hl. Schrift gilt für die Kirche zu jeder Zeit …“ Deshalb gilt auch heute die Mahnung des zweiten Petrusbriefes, man solle sich vor den falschen Propheten und vor den falschen Lehrern, die ver­derbliche Irrlehren verbreiten (2, 1) hüten. In der Verteidigung des rechten Glaubens sieht die Kirche „auch ein soziales Werk zugunsten aller Gläubigen.“ Man dürfte allerdings „nicht vergessen, daß die Rechte des einzelnen Theologen geschützt werden müssen, aber auch die Rechte in der Gemeinschaft“ (S. 23). Die Exkommunikation will den Häretiker nicht bestrafen, sondern korrigieren.

Eine aufschlußreiche Äußerung zur scherzhaften Frage Messoris, ob er lieber eine Kirche mit ihrem Zentrum in Deutschland statt in Italien hätte, schiene angesichts der knappen Kassen bedenkenswert: „Das wäre schlimm“ – meinte er lachend – „dann hätten wir eine überorganisierte Kirche … Wir hatten allein im Münchner Ordinariat 400 Beamte und Angestellte, alle regulär bezahlt. Nun, man weiß, daß von Natur aus jede Behörde die eigene Existenz dadurch rechtfertigen muß, daß sie Doku­mente verabschiedet, Begegnungen veranstaltet, neue Strukturen plant. Zweifellos haben alle das Beste gewollt. Aber oft genug konnte es geschehen, daß die Pfarrer sich durch die Vielzahl der ‚Hilfen’ eher be­lastet als unterstützt fühlten“ (S. 67). Man denkt unwillkürlich an das Wort: 100 Ingenieure und acht Arbeiter! Interessanterweise zählt die Glaubenskongregation, einschließlich des Präfekten, etwa 30 Mitglieder.

Anfang 1983 sagte Kardinal Ratzinger bei einer Konferenz in Frank­reich:

„Ein erster schwerer Fehler (zur Glaubensbildung, Anm. d. Verf.) war es, den Katechismus abzuschaffen und ganz allgemein die Gattung ‚Katechismus’ für überholt zu erklären.“

Und er sprach von einem „eilfertig und mit großer Sicherheit inter­national betriebenen Fehlentscheid.“ (S. 73). Der Verfasser erinnert sich, daß er 1975 im Auftrag der nordrhein-westfälischen Bischöfe die gängig­sten Religionsbücher zu überprüfen hatte und ebenfalls die Einführung eines Katechismus forderte, der die wichtigsten Glaubenswahrheiten un­verkürzt und unverfälscht darlegen solle. Die weitverbreiteten Religions­bücher genügten nicht den Mindestanforderungen, die zu einem Leben aus dem Glauben befähigen. Zwar teilten die meisten Leser diese Auf­fassung, aber seitens der Verfasser und anderer „Fortschrittlicher“ gab es scharfe Proteste. Katechismen seien längst überholt. (Vgl. meinen Artikel im Rheinischen Merkur im September 1975 „Kinder, die zu kurz kommen.“)

„Die Fachwissenschaft errichtet einen Zaun um den Garten der Schrift, zu dem der Nicht-Experte keinen Zugang mehr hat.“ (S. 76)

Nicht zuletzt wegen seines Einsatzes für die genuine katholische Moraltheologie erschien Ratzinger vielen als „Panzerkardinal“. In seiner Rede in Bogotà führte er u. a. aus:

„Es ist natürlich, daß sich alle Formen sexueller Befriedigung in ‚Rechte’ des einzelnen verwandeln. So wird, um ein heute besonders aktuelles Beispiel zu nennen, die Homosexualität zu einem unveräußer­lichen Recht … Ihre volle Anerkennung erscheint als ein Aspekt der Befreiung des Menschen.“ (S. 85/86).

Nach seiner Auffassung ist

„… heute der Bereich der Moraltheologie das Hauptfeld der Spannun­gen zwischen Lehramt und Theologen geworden, zumal hier die Konse­quenzen am unmittelbarsten fühlbar werden … Verschiedentlich werden voreheliche Beziehungen, zumindest unter gewissen Bedingungen, gerechtfertigt; die Masturbation wird als ein normales Phänomen in der Entwicklung der Jugendlichen dargestellt; die Zulassung wiederverheira­teter Geschiedener wird ständig neu gefordert … Selbst in Bezug auf die Frage der Homosexualität werden Rechtfertigungsversuche unter­nommen: Es ist sogar vorgekommen, daß Bischöfe – aufgrund unge­nügender Information oder aus einem Schuldgefühl von Katholiken einer ‚unterdrückten Minderheit’ gegenüber – den gays Kirchen für ihre Veran­staltungen zur Verfügung gestellt haben. Dann gibt es noch den Fall ‚Humanae vitae’, die Enzyklika von Paul VI., die das ‚Nein’ zu den Kon­trazeptiva bekräftigt hat und die nicht verstanden worden ist; sie ist im Gegenteil in weiten kirchlichen Kreisen mehr oder weniger offen abge­lehnt worden.“ (S. 87) Vgl. die Königsteiner Erklärung.

Ein besonders brisantes Thema, das zum schlechten Ruf Kardinal Ratzingers beitrug, war die „Instruktion über einige Aspekte der ‚Theolo­gie der Befreiung’“. Sie hatte bereits ganze Seiten in Beschlag genommen. Bezeichnend war, daß viele Kommentatoren das Dokument beurteilten, ohne es je gelesen zu haben, bestenfalls in einer unvollständigen Zusam­menfassung. Darüber hinaus wurden nahezu ausschließlich die politischen Implikationen berücksichtigt und die religiösen ignoriert. Der Text war durch eine „journalistische Indiskretion“ in die Öffentlichkeit gelangt. Im Vorwort der Instruktion heißt es:

„Die Kongregation für die Glaubenslehre beabsichtigt nicht, das weite Thema der christlichen Freiheit und der Befreiung vollständig zu behan­deln. Sie nimmt sich vor, dies in einem späteren Dokument zu tun, das – in positiver Ausrichtung – alle Reichtümer ins rechte Licht stellt, sowohl in der Lehre als auch in der Praxis.“ (6.8.1984)

Die Instruktion betont, ihre Warnung darf

„… in keiner Weise als eine Verurteilung all derer ausgelegt werden, die hochherzig und im authentischen Geist des Evangeliums auf die ‚vorran­gige Option für die Armen’ antworten wollen … Mehr denn je will die Kirche die Mißbräuche, die Ungerechtigkeiten und die Verstöße gegen die Freiheit verurteilen, wo immer sie begegnen und wer immer die anzettelt, und mit den ihr eigenen Mitteln bekämpfen, um die Menschenrechte, ins­besondere in der Person der Armen, zu verteidigen und zu fördern.“

Kardinal Ratzinger betonte,

„Befreiung ist der Schlüsselbegriff auch der reichen Gesellschaften Nordamerikas und Westeuropas: Befreiung von der religiösen Ethik und mit ihr von den Begrenztheiten des Menschen selbst … Von ‚Befreiung’ spricht man schließlich in Südamerika, wo man sie vor allem im sozialen, ökonomischen und politischen Sinn versteht.“

Nach einem Wort des Dominikaners Wolfgang Ockenfels hat die Befreiungstheologie die „Option für die Armen“ mit der „Option für den Sozialismus“ verwechselt. Dieser Streit zwischen „Boffis“ und „Ratzis“ hat sich von selbst erledigt durch das globale Ereignis von 1989 (Junge Frei­heit 15.4.2005).

Aufgabe des Präfekten der Glaubenskongregation ist es, darüber zu wachen, daß die Kirche nicht ihres Fundaments beraubt wird. Wer ein Diktat zu prüfen hat, muß natürlich auf Rechtschreibfehler achten. Mutatis mutandis ist dies auch Aufgabe der Glaubenskongregation. Es gibt einen interessanten Artikel von Hannes Stein in der „Welt“ vom 19.9.2000: „Die Toleranz Kardinals Ratzingers“. In ihm heißt es:

„Tout le monde hat sich darüber aufgeregt, daß er (Ratzinger) erklärte, die katholische Kirche könne die verschiedenen protestantischen Konfes­sionen nicht als ihr ebenbürtig anerkennen. Die Aufregung war ver­blüffend; ich sehe kaum, wie ein Katholik anders über dieses Thema denken könnte. Die Kirche Roms versteht sich selbst als Fortsetzung Israels. Und so wie fromme Juden sich um die Thora-Rollen aus Perga­ment scharen, die sie für die Schrift gewordene Offenbarung Gottes halten, so stellt sich die katholische Kirche schützend um ihre Dogmen herum, aus denen ihrer Meinung nach das Licht der reinen Wahrheit strahlt. Was ist daran verwerflich?“

Es geht um die Enzyklika „Dominus Jesus“, die auch im katholischen Raum viel Staub aufgewirbelt hat. Das Bemerkenswerte ist, daß Hannes Stein Jude ist.

Die Glaubenskongregation – und in erster Linie natürlich ihr Präfekt – hat kein Amt zum Schmusen und für pastorale Liebenswürdigkeiten, sondern wie Heinz-Joachim Fischer in der FAZ schrieb „für klirrende Klarheit angesichts des Laufs der Welt.“

Ein vordringliches Anliegen Benedikts ist es, Spaltungen zu ver­meiden und Einheit zu schaffen. Dies könnte die schwerste Last werden, die er zu schultern hat. In das weltweite Echo zu seiner Wahl, das zumeist positiv war, mischten sich die Stimmen jener, die sich von ihm als Präfekt der Glaubenskongregation ungerecht behandelt wähnten. So klagte Hans Küng, dem 1980 die katholische Lehrerlaubnis entzogen wurde, die Wahl sei eine „große Enttäuschung“. Der jahrelange Medienstar Eugen Dre­wermann bezweifelte jeglichen Reformwillen des neuen Papstes. Dagegen stehen dessen klare Worte:

„Wir dürfen nicht einfach seelenruhig alles andere ins Heidentum herunterfallen lassen, sondern müssen Wege finden, das Evangelium wieder neu auch in die Räume der Nichtglaubenden hineinzubringen.“

Als eine der größten Gefahren unserer Zeit betrachtet Papst Bene­dikt den Relativismus, wie er in seiner Predigt zu Beginn des Konklaves ausführte:

„Wieviele Winde der Lehre haben wir in den letzten Jahrzehnten erlebt! Wieviele ideologische Strömungen, wieviele Moden des Denkens … vom Marxismus zum Liberalismus, bis zur Libertinage; vom Kollekti­vismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einer vagen religiösen Mystik; vom Agnostizismus zum Synkretismus und so weiter. Jeden Tag entstehen neue Sekten … Einen klaren Glauben zu haben, gemäß dem Credo der Kirche, wird häufig als Fundamentalismus etiket­tiert. Dabei erscheint der Relativismus, das heißt, das Sich-treiben-lassen hierhin und dorthin, von jedwedem Wind der Lehre, als die einzige Haltung auf der Höhe der Zeit. Es bildet sich eine Diktatur des Relati­vismus heraus, die nichts als definitiv anerkennt und die als einziges Maß nur das eigene Ich und seine Wünsche gelten läßt.“

Daß Papst Benedikt sich nicht in den Elfenbeinturm des Gelehrten zurückgezogen hat, wird aus seinen Stellungnahmen zu höchst aktuellen Problemen der Gegenwart deutlich. Bekanntlich wurde in Deutschland im Zeichen der Gleichberechtigung gefordert, in der Bundeswehr auch Frauen zuzulassen, die nicht nur im Sanitätsdienst und in Musikkorps, sondern auch in Kampfverbänden tätig sein sollten. Kardinal Ratzinger meinte hierzu:

„Es schaudert mich persönlich immer noch, wenn man die Frauen zu Soldaten machen will. Oder daß Frauen nun auch das ‚Recht’ haben, Müllabfuhr zu machen und ins Bergwerk zu gehen, alles, was man ihnen eigentlich aus Respekt vor ihrer Größe, ihrem größeren Anderssein, ihrer eigenen Würde nicht antun sollte, das wird ihnen nun im Namen der Gleichheit auferlegt.“

Besonders die Heimatvertriebenen sollten nicht vergessen, daß sich Papst Benedikt, damals noch Erzbischof von München, am Pfingstsonntag 1979 ganz entschieden zu den Heimatvertriebenen bekannt hat:

„Wenn Sie der verlorenen Heimat gedenken, dann steht das Unrecht der Vertreibung wieder vor Ihren Augen, das 15 Millionen Deutschen nach dem Krieg oft unter schrecklichen Begleitumständen widerfahren ist. Die Weltöffentlichkeit hört aus vielen Gründen nicht gern davon, es paßt nicht in ihr Geschichtsbild hinein. Sie drängt dazu, dieses Unrecht zu ver­schweigen, und auch Wohlgesinnte meinen, daß man um der Versöhnung willen nicht mehr davon sprechen sollte. Aber eine Liebe, die den Ver­zicht auf die Wahrheit voraussetzt, ist keine wahre Liebe. Sie hätte ein schlechtes Fundament.

Aus der Psychologie wissen wir, daß Verschwiegenes und Verdrängtes im Menschen weiterwirkt und, wenn es keinen Ausweg findet, zur Ver­giftung von innen wird. Was im Leben des Einzelnen gilt, das gilt auch für die Völker. Unterdrückte Wahrheiten werden zu gefährlichen Mächten, die den Organismus von innen vergiften und irgendwo ausbrechen. Liebe braucht Wahrheit und darf nicht ohne sie sein.

Aber umgekehrt gilt auch: Nur die Liebe ist die rechte Antwort auf die Wahrheit, nur durch die Liebe wird die Wahrheit sinnvoll. Deswegen kann es nicht genügen, nach rückwärts zu schauen und das Unrecht zu benennen, es muß in Versöhnung umgewandelt werden. Nur die Ver­söhnung kann die Kette des Bösen abbrechen. Haß kann den Haß nicht überwinden, Unrecht nicht das Unrecht beseitigen: Das wissen Sie selbst aus Ihrer leidvollen Geschichte am besten … ich möchte in dieser Stunde ganz besonders all denen von Ihnen – einzelnen und Gruppen – danken, die bewußt nach allem Erlittenen in den Dienst der Versöhnung, der Überwindung des Vergangenen getreten sind.“

Die Sorge mancher, die lieber einen „progressiven“ Nachfolger für Papst Johannes Paul II. gesehen hätten, weil sie bei Benedikt keine Ansätze zu notwendigen Reformen zu erkennen meinen, hält der jetzige Bischof von Augsburg, Walter Mixa, der als Nachfolger von Erzbischof Dyba zusätzlich zu seinem Bistum das Amt des Militärbischofs bekleidet, für nicht begründet:

„Wer den neuen Papst reformfeindlich nennt, der kennt ihn nicht richtig.“

Und Ratzingers langjähriger akademischer Kollege, der ehemalige Tübinger Dogmatikprofessor Peter Hünermann, will überraschende Wendungen bei Benedikt XVI. nicht ausschließen:

„Bei uns ist niemand vor Einflüsterungen des heiligen Geistes gefeit.“

Das religionswissenschaftliche Institut in Bologna hatte bereits vor 30 Jahren einen Reformenkatalog ausgearbeitet, der bisher noch nicht ent­sprechend behandelt worden ist. Themen wie Sexualmoral, Zölibat, Demokratisierung, Kollegialität, Geschiedenenseelsorge, Abendmahl­gemeinschaft und die Stellung der Frau treten in einem konfessionell gemischten Land wie Deutschland deutlicher hervor als etwa in Italien, Irland oder Polen. Es handelt sich aber nicht um typisch deutsche Probleme. Sie stellen sich, graduell verschieden, auf der ganzen Welt. Papst Benedikt könnte mit der ihm als Oberhaupt der katholischen Kirche eigenen Vollmacht die römische Kirchenzentrale, die Kurie, umgestalten. So könnten beispielsweise die Bischöfe mehr Entscheidungsfreiheit erhalten. Kardinal Ratzinger selbst hatte noch einige Monate vor seiner Wahl zum Papst erklärt, daß die Kirche, die weltweit etwa 1,1 Milliarden Katholiken zählt, nicht mehr wie eine Monarchie geführt werden könne. Aus langjähriger Erfahrung an der Kurie kennt er die römischen Seil­schaften, die unter seinem Vorgänger schon allein wegen dessen zahl­reichen Reisen in alle Welt oft nach eigenem Gutdünken schalteten.

Die Bologneser Reformer denken an eine Art Regierungskabinett aus Bischöfen, die wöchentlich ein- bis zweimal mit dem Papst beraten und gemeinsam mit ihm, aber nie gegen ihn, entscheiden. Die Ausführung bliebe dann der Kurie überlassen.

Das größte Ärgernis der Christenheit ist ihre Zerrissenheit. Bei aller Profilierung des katholischen Glaubens, der keine Wischiwaschi-Öku­mene duldet, liegt Papst Benedikt die Einheit der Christen als vordring­liches Anliegen am Herzen. Dabei weiß er sich dem Auftrag Christi ver­pflichtet. In seinem Denken ist er stark vom englischen Konvertiten, Kar­dinal John Henry Newman, geprägt. Dieser schrieb an den Herzog von Norfolk, dem Haupt des englischen Laienkatholizismus:

„Es hängt keineswegs von der Laune des Papstes noch von seinem Belieben ab, ob er diese oder jene Lehre zum Gegenstand einer Lehrent­scheidung macht. Er ist durch die göttliche Offenbarung und durch die Wahrheiten, die jene Offenbarung enthält, gebunden und begrenzt. Er ist gebunden und begrenzt durch die Glaubensbekenntnisse, die schon in Kraft sind, und durch die vorhergehenden Lehrentscheidungen der Kirche.“

Daß selbst ein als „Konservativer“ geltender Mann der Kirche nach reiflicher Überlegung in einer wichtigen Frage seine Meinung ändern kann, macht deutlich, daß Papst Benedikt keineswegs in festgefahrenen Gleisen denkt. Ursprünglich war er der Ansicht, der schwerkranke Papst Johannes Paul II. solle zurücktreten, was ja auch viele kirchen- und papsttreue Katholiken meinten. Diese Überlegung hatte übrigens seiner­zeit auch der schwerkranke Papst Pius XII. angestellt. Von ihm stammt das Wort:

„Ein Papst muß gesund oder tot sein.“

In den letzten Wochen vor dem Konklave gelangte Kardinal Ratzin­ger jedoch zur Überzeugung, der umjubelte, aber zurückgetretene Karol Wojtyla könne zum Gegenpol seines Nachfolgers werden. Schließlich kennt die Kirchengeschichte mehrerer Gegenpäpste mit je eigener Anhängerschaft, die der Glaubwürdigkeit der Kirche schweren Schaden zufügten.

Wenn Kardinal Ratzinger, der seinem Vorgänger persönlich eng ver­bunden war, dennoch nicht als neuen Namen etwa Johannes Paul III. wählte, sondern Benedikt XVI., so hatte dies ganz wesentlich mit seiner Bewunderung für Papst Benedikt XV. zu tun, der von 1914 bis 1922 die Kirche leitete. Er war ein „Kämpfer der Versöhnung“ und wollte den „Selbstmord der Völker“ verhindern. Unmittelbar nach seiner Thronbe­steigung am 3.9.1914 hatte er sich – leider ebenso vergeblich wie Pius XII. 1939 – bemüht, die Völker der Erde vor einem Weltkrieg zu bewahren. Bei aller Wahrung strikter Neutralität gegenüber den Kriegsparteien sagte er deutlich, was er von dem überall mit patriotischer Begeisterung beglei­teten wechselseitigen Gemetzel hielt: Der Krieg sei eher „eine Schlächte­rei“ als ein Kampf unter Männern.

Benedikt möchte versöhnen, nicht spalten. Wie auch immer die ent­scheidenden Stationen seines Pontifikats verlaufen, sie werden geprägt sein von seiner Besinnung auf das Wesentliche, denn nur so kann man sich der „Gotteskirche“ stellen, die Papst Benedikt XVI. als die große Herausforderung der Christenheit am Beginn des dritten Jahrtausends sieht. Ebenso wie Benedikt XV. möchte er ein „Papst der Verständigung und der Versöhnung“ sein.

Pater Lothar Groppe SJ, geboren 1927 in Münster. Nach Kriegseinsatz studierte er zunächst Rechtswissenschaft und trat 1948 in den Jesuiten­orden ein. Einige Jahre war er an den Ordensgymnasien in Berlin und Büren/Westfalen tätig. Ab 1962 im Dienst der Militärseelsorge, von 1963–71 Militärpfarrer und Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg (Militärdekan), anschließend im Bistum Essen tätig. Von 1973–87 Vorlesungen und Seminare für die österreichischen General­stabslehrgänge, zwischenzeitlich Leiter der deutschen Sektion von Radio Vatikan, Studenten- und Lehrerseelsorger sowie Gemeindepfarrer in Österreich. Ab 1978 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates der Gesell­schaft für politisch-strategische Studien Wien/Madrid. Seit 1982 Kranken­hausseelsorger und schriftstellerische Tätigkeit. Ab 1991 Mitglied des Kuratoriums „Konservative Kultur und Bildung“. Seit 1998 Mitglied im Kuratorium „Verbrauchervereinigung Medien“ und im Beirat der „Staats- und Wirtschafspolitischen Gesellschaft“.

Der Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung dem Buch: Zum 80. Geburtstag – Festschrift der Gesellschaft zur Förderung öffentlicher Verantwortung e.V. für den Heiligen Vater Papst Benedikt XVI., hrsg. von Georg Ratzinger und Roger Zörb, Hamburg 2007, entnommen.

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